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Junges Blut - ein Verjüngungselixier?

PlayGemälde von jungen Menschen in einem Brunnen
Junges Blut - ein Verjüngungselixier? | Video verfügbar bis 18.05.2024 | Bild: SWR

Blut gilt als "Lebenssaft" – und es spielt im Alterungsprozess eine wichtige Rolle. Mit dem Alter sammeln sich Genveränderungen in unseren Blutzellen an, und mit jeder dieser Veränderungen wächst das Risiko für bösartige Bluterkrankungen und auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die unangefochtene Todesursache Nummer eins in Deutschland. Doch in jungem Blut befinden sich offenbar Proteine, die dem Alterungsprozess entgegenwirken.

Versuche im Tiermodell haben gezeigt, dass das junge Blut einer drei Monate alten Maus (das entspricht etwa einem 20-jährigen Menschen) einzelne Organe im Körper einer 18 Monate alten Maus (etwa 65 Menschenjahre) verjüngen kann. Diese Ergebnisse sind für Hämatologen gar nicht so überraschend: "Wenn wir in der Klinik Blutstammzellen von jungen Spendern in alte Patienten transplantieren, dann erhalten sich die Blutzellen ihre jugendliche Signatur, auch wenn sie im alten Organismus leben", berichtet Florian Heidel. Er behandelt Leukämiepatienten am Uniklinikum Jena und erforscht am dort ansässigen Leibniz-Institut für Alternsforschung den Alterungsprozess von Blutstammzellen. "Junge Blutstammzellen haben eine bessere Regenerationsfähigkeit für den Organismus und können natürlich auch länger und besser Blut produzieren, was dann insgesamt wichtig ist für den Genesungsprozess des Patienten", sagt er. "Wird der gesamte Körper jünger? Darüber gibt es jetzt erst kürzlich publizierte Daten, die zeigen, dass bestimmte Proteine im Blutplasma bestimmte Organe verjüngen können."

Jungblut als Anti-Aging-Kur?

Zwei Mäuse in einer Animation
Durch "Parabiose" teilen sich zwei Mäuse einen Blutkreislauf. | Bild: SWR

Diese Daten stammen vom Alzheimerforscher Tony Wyss-Coray von der US-amerikanischen Stanford University. Er wollte herausfinden, ob sich das Gehirn durch junges Blut verjüngen lässt. Genau das hatten nämlich Stammzellforscher für andere Organe bereits bewiesen. Wyss-Corays Ziel ist es, die Alterskrankheit Alzheimer zu bekämpfen, indem er das Altern selbst aufhält – mit jungem Blut.

In seinem Experiment arbeitete er mit Mäusen – und mit "Parabiose", einem umstrittenen Verfahren bei Tierversuchen. Wyss-Coray schnitt eine alte und eine junge Maus am Rumpf auf und nähte sie zusammen. Wie siamesische Zwillinge teilten die Tiere nun einen Blutkreislauf. Das Ergebnis des Experiments: Die alte Maus wurde durch das Blut der jungen Maus tatsächlich messbar fitter. Ihre Nervenzellen arbeiteten besser, neuronale Stammzellen wurden aktiviert. Sie hatte auch ein besseres Gedächtnis. Mit Jungblut behandelte alte Mäuse fanden auf einem speziell präparierten Tisch mit vielen Löchern genauso schnell das eine Loch, das als Zufluchtsort diente, wie ihre jungen Artgenossen. Unbehandelte alte Mäuse dagegen brauchten erheblich länger.

Wyss-Coray vergleicht das mit der Suche nach dem eigenen Auto auf einem großen Parkplatz. Je älter wir werden, desto öfter kommen wir in die Situation, dass wir nach Stunden schlicht nicht mehr wissen, wo genau wir unser Auto abgestellt haben. Wyss-Corays Experiment zeigte darüber hinaus noch mehr Effekte: Mit jungem Blut behandelt, hatten die alten Mäuse weniger Entzündungen im Gehirn, und ihr Fell wirkte wieder dichter und glänzender.

Der Schlüssel liegt im Plasma

Beutel mit der Aufschrift Plasma
Die Proteine im Blutplasma wirken verjüngend – nur welche genau? | Bild: SWR

Ist junges Blut also die ultimative Anti-Aging-Kur? Und was genau im Blut verjüngt? Um das herauszufinden, gaben die Forscher einer alten Maus nur das Blutplasma eines jungen Artgenossen. Das Plasma ist der flüssige Teil des Blutes und enthält keine Blutzellen. Trotzdem zeigte sich derselbe Verjüngungs-Effekt. Plasma besteht aus Proteinen. Die Forscher erhitzten das Plasma auf über 40 Grad. Das zerstört die Proteine. Und siehe da: Dieses Plasma hatte keinen Effekt. Die Proteine im Blut sind also der Schlüssel.

Jetzt will Wyss-Coray herausfinden, welche Proteine verjüngend wirken. Wahrscheinlich ergibt erst ein Cocktail aus verschiedenen Proteinen das Verjüngungselixier. Doch die Suche kann dauern: Rund 10.000 Proteine sind bekannt, und möglicherweise gibt es noch mehr. Können wir das Altern komplett aufheben? "Ich bin mir da nicht sicher, ob das gelingen kann", zweifelt nicht nur deshalb Florian Heidel, der Hämatologe und Altersforscher aus Jena. "Ich glaube, dass da nicht alle Proteine für jedes Organ dieselbe Rolle spielen für den Alterungsprozess. Man wird also nicht mit einer einmaligen Plasmaspende, mit dem Umlegen eines Schalters, einen alten Körper komplett verjüngen können." Für einen tatsächlich messbaren Effekt, so Heidel, bräuchte es ständige Infusionen. Und jede Infusion sei auch mit Risiken, etwa Allergien oder schlimmstenfalls Infektionen, verbunden. In der Therapie von Leukämie das kleinere Übel, aber als bloße Anti-Aging-Kur viel zu riskant. 

Dubiose Plasmaspenden

Werbeanzeige im Internet
8.000 Dollar für 1 Liter junges Blutplasma verlangte eine US-amerikanische Firma. | Bild: SWR

Doch einer US-amerikanischen Firma namens "Ambrosia" war das offenbar egal. Das Start-up bot zahlungskräftigen Senioren junges Plasma für 8.000 Dollar pro Liter an. Die Firma berief sich dabei auf die Maus-Experimente von Wyss-Coray und verkaufte ihr Produkt zunächst als Therapie im Rahmen einer klinischen Studie. Deshalb wurde die Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration (FDA) auch erst spät aktiv. Im Februar 2019 stoppte sie die Plasma-Infusionen gegen das Altern.

Das bloße Altern als Krankheit zu definieren, hält Altersforscher Florian Heidel für falsch. Vielmehr müsse es darum gehen, degenerative Alterungsprozesse, die zu einer Abnahme der Organfunktion und damit zu Krankheiten führen können, besser zu verstehen und aufzuhalten – um ein gesundes Altern ohne Gebrechen zu ermöglichen.

Genau das ist auch das Ziel des Alzheimerforschers Wyss-Coray: In einer ersten klinischen Studie verabreichte er Alzheimerpatienten wöchentlich Plasmatransfusionen von jungen männlichen Spendern. Auch wenn die positive Wirkung beim Menschen noch nicht belegt ist und Risiken bleiben - die Vision vom Jungbrunnen Blut lebt.

Autorin: Sophie König (SWR)

Stand: 18.05.2019 10:52 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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