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Wirksame Blutegel-Therapie

PlayBlutegel auf der Haut eines Menschen
Wirksame Blutegel-Therapie | Video verfügbar bis 08.04.2022 | Bild: SWR

Ungewöhnliches Heilmittel - Geheimnisvoller Wirkstoffcocktail

Blutegel auf einem Seerosenblatt
Rund 20 verschiedene Egelarten gibt es. | Bild: SWR

Lagerverwalter Dieter Reitz, 58, ist seit fast einem Jahr krankgeschrieben. Er hat große Schmerzen in der Lendenwirbelsäule, die ins rechte Bein hinunterziehen. Er leidet unter Lähmungserscheinungen, kann nur noch maximal einen Kilometer am Stück gehen. Im Rheumazentrum Mittelhessen in Bad Endbach testet Reitz eine für ihn neue Heilmethode: die Blutegeltherapie. In Europa wird sie zum ersten Mal 200 v. Chr. beim griechischen Arzt Kolophon erwähnt. Doch auch die alten Ägypter und Inder kannten schon die positive Wirkung des Egelbisses. "Im Egelspeichel befindet sich ein Wirkstoffcocktail, dessen Bestandteile schmerzlindernd, entzündungshemmend und blutverdünnend wirken. Die sogenannte Saliva kann Erkrankungen lindern, aber nicht heilen", erklärt Rheumatologin Dr. Katrin Storck-Müller. Die Medizinerin arbeitet bereits in dritter Generation mit Egeln, schon ihr Vater und Großvater forschten zu den Tieren. Neben den herkömmlichen Erkrankungen wie Rheuma oder Arthrose werden die Egel auch mit Erfolg bei Gürtelrose oder Hauttransplantationen eingesetzt.

Jahrtausendealte Methode - Keine Heilung, jedoch Linderung

Die drei Kiefer eines Blutegels
Gut sichtbar durch eine Glasplatte: Ein Blutegel hat drei Kiefer. | Bild: NDR

Patient Dieter Reitz hat Verknöcherungen an den Lendenwirbeln, dadurch werden Nerven beeinträchtigt. Die Rheumatologin setzt nun vier Blutegel jeweils an die schmerzhaftesten Punkte. Die Egel saugen sich innerhalb weniger Sekunden fest. An ihren drei sternförmig angeordneten Kiefern befinden sich Reihen von mikroskopisch kleinen Kalkzähnchen. Zwischen den Zähnen sitzen die Speicheldrüsen, aus denen der Egel vor allem innerhalb der ersten fünf Minuten, nachdem er angedockt hat, den Speichel in die Wunde fließen lässt. "Diese fünf Minuten sind die wichtigsten, da findet der Transfer der wichtigen Wirkstoffe statt", erklärt Storck-Müller. "Eigentlich könnte man ihn nun abnehmen, doch das mögen die Egel nicht. Es besteht dann die Gefahr, dass Teile der Kiefer in der Wunde stecken bleiben oder der Egel sich vor lauter Stress sogar in die Wunde übergibt. Das könnte zu einer Entzündung führen. Wir lassen sie also saugen." Die Wunde selbst blutet durch die im Speichel enthaltenen Blutverdünner noch mindestens zwölf Stunden nach.

Zwei Tage nach seiner Therapie hat der Blutegelspeichel bei Schmerzpatient Dieter Reitz seine volle Wirkung entfaltet. Und Reitz ist glücklich: „Ich bin jetzt zum ersten Mal seit Monaten ohne Tabletten und kann mich gut bewegen. Das mit den Egeln mache ich jederzeit wieder.“

Egelzucht ist ein schwieriges Geschäft

Biebertaler Blutegelzucht
Die Aufzucht von Blutegeln ist aufwändig. | Bild: SWR

Die Biebertaler Blutegelzucht in Hessen ist die größte Zuchtanlage in Mitteleuropa. Im Sommer, wenn die jungen Egel geschlüpft sind, leben mehr als eine Million Egel in den großen Zuchtteichen oder werden in großen Reagenzgläsern gezogen. Doch so einfach, wie es aussieht, ist die Aufzucht nicht. Im Gegenteil, die Egel brauchen sauberes Wasser, jedes Glas muss also täglich geleert, gereinigt und frisch gefüllt werden. Auch die Fütterung ist kompliziert. Denn alle Egel in einem Teich oder Glas müssen den gleichen Fütterungsstand haben, damit die anderen nicht über sie herfallen. Kleine Egel werden häufiger gefüttert, also alle drei bis vier Monate. Ausgewachsene Egel kommen sogar bis zu zwei Jahre ohne Futter aus. Die Züchter verwenden frisches Pferdeblut, auf Krankheitskeime und Viren vom hessischen Landeslabor untersucht. Züchter Andreas Neumann: "Damit die Egel gut fressen können, wird das Blut in Gummimembrane gefüllt. Deren Oberfläche ist Haut am ähnlichsten. Die Egel können sie mit ihren feinen Kiefern durchraspeln und das Blut saugen. Dabei nehmen sie bis zum Zehnfachen ihres Körpergewichtes zu." 

Rund 20 verschiedene Egelarten gibt es, doch in der Therapie werden Hirudo medicinalis und Hirudo verbana am häufigsten eingesetzt. Die Tiere durchlaufen eine 32-wöchige Quarantäne, bevor sie in den Verkauf kommen, werden gründlich abgespült, bevor sie in kleinen Transportbehältern an Kliniken und Praxen verschickt werden. 

Autorin: Dagmar Stoeckle (WDR)

Buchtipp
Blutegeltherapie
Andreas Michalsen, Manfred Roth
Haug Verlag
ISBN 978-3-8304-7527-9
149 Seiten
39,99 Euro

Stand: 14.07.2019 09:25 Uhr