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Chronomedizin – Medikamenteneinnahme nach der inneren Uhr

PlayEine Frau schaut genervt auf einen Wecker
Chronomedizin – Medikamente nach der inneren Uhr | Video verfügbar bis 15.12.2023 | Bild: picture alliance / blickwinkel/McPHOTO

Gehören Sie zu den Menschen, die morgens um 6 Uhr schon topfit sind und "Bäume ausreißen" könnten? Oder wollen Sie um diese Uhrzeit nicht sprechen, geschweige denn essen und aufstehen sowieso nicht? Seit 2017 der Nobelpreis an Forscher ging, die sich intensiv mit der "inneren Uhr" der Lebewesen beschäftigen, ist die Chronomedizin ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Zuvor führte diese Disziplin in der Medizin eher ein Schattendasein. Zu Unrecht:

Die "innere Uhr" steuert alle vitalen Prozesse in unserem Körper – etwa wann wir aufwachen oder wann welche Organe im Tagesverlauf besonders aktiv oder inaktiv sind. Unsere innere Uhr sorgt dafür, dass im optimalen Fall alle Prozesse im Körper aufeinander abgestimmt ablaufen, diese Prozesse, wie die Rädchen in einem Uhrwerk ineinander greifen. Wissenschaftler wie der Chrono- und Schlafmediziner Dr. Dieter Kunz sind sich sicher, dass es für unsere Gesundheit besser wäre, wenn wir uns nach unserer inneren Uhr richten würden. Und sogar die medikamentöse Behandlung von Krankheiten wäre effektiver und mit weniger Nebenwirkungen verbunden, würden die Medikamente gemäß unserer inneren Uhr eingenommen werden.

Chronotypen sind genetisch festgelegt

Grafik zeigt, dass Tageslicht auf das menschliche Gehirn wirkt.
Tageslicht als Taktgeber für die innere Uhr. | Bild: hr

Es gibt Früh-, Normal- und Spättypen unter den Menschen. Diese Chronotypen sind genetisch festgelegt. Sie werden danach eingeteilt, wann sie natürlicherweise – ohne Wecker – aufwachen würden und wann sie müde werden. Rund zehn Prozent der Deutschen sind Frühtypen, also schon vor 6 Uhr glockenhell wach, etwa 70 Prozent Normaltypen, das heißt, sie wachen natürlicherweise zwischen 6 und 7 Uhr auf. 20 Prozent der Deutschen würden — wenn man sie lassen würde – nicht vor 7 Uhr aus dem Bett kriechen, manche können ohne weiteres bis 10 oder 12 Uhr schlafen. Das ist keine Disziplinlosigkeit, sondern ihr spezieller Rhythmus, der sich auch nicht "einfach so" ändern lässt.

Wie die innere Uhr funktioniert

Medikament und ein Diagramm im Hintergrund
Zielgerichtete, zeitlich gesteuerte Freisetzung eines Medikaments. | Bild: hr

Die zentrale innere Uhr gibt einen 24 Stunden Ablauf vor. Sie sitzt über der Kreuzung des Sehnervs im Gehirn. Diese innere Uhr empfängt Signale von spezialisierten Sinneszellen im Auge, die auf Tageslicht reagieren. Sie synchronisiert Millionen kleiner Uhren. Denn jedes Organ und sogar jede Zelle besitzt einen eigenen Taktgeber. Von diesem Zusammenspiel hängt es ab, wann wir morgens wach und aktiv werden. So fängt einige Stunden, bevor wir natürlicherweise erwachen, der Blutdruck an zu steigen, ebenso die Körpertemperatur und die Atemfrequenz. Wachmacherstoffe wie Hormone und Neurotransmitter werden vermehrt ausgeschüttet, das Gehirn wird aktiviert. Im weiteren Tagesverlauf koordiniert die innere Uhr zum Beispiel Konzentrationsvermögen, Verdauung oder Entgiftung durch die Leber.

Steht man für die persönliche innere Uhr zu früh auf, sind die jetzt nötigen Organe, ebenso wie das Gehirn, noch nicht betriebsbereit. Muss man trotzdem Leistung bringen, versucht der Körper das zu kompensieren, indem er Stresshormone ausschüttet. Hält dieser Zustand einige Zeit an, können erste Befindlichkeitsstörungen auftreten, wie Kopfschmerzen, Schwindel, Verdauungsstörungen oder Müdigkeit. Wird das zum Dauerzustand, können Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Gewichtszunahmen die Folge sein, aber auch Depressionen, Herz-Kreislauferkrankungen, Demenzerkrankungen und Tumorerkrankungen. Besonders gefährdet sind Menschen, die in Schichten arbeiten müssen.

Ein Leben gegen die innere Uhr kann also erhebliche negative Folgen für die Gesundheit haben. Aber das Wissen um die innere Uhr kann auch vielen kranken Menschen helfen.

Medikamente wirken zu bestimmten Zeiten besser

Grafik: Verschiedene Menschen mit Uhren
Wahrscheinlich gibt es für jeden Menschen eine individuell beste Zeit für die Medikamenteneinnahme. | Bild: hr

Bei der rheumatoiden Arthritis, einer häufigen Rheumaform, spielt der Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme eine große Rolle. Die Patienten leiden vor allem morgens unter starken Schmerzen und einer Versteifung der Gelenke. Auslöser ist eine Schlüsselsubstanz des Immunsystems, das Interleukin 6, das eine Kaskade von entzündlichen Reaktionen in Gang setzt – und zwar nachts. Die betroffenen Patienten bekommen üblicherweise ein entzündungshemmendes Cortisonpräparat verschrieben, das sie morgens einnehmen sollen. Allerdings ist exakt zu diesem Zeitpunkt die Entzündung auf dem täglichen Höhepunkt. Der Rheumatologe Prof. Frank Buttgereit von der Charité hat daher eine besondere Tablette entwickelt und in einer Studie getestet. Sie wird vor dem Schlafengehen eingenommen und öffnet sich erst nach vier Stunden. Der Wirkstoff wird also genau in der Zeit freigesetzt, in der die entzündlichen Prozesse beginnen, sodass die Tablette wirken kann. Innerhalb der Studie waren rund 50 Prozent der Patienten morgens schmerzfrei oder hatten deutlich weniger Schmerzen, die Morgensteifigkeit hatte sich bei allen Probanden verbessert.

Und es gibt weitere Medikamente für die das zutrifft: So wirken Asthmamedikamente in der Regel am besten, wenn sie abends eingenommen werden, da die Lunge in der Nacht unter anderem besonders sensibel auf allergieauslösende Stoffe reagiert. Auch Mittel gegen Magengeschwüre sollten abends eingenommen werden, da die Säureproduktion nachts am höchsten ist. Bluthochdruckpatienten sollten ihre Medikamente dagegen direkt nach dem Aufwachen nehmen, da dann der Blutdruck am stärksten steigt. Morgens passieren auch die meisten Herzinfarkte. Auch einige Krebsmedikamente sind zu manchen Zeiten wirksamer und die Nebenwirkungen geringer. Und: Laut einer Studie ist bei schweren Herzoperationen mit weniger Komplikationen zu rechnen, wenn die OP am Nachmittag erfolgt.

Individualisierte Medikamentengabe nach der inneren Uhr

Dr. Dieter Kunz im Gespräch mit einer Patientin
Dr. Dieter Kunz fordert ein Umdenken – unserer Gesundheit zuliebe. | Bild: hr

Noch besser wäre wahrscheinlich, wenn die individuelle Uhr Taktgeber für die Behandlung wäre. Denn zwischen Früh- und Spättyp können im Extremfall zwölf Stunden liegen. Doch bisher konnte die Chronotyp-Bestimmung nur aufwändig und wenig präzise über Fragebögen oder durch Beobachtungen im Schlaflabor ermittelt werden. Der Chronomediziner Dr. Dieter Kunz setzt daher große Hoffnungen in einen neu entwickelten Bluttest, der eine solche individualisierte Behandlung ermöglichen kann und deutlich genauer ist. Ein internationales Team von Wissenschaftlern, darunter Prof. Achim Kramer von der Charité in Berlin, bestimmte hierfür die Aktivität von 20.000 Genen im Tagesverlauf und identifizierte zwölf Gene, die zuverlässig die individuelle innere Uhrzeit anzeigen. Das bedeutet, dass nicht nur Früh- von Normal- oder Spättypen identifizierbar sind, sondern die exakte innere Uhrzeit festgestellt werden kann.

Innere Uhr und Arbeitswelt

Dr. Dieter Kunz wünscht sich mehr Flexibiliät in der Arbeitswelt, in der Schule und nicht zuletzt in den Krankenhäusern. Denn Menschen, die entgegen ihrer inneren Uhr aufstehen und arbeiten müssen, sind nicht nur gesundheitlich benachteiligt, sie sind auch nicht so leistungsfähig. Besonders auffällig ist das während der Pubertät bei Jugendlichen. In dieser Zeit wird die innere Uhr nach hinten verschoben. In der Praxis heißt das, dass die meisten Jugendlichen innerhalb der ersten zwei Stunden in der Schule nicht aufnahmefähig sind.

Und auch das meist extrem frühe Wecken in den meisten Krankenhäusern ist der Genesung nicht förderlich. Sollten sich zudem die Ergebnisse bestätigen, dass es für Operationen ideale Zeiten gibt, sollte auch dies zukünftig in den Krankenhäusern berücksichtigt werden.  

Autorin: Anja Galonska (hr)

Stand: 18.05.2019 13:41 Uhr