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Das Projekt Spreefeld – Wohnen in Clustern

PlaySchild mit der Aufschrift Gemeinschaftsgarten
Das Projekt Spreefeld – Wohnen in Clustern | Video verfügbar bis 16.12.2022 | Bild: WDR

Drei Zimmer, Küche, Bad, gerne mit Balkon oder Garten und bezahlbar muss sie auch sein – das ist die Wunsch-Wohnung vieler Familien. Hinzu kommen aber auch andere Aspekte: die Nähe zum Stadtzentrum, das Stadtviertel und seine Angebote, oder die Frage nach einer Hausgemeinschaft, dem Austausch untereinander und gemeinschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten. Das Projekt Spreefeld in Berlin Mitte versucht, diese Wünsche zu verwirklichen und nebenbei das Wohnen in der Gemeinschaft ganz neu zu gestalten.

Das Projekt Spreefeld: günstig durch die Genossenschaft

Innenansicht eines Bootshauses
Außergewöhnlicher Partyraum – das Bootshaus inklusive Boot gehört der Gemeinschaft | Bild: WDR

Rund 150 Bewohner leben hier in drei Mehrfamilienhäuser und 62 Wohnungen. Gebaut wurde das Projekt von einer eigens gegründeten Genossenschaft. Das Ziel: preisgünstiger Wohnraum für Mitglieder. Das Prinzip der Genossenschaft ist einfach: Man kauft sich mit einer Einlage in Höhe von 1.000 Eruro pro Quadratmeter Wohnungsfläche in die Genossenschaft ein. Im Gegenzug bekommt man einen entsprechenden Genossenschaftsanteil. Danach zahlt der Bewohner für laufende Kosten, Reparaturen und Gemeinschaftsflächen eine monatliche Miete in Form einer Nutzungsgebühr. Im Spreefeld liegt diese Nutzungsgebühr zwischen 4 bis 6,50 Euro pro Quadratmeter und liegt damit deutlich unter dem üblichen Mietpreis im Stadtteil Berlin-Mitte.

Kündigt der Bewohner den Nutzungsvertrag mit der Genossenschaft, bekommt er seine Einlage verzinst zurück. Wer selbst nicht genug Geld für die Einlage mitbringt, für den bürgt die Genossenschaft mit ihrem Grundstück für den persönlichen Bankkredit. So kommen Menschen an Geld für die nötigen Genossenschaftsanteile, die sonst von der Bank keinen Kredit bekommen würden.

Dem günstigen Wohnen ging eine lange Planungsphase voraus. Von der Idee bis zur Fertigstellung vergingen im Spreefeld sieben Jahre. In denen wurde gemeinsam geplant, diskutiert, aber auch gestritten und dann entschieden. Doch das Ergebnis hat sich für viele gelohnt: günstige Wohnungen und eine enge Gemeinschaft.

Besonders im Fokus: die Gemeinschaft

Gemeinschaftsküche
Gemeinschaftsküche: Hier wird gekocht und diskutiert. | Bild: WDR

Los ging es im Spreefeld erst als genug Teilnehmer an Bord waren. Die Initiative hatte bereits 600 Bewerbungen bevor sie 2012 den Grundstein legte. Am Ende musste sogar das Los entscheiden. Die Ursache für den starken Andrang ist aber nicht allein der günstige Wohnraum, sondern der besondere Ansatz bei der Planung der Gemeinschaftsflächen: "Wir haben schon mehrere Gemeinschaftsprojekte betreut. Unsere Erfahrung war: am Anfang plant die Gruppe gemeinsam, baut gemeinsam. Da entsteht ein besonderes Gefühl", sagt Christian Schöningh, einer der maßgeblichen Ideengeber des Projekts. "Danach aber werden die Wohnungen aufgeteilt. Und das Gemeinschaftliche ist plötzlich weg. Es werden ganz normale Nachbarschaften."

Christian Schöningh und seine Mitstreiter wollten daher etwas Neues ausprobieren: Kein Wohneigentum, aber ein lebenslanges Dauerwohnrecht, welches auch an die Kinder weitergegeben werden kann. Dazu viel mehr Gemeinschaftsflächen als auf vergleichbaren Grundstücken. Im Erdgeschoss stehen zum Beispiel üblicherweise Mülltonnen, Autos oder der Fahrradabstellraum. Im Projekt Spreefeld sind hier Büros, eine Kindertagesstätte und sogenannte Optionsräume – Räume, die zur freien Verfügung stehen. Hier finden beispielsweise gemeinsame Kochkurse, oder Yoga-Unterricht statt. Sogar ein altes Bootshaus inklusive Motorboot gehört zur Gemeinschaft.

Und tatsächlich scheint die Idee zu funktionieren: Jeder kennt jeden. Das gemeinsame Bauen hat zusammengeschweißt. Gemeinsame Aktivitäten sind an der Tagesordnung – so wird zum Beispiel der Garten gemeinsam winterfest gemacht. Einige Bewohner bezeichnen das Zusammenleben deshalb sogar als "Dorf in der Stadt".

WG 2.0 – Wohnen in Clustern

Schild mit der Aufschrift Gemeinschaftsgarten
Gemeinschaftsgarten - ein Garten für alle  | Bild: WDR

Am konsequentesten wird das Gemeinschaftliche in den sogenannten Clusterwohnungen umgesetzt. Sie sind so etwas wie das Herzstück des Projekts. Eine Clusterwohnung ist ein Zusammenschluss einzelner Wohnungen zu einer großen Wohneinheit. Zum Beispiel wohnen dort elf Menschen in acht Wohnungen oder vier Familien teilen sich zwei Stockwerke.

Die Idee ist einfach: "Nachbarn trifft man meist im Treppenhaus", erklärt Christian Schöningh. "Über ein 'Hallo' und 'Auf Wiedersehen' geht es dann kaum hinaus. Beide Seiten sind ja schon auf dem Weg. Wäre dies aber kein Treppenhaus, sondern ein Raum mit hoher Aufenthaltsqualität, ergäbe sich die Begegnung – auch ohne, dass beide auf dem Weg sind. Übertragen auf eine Wohnung heißt das: Wenn du deine Wohnungstür aufmachst, stehst du nicht im Treppenhaus, sondern in einer Gemeinschaftsfläche."

Das Prinzip gleicht der klassischen Wohngemeinschaft – nur mit einem deutlich gehobenen Standard für den Rückzug, eine WG 2.0 sozusagen. Jeder hat sein eigenes Bad, Schlafzimmer und eine kleine Teeküche. Aber die große Küche, das gemütliche Wohnzimmer, sowie die Terrasse zur Spree teilen sich die Bewohner. So entstehen nicht nur Synergien beim Wohnraum, sondern auch im Leben: "Es gibt relativ viele Alleinerziehende, die ungemein davon profitieren, dass sie diesen direkten räumlichen Zusammenhang haben“, sagt Christian Schöningh. "Wer also nicht Fan der ganz klassischen Kleinfamilie ist, erlebt hier einfach wie gerade auch kleine Kinder in einer Cluster-Wohnung mit 20 Bewohnern groß werden. Das ist eine tolle Sache, das zu erleben – für alle Beteiligten."

Dazu ist die Clusterwohnung sogar nochmal besonders günstig: Der Bewohner eines 1-Zimmer-Apartments mit knapp 40 Quadratmeter, und anteilig 20 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche bezahlt rund 240 Euro im Monat. Er nutzt aber mit allen Gemeinschaftsflächen eine Wohnung von 240 Quadratmeter. Das macht eine monatliche Nutzungsgebühr von nur 1 Euro pro Quadratmeter.

Kann das Projekt Spreefeld als Vorbild für die Wohnraumentwicklung dienen?

Im Vergleich zum traditionellen Wohnungsmarkt bekommt der Bewohner hier einen deutlichen Mehrwehrt: eine schöne Wohnung, groß, günstig und in guter Lage. Er ist Teil einer engen Gemeinschaft und teilt sich viel Gemeinschaft. Die Summe ist eben größer als ihre Einzelteile. Im Gegenzug muss man einen Teil seiner gewohnten Privatsphäre aufgeben und auch ein Stück weit den Traum vom alleinigem Eigenheim. Sicherlich ist es nicht jedermanns Sache, aber durch seine vielen möglichen Spielarten ist das Projekt Spreefeld zumindest eine mögliche Antwort zu Gegenwartsfragen wie Zersiedelung, Urbanisierung, Generationenwohnen, inklusives Wohnen und Mietpreisexplosion.

Autor: Fabian Wolf (WDR)

Stand: 16.12.2017 09:42 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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