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Die Suche nach der Grenze: Kommt das Designerbaby?

PlayForscher im Anschnitt vor Projektion Chromosomensatz
Die Suche nach der Grenze: Kommt das Designerbaby? | Video verfügbar bis 02.12.2022 | Bild: WDR

Das menschliche Erbgut gezielt zu verändern, ist durch neue, "genomchirurgische" Verfahren wie Crispr/Cas9 in greifbare Nähe gerückt. Ziel der Forscher – insbesondere in den Vereinigten Staaten und China – ist dabei nicht nur schwere Krankheiten und Erbkrankheiten zu therapieren, sondern auch zu verhindern, dass bestimmte erbliche Krankheiten überhaupt noch vererbt werden können. Steuert der Mensch bald seine eigene Evolution? Wie weit wollen wir dabei gehen?  Und wer kann die Konsequenzen dieses Handelns absehen und sie verantworten?

Gentherapie – was bringt die Zukunft?

Animation: Genschere, Körperzelle, DNA
Die "Genschere" CRISPR/Cas9: Reparatur am Erbgut menschlicher Zellen. | Bild: WDR

Schon heute können Therapien mit neuen gentechnischen Verfahren in bestimmten Fällen Leben retten – zum Beispiel von Emily Whitehead. Heute ist sie gesund, und das verdankt die vor fünf Jahren noch schwerkranke Leukämiepatientin einer erst in den letzten Jahren entwickelten Gentherapie. 2012 wurden ihre körpereigenen Immunzellen gentechnisch so verändert, dass sie den Krebs selbst bekämpfen konnten. Heute ist Emily zwölf und die Therapie, die sie gerettet hat, ist seit August als weltweit erste Gentherapie in den USA zugelassen. Geht es nach den Forschern, sollen international viele weitere folgen.

Ein ganz neues Zeitalter der Gentherapie soll dabei die sogenannte Genschere "Crispr/Cas9" einläuten. Denn mit dieser neuen, revolutionären Methode lässt sich menschliche DNA seit kurzem viel leichter und gezielter verändern als bisher.

CRISPR/Cas9: Das Erbgut "reparieren"

Forscher hinter Projektion Chromosomen/Embryo
Forschung an menschlichen Embryonen – wo ziehen wir die Grenze? | Bild: WDR

Den ersten Versuch dazu unternahmen chinesische Wissenschaftler mit einem Lungenkrebspatienten: Im Oktober 2016 entnahmen sie ihm Immunzellen, entfernten daraus mit der Genschere ein Gen, das die körpereigene Krebsabwehr bremste und reparierten die defekte Sequenz. Anschließend erhielt der Patient die "reparierten" Zellen zurück ins Blut, wo sie sich vervielfältigen. Ob und wie diese Behandlung langfristig wirkt, muss sich nun zeigen.

Doch die Forscher denken längst einen großen Schritt weiter: Mit der Genschere wollen sie nicht nur Krankheiten wie Krebs heilen, sondern auch Erbkrankheiten ausschalten, noch bevor sie entstehen. Das Ziel: Gendefekte dauerhaft über Generationen hinweg korrigieren – und zwar schon Monate vor der Geburt. Und das per Eingriff in die Keimzellen, aus denen der Mensch entsteht.

Statt beim erkrankten Menschen spüren sie den Defekt dabei schon viel früher auf – während der Befruchtung der Eizelle – und entfernen ihn mit der Genschere noch vor der ersten Zellteilung. Setzt anschließend die Zellteilung ein, vervielfältigt sich das gentechnisch veränderte Erbgut automatisch. Ein Mensch entsteht und gibt das manipulierte Genom an alle folgenden Generationen weiter.

Der Eingriff in die Keimbahn – Wo ziehen wir die Grenze?

Embryo mit manipuliertem Erbgut
Keimbahntherapie: Folgen für zukünftige Generationen. | Bild: WDR

Doch wollen wir das und können wir es verantworten? Wie stark greifen wir in die menschliche Entwicklung ein und wo ziehen wir die Grenze? Die Wissenschaftler sind sich uneinig. Neben vielen ethischen Fragen ist auch die Technologie noch nicht ausgereift. Eingriffe ins Erbgut könnten unvorhersehbare Spätfolgen haben, fürchtet auch der Vorsitzende des deutschen Ethikrates, Peter Dabrock: "Diese möglichen Effekte sind noch überhaupt nicht geklärt und deswegen müsste man eigentlich mehrere Generationen warten, um herauszubekommen, ob ein solcher Eingriff wirklich keine Hochrisikokonsequenzen für alle Nachkommen hat. Und deswegen kann und darf nicht sein, dass Wissenschaftler alleine Fakten setzen, sondern wir brauchen dazu einen breiten, globalen Diskurs."

Statt diesen Diskurs zu führen, treiben einige Forscher die Entwicklung jedoch schnell voran und erproben sie bereits an menschlichen Embryonen – wie eine Arbeitsgruppe an der Universität Oregon: Sie wollen Herzerkrankungen im Embryonalstadium heilen. Doch auch sie müssen einräumen, dass der Weg bis dahin noch weit ist: "Es ist noch viel Forschung nötig, und zwar in der Petrischale, bevor die Technologie so weit ist, dass sie getestet werden kann", kommentiert der Biologe Shoukhrat Mitalipov auf einer Pressekonferenz im Sommer 2017 seinen jüngsten Forschungserfolg.

Kommt mit Crispr/Cas9 auch das Designerbaby?

Dazu kommt: Solange die Technologie nicht ausgereift ist, werden Embryonen, an denen sie in der Petrischale forschen jeweils nach wenigen Tagen vernichtet. Nur eins von vielen ethischen Problemen bei der Anwendung von Crispr/Cas9 bei menschlichen Embryonen.

Nicht nur deshalb sieht Crispr/Cas-Entwicklerin Emmanuelle Charpentier Eingriffe in die menschliche Keimbahn – unter anderem aus ethischen Gründen – kritisch : "Es geht darum die menschliche Integrität zu wahren und bestimmte Grenzen nicht zu überschreiten", sagt Charpentier dazu. "In meinen Augen ist die Crispr/Cas-Technologie dazu da, Patienten zu behandeln, nicht um Keimzellen zu behandeln und Menschen zu optimieren."

Prinzipiell könnte Crispr/Cas den Weg zum Designerbaby ebnen. Denn theoretisch lassen sich mit der Gen-Schere bei Embryonen nicht nur Krankheiten korrigieren, sondern auch andere Eigenschaften wie die Haarfarbe verändern. Werden wir dazu schon bald in der Lage sein? Wie weit werden wir dabei gehen? Und wo ziehen wir die Grenze?

Sollen Wissenschaftler die Entscheidung über die Anwendung der Technologie in Zukunft alleine treffen, oder müssten Politik und Gesellschaft ihrem Handeln Grenzen setzen? Sollen Eingriffe in die Keimbahn beim menschlichen Embryo verboten bleiben, erlaubt werden, oder sind sie – gegenüber zukünftigen Generationen – gar eine Art moralische Pflicht?

Autorin: Scarlet Löhrke (SWR)

Stand: 01.12.2017 09:49 Uhr