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Wenn Morde unentdeckt bleiben

PlayLeiche in der Rechtsmedizin
Wenn Morde unentdeckt bleiben | Video verfügbar bis 16.02.2024 | Bild: NDR

Wenn ein Mensch stirbt, wird er grundsätzlich ein letztes Mal von einem Arzt untersucht. Es geht um die Frage, warum jemand zu Tode kam: War es Altersschwäche oder eine Krankheit? Ein Unfall oder sogar ein Verbrechen? 

Gravierende Mängel bei der Leichenschau

Formular einer Todesbescheinigung
In der Todesbescheinigung müssen Ärzte vermerken, ob jemand eines natürlichen oder eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Dabei passieren oft Fehler. | Bild: NDR

Rechtsmediziner wie Klaus Püschel vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg beklagen seit Jahren, dass Ärzte bei der Leichenschau oft nicht sorgfältig genug sind. Immer wieder würden sie Suizide, Unfälle und sogar Morde übersehen. "Auf ein entdecktes Tötungsdelikt kommt in unserem Land ungefähr ein nicht entdecktes Tötungsdelikt. Das weitere, was man dann dazu sagen muss, ist natürlich: Es gibt offensichtlich wenige in unserem Lande, die das stört."

Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Rostock hat 10.000 Todesbescheinigungen überprüft: 98 Prozent hatten Mängel, lediglich 223 waren fehlerfrei. Als ein Grund geben die Wissenschaftler eine unzureichende Leichenschau an. Rechtsmediziner Klaus Püschel erklärt, dass ein Arzt in alle Körperöffnungen schauen und Augenbindehäute, den Bereich hinter den Ohren und alle verborgenen Körperregionen untersuchen muss: "Alles andere, das ohne Entkleidung, ohne sorgfältige Untersuchung gemacht wird, ist hoffen, glauben, meinen."  

Keine Routineuntersuchung

Doch Studien zeigen: 25 Prozent der Ärzte entkleiden die Leichen bei der Untersuchung nicht. Zudem verwechseln viele Todesursache – also zum Beispiel Herzinfarkt oder Schlaganfall – und Todesart, also natürlicher oder unnatürlicher Tod. Der Grund: Die Leichenschau ist für viele Ärzte keine Routineuntersuchung. Jeder Arzt, egal ob Hausarzt oder Gynäkologe, muss die Leichenschau prinzipiell durchführen können – ganz unabhängig davon, wie viel Erfahrung er darin hat. Im Studium lernen die angehenden Ärzte das zwar, doch danach gibt es für sie wenig Anreize, sich in diesem Bereich fortzubilden. Auch weil die Umstände der Untersuchung oft emotional sehr belastend seien, erklärt Klaus Weckbecker vom Hausärztlichen Institut in Bonn: "Ich muss mich ja zunächst auch um die Angehörigen kümmern, die sind ja oft sehr aufgebracht und sehr aufgelöst. Da denke ich, habe ich eine ärztliche Pflicht, mich auch um die zu kümmern. Um dann in Ruhe und möglichst eben allein eine Leichenschau durchzuführen, die auch die Würde der Situation irgendwie noch wahrt."

Ärzte kommen bei der Untersuchung der Leichen in Konflikte

Viele Hausärzte kennen Verstorbene und Angehörige seit Jahren und wollen ihnen unnötige Strapazen ersparen. Doch ist die Todesursache unklar oder unnatürlich, müssen sie die Polizei rufen, damit diese die Todesursache ermittelt. Auch das erleben viele Ärzte als unangenehm. Denn es steht sofort ein Verdacht im Raum: Haben die Angehörigen etwas mit dem Tod zu tun? Oder hat der behandelnde Arzt Fehler gemacht? Muss der Tote möglicherweise sogar obduziert werden, um herauszufinden, woran er gestorben ist? Rechtsmediziner Klaus Püschel zufolge lösen sich viele Ärzte aus diesem Dilemma, indem sie nicht einen unklaren, sondern einen natürlichen Tod bescheinigen.

Nur in Krematorien wird eine zweite Leichenschau durchgeführt

Mögliche Unklarheiten kommen meist nur dann ans Tageslicht, wenn der Tote eingeäschert wird. Im Krematorium muss ein Amtsarzt jede Leiche ein zweites Mal untersuchen, denn mit der Einäscherung verbrennen auch alle Hinweise und Spuren, die auf einen unentdeckten nichtnatürlichen Tod hinweisen könnten. Bei einer Erdbestattung fehlt diese zweite Kontrolle. Problematisch ist das vor allem dann, wenn nach der Beisetzung Fragen oder Unstimmigkeiten auftauchen, die auf eine Straftat hinweisen. Wie zum Beispiel bei Ermittlungen von Tötungsserien.

Problemfall Serienmorde

In den letzten Jahren sorgte in dem Zusammenhang der Fall des Pflegers Niels H. aus Delmenhorst für großes Aufsehen. 106 Menschen soll er umgebracht haben. Über Jahre spritzte er Patienten eine Überdosis Medikamente, die Herzstillstand oder einen Kreislaufkollaps zur Folge hatten. Der Pfleger wollte die Kranken wiederbeleben, um sich als Held und Retter feiern zu lassen – doch stattdessen tötete er sie.

Dass diese Morde lange unentdeckt blieben, hat viele Gründe. Laut Rechtsmedizinern war einer davon: Die Leichenschau wurde bei den toten Patienten nicht sorgfältig durchgeführt. 167 Leichen mussten exhumiert werden, um das Ausmaß der Straftaten von Niels H. festzustellen.

Bremens Versuch einer unabhängigen Leichenschau

Männer heben einen Sargdeckel an
In Bremen wird jede Leiche von einem unabhängigen Rechtsmediziner untersucht. | Bild: NDR

Dieser Fall erschütterte nicht nur die Republik, er führte in Bremen auch zu einem Umdenken. Das Bestattungsgesetz wurde tiefgreifend verändert und ein neues Leichenschau-System eingeführt: Die sogenannte qualifizierte Leichenschau. Es ist der bundesweit erste Versuch, die Untersuchung von Toten unabhängig zu machen. Seit dem 1. August 2017 macht nicht mehr der Arzt am Leichenfundort die Totenschau. Stattdessen wird nun jeder Tote von einem Rechtsmediziner begutachtet. Diese Untersuchung findet meist direkt beim Bestatter statt. "Ich gucke mir auch die Leiche von außen an: die gesamte Körperoberfläche einschließlich der Körperöffnungen. Was den Unterschied macht, ist eigentlich die Erfahrung des Arztes. Das heißt, dass ich seit etlichen Jahren Leichenschauen mache und einen gewissen Erfahrungshorizont habe", erklärt Rechtsmediziner Olaf Cordes vom Klinikum Bremen-Mitte.

Doch das Bremer Modell ist bundesweit nicht übertragbar. Kriminalbeamte bemängeln, dass die Leiche von ihrem Fundort entfernt werden muss. Damit wird die Spurenlage verändert und die Ermittlungsarbeit erschwert. Auch Klaus Weckbecker vom Hausärztlichen Institut in Bonn hat Bedenken: "Wo sind die Gerichtsmediziner? Die sitzen eher in großen Städten, in Universitätsstädten, das heißt wir würden dann auch die Pflicht haben, Leichname ziemlich durch die Gegend zu fahren, das ist auch ein Nachteil des Systems."

Experten fordern ein neues Leichenschau-System

Schon seit den 1980er-Jahren fordern Rechtsmediziner, Kriminalbeamte und Ärzte, dass das Leichenschau-System in Deutschland grundlegend verändert werden müsse. Viele wünschen sich einen sogenannten Coroner, einen unabhängigen Leichenschauer, wie es ihn zum Beispiel in den USA und Großbritannien gibt. Zuletzt forderten 2009 die Justizminister der Länder eine Reform der 16 verschiedenen Bestattungsgesetze in Deutschland — ohne Erfolg.

Kaum jemand rechnet damit, dass in den nächsten Jahren die Leichenschau entscheidend reformiert wird. Und so nehmen viele das Geheimnis, wie sie wirklich gestorben sind, weiterhin mit ins Grab.

Autoren: Maryam Bonakdar, Lucas Stratmann (NDR)

Lesetipp:
Tote haben keine Lobby
Sabine Rückert
Hoffmann und Campe, August 2000
ISBN: 978-3455112870

Stand: 16.02.2019 15:51 Uhr

Sendetermin

Sa., 16.02.19 | 16:00 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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