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EHEC – die vergessene Gefahr

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EHEC - die vergessene Gefahr | Video verfügbar bis 22.04.2021 | Bild: SWR

Therapiestunde für Nadine H.: Jede Woche kommt eine Logopädin in ihre Pflege-WG in Dresden. Die 32-Jährige kann nicht mehr richtig sprechen und sitzt im Rollstuhl, seit sie sich vor fünf Jahren mit EHEC ansteckte und am gefährlichen HUS, dem hämolytisch-urämischen Syndrom, erkrankte. Die Textildesignerin lag drei Wochen im Koma. Als sie aufwachte, konnte sie ihre Bewegungen nicht mehr steuern und musste Abläufe ganz neu lernen.

Die Textildesignerin ist Opfer einer Epidemie, die Deutschland im Frühsommer 2011 fest im Griff hat. Eine schwere Darminfektion brachte damals immer mehr Patienten in die Kliniken. Vor allem in Norddeutschland griff die Krankheitswelle rasant um sich. Ursache der Masseninfektion war ein mutierter Typ eines sonst harmlosen Darmbakteriums – ein Enterohaemorhagisches E.coli, kurz EHEC. Rund 3.800 Menschen erkrankten bei der Epidemie, mehr als 800 davon schwer. Viele erlitten Schäden an Nieren und Hirn. 53 Menschen starben.

EHEC-Bakterien stammen meistens von Rindern

Heute, fünf Jahre nach der Epidemie, ist es um EHEC still geworden. Doch die gefährlichen Darmkeime sind weiter unter uns. Im Februar 2012 erkrankten zum Beispiel in Hamburg drei Kinder an EHEC, eine Sechsjährige starb. Erst im Dezember 2015 gab es in drei Kitas im mittelfränkischen Herzogenaurach EHEC-Alarm. Betroffen waren mindestens 45 Menschen. Jedes Jahr gibt es Rückrufe wegen EHEC – allein 2015 betraf das in Deutschland verschiedene Käsesorten mit Rohmilch und Teewurst. Trotzdem infizieren sich hierzulande pro Jahr mehr als 1.600 Menschen mit EHEC. Wie ist das möglich?

Meistens stammen EHEC-Erreger aus den Därmen von Wiederkäuern, vor allem von Rindern. Aber auch Schafe, Ziegen oder Rehe können den Bakterien als Reservoir dienen. Die Tiere erkranken selbst nicht, scheiden die EHEC-Erreger aber aus. Durch Verunreinigungen mit Kot können EHEC-Keime dann zum Beispiel beim Melken von Kühen in die Milch und damit in Rohmilchprodukte gelangen und beim Schlachten aufs Fleisch. Über Gülle entkommen EHEC- Erreger auch in die Umwelt – und von dort womöglich in die Nahrungskette der Menschen.

Kann EHEC in Pflanzen eindringen?

Pflanzen im Labor
Im Labor ist ein EHEC-Typ in Pflanzen eingewandert.  | Bild: SWR

Bisher dachten Forscher, dass EHEC sich nur über die Oberflächen von Pflanzen verbreitet. Doch die Bakterien passen sich ständig an ihre Umwelt an. Sie können inzwischen schon länger als ein Jahr im Erdreich überleben. EHEC-Forscher Herbert Schmidt von der Uni Hohenheim hat deshalb einen beunruhigenden Verdacht: Können EHEC-Bakterien über die Wurzeln in Pflanzen eindringen? Im Labor ist dies einem EHEC-Typen gelungen. Nun will der Mikrobiologe herausfinden, ob das auch in freier Natur passieren kann. Kein einfaches Unterfangen, erklärt Schmidt: "Die Freilandbedingungen sind natürlich variabel. Wir müssen sehen, ob es tatsächlich Umweltbedingungen gibt, bei denen Bakterien in die Pflanzen eindringen können." Das sei die Vorraussetzung, um dagegen vorgehen zu können.

Schmidt und sein Team bereiten die Freilandversuche derzeit in einem Sicherheitslabor vor. Dafür entschärfen die Forscher die EHEC-Bakterien. Trotzdem müssen sie aufpassen, dass sie sich nicht infizieren. Um den Weg der Keime bei den Versuchen genau verfolgen zu können, markieren sie sie mit einem leuchtenden Farbstoff. Das funktioniert gut. Prof. Schmidt zeigt eine Mikroskopaufnahme, auf der die Bakterien rot leuchten. "Hier können wir in der Fluoreszenz deutlich sehen, dass die Bakterien an den Wurzelhärchen festhaften", erklärt der Wissenschaftler. Ob Pflanzen sich unter natürlichen Bedingungen infizieren, und ob daraus Probleme für die Gesundheit von Menschen und Tieren entstehen, müssen die Versuche zeigen. Mit Ergebnissen rechnen die Hohenheimer Wissenschaftler im Jahr 2018, zum Ende des Forschungsprojekts.

EHEC-Keime landen beim Düngen auf den Feldern

Dr. Werner Philipp
Dr. Werner Philipp hat getestet, was EHEC-Keime in Klärschlamm abtötet.  | Bild: SWR

Etwas anders ist aber jetzt schon klar: EHEC-Bakterien sind sehr widerstandsfähig und säureresistent. Sie überstehen sogar die Kläranlage und landen mit dem Klärschlamm auf den Feldern. Denn Landwirte schätzen den Klärschlamm wegen seiner Mineralstoffe. Er enthält jede Menge Phosphor, Stickstoff, Kalium und Magnesium. Das lässt die Futterpflanzen fürs Vieh sprießen. Etwa die Hälfte des Klärschlamms in Deutschland kommt als Dünger auf die Äcker – und damit auch die EHEC-Erreger.

Im Gemüse- und Obstanbau darf Klärschlamm zwar nicht eingesetzt werden, damit keine Krankheitskeime in die Nahrungskette geraten, doch keiner kann garantieren, dass EHEC-Bakterien nicht von anderen Feldern verschleppt werden oder sich eigene Wege suchen. Um dies verhindern, müsste Klärschlamm vor dem Düngen behandelt werden. Umwelthygieniker Werner Philipp hat eine effiziente Methode zum Abtöten von EHEC-Erregern gefunden: das Erhitzen auf 70 Grad Celsius, eine Stunde lang. Denselben Schritt fordert Philipp für Gülle und Gärreste aus landwirtschaftlichen Biogasanlagen: "Alle organischen Dünger sollten einer Behandlung unterzogen werden, damit sie den gleichen mikrobiologischen Status beziehungsweise die gleiche mikrobiologische Qualität besitzen und keine Infektionsgefährdung für Mensch, Tier und Umwelt darstellen", sagt der Umwelthygieniker.

Denn wenn Lebensmittel erst einmal mit EHEC belastet sind, ist ihnen nur schwer beizukommen. Die Bakterien haften so fest an, dass sie nicht abwaschbar sind. Ein Problem für Rohkost und Salat. Dann hilft nur noch die Hitzekeule. Um EHEC-Erreger abzutöten, muss die Temperatur in ihrem Inneren von Lebensmitteln für zwei Minuten mindestens 70 Grad Celsius hoch sein.

Leben nach der EHEC-Infektion

Diese Erkenntnis kommt für Nadine H. leider zu spät. Sie muss lernen, mit den Folgen ihrer EHEC-Erkrankung zu leben. Die Koordination ihrer Finger klappt inzwischen ganz gut. Mit ihren Beinen ist das noch anders. "Eigentlich würde ich gerne wieder laufen können." Vielleicht geht dieser Wunsch irgendwann in Erfüllung. In den fünf Jahren seit ihrer EHEC-Infektion hat Nadin Hepper schon so einiges geschafft.

Autorin: Martina Janning (SWR)

Die Otto-Brenner-Stiftung hat die Recherchen für diesen Beitrag mit einem Stipendium unterstützt.

Stand: 11.07.2019 16:12 Uhr