SENDETERMIN Sa, 01.12.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Eine Höhle für die Ewigkeit: das erste Endlager der Welt

PlayEndlager
Das erste Endlager der Welt | Video verfügbar bis 01.12.2023 | Bild: SWR

Finnland baut für die Ewigkeit – ein Bauwerk, das länger halten soll als alle anderen Bauwerke der Menschheit zuvor: das weltweit erste Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Sie nennen es "Onkalo" – kleine Höhle – ein riesiges Tunnelsystem unter der Insel Olkiluoto vor der Südwestküste Finnlands. In dieser Höhle wollen die Finnen ihren radioaktiven Müll verwahren, bis die Strahlung abgeklungen ist, also mindestens 100.000 Jahre. Doch welche Kriterien muss eine solche Deponie für die Ewigkeit erfüllen? Und könnte das finnische Endlager eine Blaupause für Deutschland und andere europäische Länder sein?

Finnland: Endlager, ja bitte!

Grafik mit weit verzweigtem Tunnelsystem unter einer bewaldeten Insel, Schrifteinblendung: 450 Meter
Absolute Beginner: Die Finnen bauen erstes Atomendlager. | Bild: BR

Das atomare Endlager entsteht unter einer Insel – tief im Granit, rund 450 Meter unter der Erde. Ein kilometerlanges Labyrinth aus Gängen und Schächten, wie der Bau eines Maulwurfs. Nur selten dürfen ausländische Kameras einen Blick in diese Höhle werfen. Denn hier wird gesprengt und gegraben, sieben Tage die Woche. Für ein Bauwerk, das länger halten soll als alle anderen Bauwerke der Menschheit zuvor: eine Million Jahre.

Doch ist es überhaupt möglich, eine Deponie zu bauen, die radioaktiven Abfall sicher verwahrt – bis in alle Ewigkeit? "Wir erkunden und erforschen diesen Ort schon seit den achtziger Jahren und wissen inzwischen eine ganze Menge über das Gestein hier unten – und worauf wir aufpassen müssen", sagt Janne Laihonen von der Betreiberfirma Posiva. 5.000 Tonnen Atommüll sollen hier ab 2020 eingelagert werden. Die meisten Finnen sind für diese Deponie. Wir hinterlassen ein strahlendes Erbe und müssen es so sicher und schnell wie möglich verwahren, so die verbreitete Meinung. 2015 hat die Regierung die offizielle Genehmigung für den Betrieb erteilt. Vorausgegangen war eine intensive Beteiligung der lokalen Gemeinden – wie es in Finnland üblich ist.

Deutschland: endlose Endlagersuche?

Forscher schreibt mit Malkreide Jahreszahl auf Stein
Endlagerstandort bis 2031 – schaffen wir das? | Bild: BR

Während in Finnland schon gebaut wird, geht in Deutschland die Standortsuche nach Jahrzehnten der Diskussion wieder von vorne los. Zu diesem Fazit kommt die Endlagerkommission des Bundestages in ihrem Abschlussbericht. Ergebnisoffen und mit einer umfassenden Beteiligung der Öffentlichkeit soll die Suche ablaufen. Der Vorschlag der Kommission: Zunächst sollen sechs bis neun Standorte ausgewählt und oberirdisch erkundet werden. In Frage kommen Salz-, Ton- und Granitvorkommen. An zwei bis drei Orten werden dann Bergwerke für weitere Tests angelegt. Der endgültige Standort könnte laut Bundesumweltministerium bis 2031 festgelegt und 2050 eröffnet werden.

Viele Experten erwarten aber, dass es deutlich länger dauert, so auch Professor Armin Grunwald vom Karlsruher Institut für Technologie. Der Physiker und Technikphilosoph beschäftigt sich vor allem mit den ethischen und sozialen Folgen der Kerntechnik. Er hat in der Endlagerkommission mitgearbeitet und weiß: Einen Endlager-Standort In Deutschland zu finden, ist enorm schwierig, und zwar nicht nur wegen der unterschiedlichen geologischen Formationen im Land, sondern vor allem, weil die Diskussion um Kernenergie ideologisch stark aufgeladen ist. "Der Zeitraum bis zu einem Endlager war eines der großen Themen in der Kommission, auch sehr kontrovers. Auf der einen Seite wollen wir die Sache natürlich möglichst sicher gestalten, das ist oberstes Prinzip. Zweites großes Prinzip ist die Bürgerbeteiligung, damit eben nicht die Dinge passieren, die in den letzten Jahrzehnten passiert sind. Beides braucht viel Zeit, aber eigentlich haben wir nicht so viel Zeit." Der Technikphilosoph hat die Befürchtung, dass die strahlenden Hinterlassenschaften in einigen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten könnten oder die Notwendigkeit, eine Lösung für eine sichere Entsorgung zu finden, als nicht mehr als so dringlich bewertet wird.

Sicher für die nächste Eiszeit?

Tunnelsystem im atomaren Endlager auf der Insel Olkiluoto vor der Westküste Finnlands.
Tunnelsystem im atomaren Endlager auf der Insel Olkiluoto vor der Westküste Finnlands.

Ein Endlager zu bauen, ist eine Mammutaufgabe – denn keiner weiß, wie unsere Welt in hunderttausenden von Jahren aussehen wird. Gibt es dann überhaupt noch menschliche Gesellschaften wie wir sie heute kennen? Wie werden sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse global entwickelt haben? Und wer kann garantieren, dass nicht eine Naturkatastrophe das Endlager zerstört, ein Erdbeben oder die nächste Eiszeit? Alles denkbar innerhalb von einer Million Jahre. Auch im finnischen Onkalo haben sich die Geologen und Ingenieure darüber Gedanken gemacht. "Wir wissen, dass es vielleicht eine Eiszeit geben wird, aber der Untergrund hier ist 1,8 Milliarden Jahre alt und immer noch in Ordnung, insofern wird er das aushalten", glaubt Janne Laihonen von der finnischen Betreiberfirma. Doch der Granit unter der Insel ist nicht überall gleich, es gibt geologische Brüche. Die Ingenieure lassen die Schächte deshalb an den Stellen bohren, wo sie im Fall einer Eiszeit keine Rissbildung vermuten, sicher ist sicher. Damit das Uran aus den Brennstäben nicht das Grundwasser verseuchen kann, werden die Atommüllbehälter außerdem in Stahlröhren eingelagert, die mit Kupfer ummantelt sind. Und es gibt immer eine Vielzahl an Schutzschächten, die den Atommüll wie ein Labyrinth abschließen - ein Multibarriere-System, nennen es die Betreiber. Ist das Lager um das Jahr 2120 gefüllt, wird es schließlich mit großen Mengen Bentonit, einem Tongemisch, versiegelt.

Die Zeichen der Zeit: Vorsicht Strahlung!?

Neuer Atomreaktor in Finnland von außen
Strahlende Zukunft? Neuer Atomreaktor in Finnland | Bild: BR / Boris Geiger

Finnland baut für die Ewigkeit. Bauwerke dieser Dimension hat es bislang nicht gegeben – sagt Technikphilosoph Armin Grunwald. Das bedeutet eine immense Verantwortung für die kommenden Generationen. "Wenn die Abfälle einfach in zehn oder auch in hundert Jahren ihre Strahlung abgegeben hätten, dann wäre es überschaubar, wir haben jetzt aber Jahrhunderttausende, wo sie weiter strahlen werden, und das macht die Größe dieser Verantwortung aus."  Doch werden unsere Nachfahren überhaupt noch wissen, wie gefährlich Atommüll ist, wenn sie an der Stelle des Endlagers zum Beispiel nach Bodenschätzen graben oder Siedlungen errichten? Welche Warnsymbole könnten helfen, um künftige Generationen vor der strahlenden Gefahr im Untergrund zu waren – und werden die Archäologen der Zukunft diese Symbole überhaupt noch richtig deuten können? Die Finnen planen eine umfassende Dokumentation für ihr Endlager, jedoch kein spezielles Überwachungssystem, wenn die Deponie erst einmal geschlossen ist. Denn dann soll alles sicher im Untergrund verwahrt sein. Solange, bis nichts mehr strahlt.

Die Finnen denken pragmatisch: sie brauchen ein Endlager, und zwar so schnell wie möglich. Denn das Land setzt weiter auf Kernenergie und baut neue Reaktoren. Doch immerhin haben die Finnen mit dem Aufräumen ihres Atommülls begonnen und zeigen der Welt, wie ein nach menschlichem Ermessen sicheres Endlager gebaut werden kann. Onkalo könnte also auch eine Blaupause für Deutschland und andere europäische Standorte sein. Denn eines steht fest: egal wie lange das Atomzeitalter noch dauert, das strahlende Erbe dieser Epoche wird bleiben - für eine unvorstellbar lange Zeit.

Adressen:

Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe
Deutscher Bundestag
Platz der Republik 1, 11011 Berlin
Internet: www.bundestag.de/endlager

Posiva Oy Olkiluoto, 27160 Eurajoki
Finnland
Internet: www.posiva.fi/en/final_disposal
Betreiberfirma des finnischen Atomendlagers

Karlsruher Institut für Technologie (KIT)            
Prof. Dr. Armin Grunwald
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 3640
76021 Karlsruhe
Internet: www.itas.kit.edu

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 25.11.2018 14:48 Uhr

Sendetermin

Sa, 01.12.18 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste