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Kann regionale Ernährung funktionieren?

PlayHamburg und ein Radius von 100 Kilometern in einer Grafik
Kann regionale Ernährung funktionieren?  | Video verfügbar bis 07.10.2022 | Bild: SWR

Regionale Produkte sind gefragt und rangieren in Verbraucher-Umfragen noch vor Bio-Produkten. Die Gründe dafür sind vielfältig: Ein großer Prozentsatz von Lebensmitteln, auch Bio-Produkte, werden von weit her herangeschafft und haben einen ungünstigen ökologischen Fußabdruck. Umweltbewusste Verbraucher bevorzugen deshalb kurze Wege. Andere wollen mit dem Kauf regionaler Produkte heimische Produzenten und lokale Märkte stärken. Und vielen geht es auch darum, einen direkten Bezug zu ihren Lebensmitteln zu haben, damit sie wissen, wo ihr Essen herkommt.

Aber was sind regionale Lebensmittel überhaupt? Dafür gibt es keine einheitliche Definition. Deshalb wird das Label "Regionale Produkte" oft als Marketingslogan benutzt. Kontrollen sind schwierig, ein Zertifikat gibt es nicht. Für den Verbraucher ist es also schwer zu erkennen, was hinter den Regionalprodukten im Supermarkt wirklich steckt. Hilfreich ist der Tipp, im Hofladen einzukaufen, wo Landwirte ihre Produkte aus eigenem Anbau direkt vermarkten.

Regionale Ernährung wissenschaftlich betrachtet

Sarah Joseph, Kühne Logistic University
Können sich die Bewohner einer Millionenstadt wie Hamburg ausschließlich regional ernähren?  | Bild: SWR

Sarah Joseph von der Hochschule für Logistik in Hamburg (KLU, Kühne Logistic University) wollte herausfinden, wie realistisch regionale Ernährung überhaupt ist. Ausgerechnet in Hamburg, dem Hauptumschlagsplatz von Lebensmitteln aus aller Welt, hat Joseph eine radikale Idee: Kann sich eine Millionenstadt wie Hamburg aus der Region ernähren? Diese Frage macht sie zum Thema ihrer Masterarbeit.

Als Definition wählt sie dafür den Umkreis von 100 Kilometern Radius um die Stadt Hamburg. Sie benutzt Datenmaterial vom Statistischen Bundesamt und aus der landwirtschaftlichen Fachliteratur. Zudem informiert sie sich direkt vor Ort auf Bio-Höfen im Umfeld von Hamburg. Ihre Fragestellung fasst sie sogar noch enger: Lässt sich ganz Hamburg mit Bio-Lebensmitteln aus der Region versorgen? Bei einer Besiedelungsdichte von fast 300 Personen pro Quadratkilometer könnte das eng werden. Denn Bio-Anbau braucht mehr Land. Sarah Joseph rechnet mit einem Viertel mehr Fläche für den Bio-Anbau. Für ihre Berechnungen geht sie außerdem von insgesamt neun verschiedenen Ernährungsstilen aus. Mal mit mehr, mal mit weniger Fleisch, mal komplett vegetarisch, mal nach dem Speiseplan auf Grund der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Das Ergebnis: unerwartete Möglichkeiten

Hamburg und ein Radius von 100 Kilometern in einer Grafik
Mit einem reduzierten Fleischkonsum könnten sich die Bewohner von Hamburg ausschließlich regional ernähren. | Bild: SWR

Die Studie zeigt unerwartete Möglichkeiten auf: "Das wichtigste Ergebnis, ist, dass 80 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines 100-Kilometer-Umkreises mit Bio-Produktion versorgt werden könnten", erläutert Sarah Joseph. Weitere Erkenntnis ihrer Studie ist die Bedeutung des Fleischkonsums. Je weniger Fleisch verzehrt wird, desto mehr regionale Ernährung ist möglich. "Wenn man zwei fleischfreie Tage einlegt, könnten sich 90 Prozent der Bevölkerung aus dem Umland versorgen. Bei drei bis vier fleischfreien Tagen – so wie es die DGE empfiehlt – könnten es sogar 100 Prozent sein."

Joseph betont, dass ihren Berechnungen Fakten und Daten zugrunde liegen, dass aber ihre Annahmen hypothetisch sind – zum Beispiel die verschiedenen Ernährungsstile, mit denen die Wissenschaftlerin rechnet. Ein Speiseplan mit ausschließlich Bio-Lebensmitteln oder ein Ernährungsstil, der den Fleischkonsum begrenzt, hat mit den tatsächlichen Ernährungsgewohnheiten einer Bevölkerung wenig zu tun. Dennoch lassen sich die Berechnungen der Studie mit den entsprechenden Zahlen auch auf andere Städte übertragen. Je nach Bevölkerungsdichte und den örtlichen Voraussetzungen wird es nicht überall zu 100 Prozent reichen, aber mehr Potenzial für regionale Ernährung ist wohl überall drin.

Lebensmittel aus der Region – mehr als ein Ernährungsstil

Sebastian Wenzel von Slowfood Hamburg
Der direkte Kontakt zum Landwirt und kurze Wege sind Sebastian Wenzel (li.) wichtig.  | Bild: SWR

Auf den Tisch kommen nur regionale Lebensmittel - das dürfte im Alltag schwer umsetzbar sein. Aber es gibt Verbraucher, für die ist regionale Ernährung eine Lebenseinstellung, zum Beispiel für die Mitglieder der Bewegung "Slow Food". Saisonale und regionale Produkte haben bei ihnen oberste Priorität. Der Hamburger Sebastian Wenzel ist einer von ihnen. Lebensmittel einkaufen ist für ihn mehr als der Gang in den Supermarkt. Er möchte wissen, wo seine Lebensmittel herkommen und wie sie hergestellt werden. Deshalb kauft er vorwiegend bei Direktvermarktern ein; also auf Wochenmärkten oder in Hofläden. Das bietet ihm Gelegenheit zur Diskussion mit dem Bauern, zum Beispiel über das Saatgut und die Anbaumethoden. Aber mehr als 15 Autominuten sollten Hofladen und Produzenten nicht entfernt sein – aus Gründen des Umweltschutzes. Zwar steht bei Slow Food Geschmack und Genuss an erster Stelle. Aber Sebastian Wenzel legt auch großen Wert auf kurze Wege, damit der CO2-Ausstoß niedrig bleibt: "Der Umweltaspekt ist deswegen so wichtig, weil ich der festen Überzeugung bin, dass wir das Zwei-Grad-Ziel einhalten müssen und das werden wir nur machen können, wenn wir unsere Lebensweise in eine Richtung verändern, dass wir uns regional ernähren und deutlich regionaler aufstellen."

Regionale Produkte vor der Haustür

Auch bei Fleisch hält es Wenzel so, dass er die Schweine- und Rinderzüchter in der Umgebung von Hamburg aufsucht. Dort sieht er selbst, wie die Tiere gehalten werden und was sie zu fressen kriegen. Direkt vom Tierhalter erfährt er auch, wann und wo die Tiere geschlachtet werden. So kann Wenzel ein Viertel Rind oder ein halbes Schwein bestellen. Das zerlegt ihm dann der Schlachter in portionsgroße, eingeschweißte Stücke. Rumpsteak und Filet sind allerdings selten dabei, denn diese Edelteile machen nur 20 Prozent eines Tieres aus und sind auch wesentlich teurer. Für Wenzel ist das kein Problem: Die Edelteile genießt er ohnehin nur an Fest- und Feiertagen. Er weiß, wie man auch die weniger gefragten Teile der Tiere zubereitet. So kommen bei ihm zwei, höchsten dreimal pro Woche leckere Fleischgerichte auf den Tisch. Das Gemüse dazu wächst bei Sebastian Wenzel auch im eigenen Garten. Statt Rasen und Rosen pflanzt er vor dem Haus Erbsen, Bohnen, Kohl und Salat. Sein "Naschgarten" ist für alle Passanten offen, einen Zaun gibt es nicht. So können auch Passanten erfahren, welche Gemüse gerade Saison haben und direkt zugreifen können.

Vorratshaltung und Verzicht

Fleisch in einer Pfanne
Lieber weniger Fleisch, aber dafür garantiert aus der Region. | Bild: SWR

Sebastian Wenzel ist überzeugt, dass seine Lebensweise nicht nur mehr Genuss bringt: "Mit der regionalen Ernährung ernährt man sich viel gesünder, man hat keine Chemie mehr im Essen, man hat saisonale Gemüse und Gemüsesorten, allerdings hat man auch eine vollständig andere Vorratshaltung." In seinem Tiefkühlschrank ist Platz für die Rekordernte der Bohnen und Erbsen aus dem Garten. Hier lagern auch die eingeschweißten Fleischteile direkt vom Metzger. Wenzel betrachtet seinen Ernährungsstil nicht als zeitraubend – im Gegenteil: Er bringt ihm sogar Zeitersparnis. Beim Fleischkauf zum Beispiel geht er ein zwei Mal pro Jahr zum Züchter und braucht dann den Rest des Jahres nie wieder zum Fleischkauf in den Supermarkt. Ist bei so viel Konsequenz nicht auch Verzicht angesagt? Manche substanziellen Dinge gibt es nicht aus der Region, zum Beispiel Sahne, weiß Wenzel. Dann macht er ein Zugeständnis und greift zur Sahne, die vielleicht aus Bayern kommt. Aber mindestens Bio-Sahne muss es dann schon sein. Das gilt auch bei Genusslebensmitteln wie Kaffee, Tee oder Schokolade, die von weit herkommen. Wenn er zugreift, achtet er darauf, dass sie wenigstens Bio-Qualität haben, fair gehandelt oder fair transportiert sind, zum Beispiel Kaffee, der mit dem Segelschiff ohne Schadstoff-Emission transportiert wurde.

Ist regionale Ernährung teurer? Vielleicht auf den ersten Blick, meint Wenzel: "Aber die Frage ist, welche Kosten man in die Ernährung mit einpreist. Wenn man die Kosten der Umweltverschmutzung mit einberechnen würde, die durch Transport entstehen, wären regionale Lebensmittel sehr viel günstiger. Wenn man das nicht tut, dann ist das vielleicht auch mal teurer, es ist aber sehr unterschiedlich und stark von der Saison abhängig. Gemüse in der passenden Saison ist in allen Anbietungsformen sehr günstig und Gemüse, das außerhalb der Saison, in Spanien oder Südamerika angebaut wird hat natürlich deutlich höhere Kosten." Der Ernährungsstil von Sebastian Wenzel erfordert vielleicht mehr Zeit und die kann sich nicht jeder leisten. Vor allem erfordert er auch viel Kenntnis, Sachverstand und Wissen. Aber generell ist im Alltag viel mehr regionale Ernährung möglich.

Autorin: Monika Kovacsics (SWR)

Stand: 05.10.2017 21:44 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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