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Evakuierungsforschung: Soziale Einrichtung schnell und sicher räumen

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Evakuierungsforschung: Soziale Einrichtung schnell räumen | Video verfügbar bis 11.03.2022 | Bild: SWR

Schnelle Evakuierung oft nicht möglich

Wachabteilungsleiter Torsten Raspe ist seit fast 30 Jahren Feuerwehrmann. Doch auch der alte Hase hat immer noch ein "mulmiges Gefühl", wenn der Wermelskirchener Löschzug zu einer sozialen Einrichtung gerufen wird: Krankenhäuser, Altenheime, Wohnheime für behinderte Menschen – da sind viele immobile oder mental eingeschränkte Menschen im Haus. Man wisse nie, was einen erwartet: Möglicherweise ist die Einrichtung mit der Evakuierung völlig überfordert. Und wenn die Feuerwehrleute in voller Montur mit gespenstischen Atemschutzmasken auftauchen, geraten manche Menschen dort schon mal in Panik.

Beim Übungseinsatz "Brand in der Lebenshilfe-Werkstatt" ist die Wermelskirchener Wehr in wenigen Minuten vor Ort. Überraschung: Die Belegschaft aus zwei Montagehallen und dem heilpädagogischen Bereich wartet schon komplett am Sammelpunkt außerhalb des Gebäudes. Das sei nicht selbstverständlich, sagt Dominik Hensel, Gruppenleiter der Lebenshilfe: Rollstuhlfahrer müssten von den Arbeitsplätzen in die Rollstühle umgesetzt werden, "dann haben wir sogar Leute, die sich wehren, hier aus der Gruppe raus geführt zu werden."

In Extremsituationen zeigt sich kein überlegtes Handeln

Feuerwehrmänner auf dem Weg zum Einsatzort
Evakuieren sollte eine Einrichtung im Idealfall selbst. | Bild: SWR

Den langen Zug der Mitarbeiter aus den Werkstätten hat Prof. Werner Heister aufmerksam protokolliert. Er ist Evakuierungsforscher von der Hochschule Niederrhein. Im Verbund mit anderen Instituten beobachtet er seit einem Jahr die Lebenshilfe Bergisches Land für eine Studie über Fluchtverhalten. Hintergrund ist die Erfahrung, dass sich soziale Einrichtungen oft verschätzen, wie viele helfende Hände sie im Notfall wirklich brauchen. Da gibt es zwar die nötigen Fluchtwegmarkierungen, Rettungspläne und sicher auch die zwei vorschriftsmäßigen Übungen pro Jahr. Doch im Grunde denke jeder: Es hilft ja die Feuerwehr. Doch die kommt streng genommen "nur", um zu löschen. Krankenhäuser oder Heime müssen eigentlich selbst fähig sein, schnell zu evakuieren. Muss die Feuerwehr die Leute rausholen heißt das, die Einrichtung hat versagt.

Bei großen Evakuierungsstudien werden schon mal 1.000 Versuchsteilnehmer in Turnhallen durch Engpässe gepfercht. Die Ergebnisse sind generell nicht sehr schmeichelhaft für die Spezies Mensch: In Extremsituationen zeigt sich da kein überlegtes Handeln, sondern Herdentrieb, Muster, nach denen eine Masse in Bedrängnis agiert – bis hin zu Chaos und Kollaps. Aus Heisters Beobachtungen in der Lebenshilfe sollen Schulungsprogramme entstehen, von denen alle sozialen Einrichtungen profitieren.

Blockade durch Menschenstrom

Menschen verlassen verschiedene Räume
Stau vor dem Ausgang: Der Hauptstrom der Flüchtenden blockiert die Rollstuhlfahrer aus dem Nebenraum. | Bild: PTV Group

Wir beobachten in den Wermelskirchener Werkstätten einen Versuch: Zwei Montagehallen und ein kleinerer, heilpädagogischer Bereich mit schwerbehinderten Menschen führen zu einem gemeinsamen engen Notausgang. Was geschieht bei Brandalarm?Erstmal Irritation. Ist das ein Ernstfall? Das frisst schon mal Zeit. Dann langsamer Aufbruch im heilpädagogischen Bereich. Die Betreuer müssen die schwer körperbehinderten Mitarbeiter in die Rollstühle umsetzen. Bloß keine Hektik, sonst könnten manche streiken.

In den Montagehallen geht es schneller: Die Agileren haben die Aufgabe, Kollegen mit stärkeren Handycaps zu führen. Soweit läuft alles vorbildlich. Ein Hauptstrom von Menschen Richtung Notausgang bildet sich. Doch dieser Strom blockiert dann den Ausgang der heilpädagogischen Gruppe. Dort kommt Unruhe auf, es geht nicht voran. Erst verzögert können die ersten einfädeln. Am engen Notausgang dann ein Riesenstau: Vor allem die Rollstuhlfahrer blockieren den Fluss. Dann geht es langsam weiter, der lange Anstieg zur Straße hin ist für viele mühsam. Mitunter sind zwei Helfer nötig, um einen Rollstuhl zu schieben. Da läuft manches nicht so reibungslos, wie es in der theoretischen Evakuierungsplanung vorgesehen ist.  Die Nachbesserungen werden sicher teuer für die Lebenshilfe.

Ressourcen besser nutzen

Eine Person wird mt einem "Evac-Chair" die Treppe heruntergebracht.
Übung mit dem "Evac-Chair": Bei Brandalarm darf der Aufzug nicht benutzt werden.  | Bild: SWR

Manöverkritik: Werner Heister bespricht mit dem Lebenshilfe-Team: Die "abgeblockte" Gruppe des heilpädagogischen Bereichs braucht einen eigenen Notausgang. Klar, das kostet Geld, aber anders geht es nicht. Die separate Tür wird eingebaut. Was dagegen nichts kostet: Noch intensiver schauen, wer von den behinderten – und scheinbar hilflosen Menschen – das Zeug zum Helfer und Retter hat. Werner Heister sagt, da gibt es mehr Ressourcen, als man denkt. Und: Lassen sich vielleicht Nachbarfirmen in den Rettungsplan integrieren? Fragen kostet nichts und der Blick über den Tellerrand kann sich im Notfall wirklich lohnen: "Wenn die Menschen draußen sind, muss sich jemand um sie kümmern", sagt Heister: Ein heißer Kaffee in der Kantine des Nachbarunternehmens würde schon mal die ersten Ängste nehmen.

Genau hinschauen, eigene Ressourcen besser nutzen und verteilen, und auch schauen, ob externe Unterstützung möglich ist – das sind im Grunde einfache Strategien, um ohne riesige Investitionen fitter für den Notfall zu werden. Der Forscher im Haus hat die Belegschaft hier nach eigener Aussage selbstkritischerer und selbstbewusster gemacht: Wenn die Feuerwehr anrückt, das ist hier inzwischen allen klar, muss das Gebäude schon leer sein.

Autor: Oliver Wittkowski (SWR)

Kontakt
Hochschule Niederrhein
Prof. Dr. Werner Heister
Betriebswirtschaft im Sozialen Sektor
Richard-Wagner-Str. 98, 41065 Mönchengladbach
E-Mail:werner.heister@hs-niederrhein.de
Internet: www.hs-niederrhein.de/sozialwesen/personen/heister/

Forschungszentrum Jülich GmbH
52425 Jülich
Tel. (02461) 610
E-Mail: info@fz-juelich.de

Stand: 14.07.2019 03:05 Uhr