SENDETERMIN So., 17.12.17 | 04:40 Uhr | Das Erste

Sehnsuchtsort Familie

PlayMutter und Tochter im Gespräch
Sehnsuchtsort Familie | Video verfügbar bis 16.12.2022 | Bild: SWR

 

"Familie" – was steckt da nicht alles drin, in diesem großen Begriff: Wärme, Geborgenheit, Schutz und Lebenssinn. Auch wenn – bei näherem Hinschauen – viele Familien von kleinen oder großen Dramen und Verwerfungen gebeutelt werden: Die intakte Kleinfamilie ist und bleibt ein Sehnsuchtsort: 86 Prozent der Deutschen sagen, Familie sei ihnen sehr wichtig.

Die junge Familie W. ist da ein gutes Beispiel:  Vater Philipp, Mutter Eva, zwei Kinder. Sie sind christlich geprägt – das Tischgebet gehört dazu. Sie legen Wert auf musische Erziehung. Ein Familienleben mit klaren Regeln, ein sicherer Hafen. Philipp W. sagt: "Ich komme nach Hause und die Tatsache, dass alle da sind, dass meine Frau da ist, mein Sohn, meine Tochter da sind, körperlich da sind, dass ich sie in den Arm nehmen kann", das gebe ihm doch "Sicherheit und Frieden". Trotz des harmonischen Grundanspruchs ans Familienleben: Die Eltern sehen durchaus, dass Ihre Kinder ihren eigenen Kopf haben: Tochter Katharina, dachten sie, solle doch möglichst ins Ballett gehen. Sie aber habe sich, so der Vater für Judo entschieden, obwohl sie eine ganz zarte Gestalt habe. Und das sei eben auch so ein Lehrstück für ihn: Es wäre fatal, "wenn man die eigentlichen Neigungen und Stärken der Kinder übersieht, und man einfach mit einem elterlichen Kurs darüber bügelt." Im modernen Familienleben ist eben vieles Verhandlungssache. "Demokratischer Erziehungsstil" heißt der – zumindest in der Theorie – goldene Mittelweg zwischen autoritär und antiautoritär. Bis dahin war es ein langer Weg.

Ausbruch aus dem Familienrahmen

Ältere Frau blickt lachend in die Kamera
Im Herzen noch Hippie. | Bild: SWR

Vor allem die Generation der 1968er haben die traditionellen Erziehungsideale durcheinander gewirbelt:  Dafür steht Ameli A. Sie hat ihren beiden Enkelinnen übers Wochenende zu Besuch. Ameli stammt aus einer wohlhabenden Bildungsbürgerfamilie. Auch wenn ihre Eltern ein offenes, kommunikatives Hausleben mit Verwandten und Künstlern pflegten – gegenüber den Kindern herrschten strenge Sitten, so erinnert sich Ameli: "Unter der Woche war es still, eine Zeit lang hieß es auch: Kinder sprechen nicht beim Essen, nur wenn sie gefragt werden."

Ameli litt unter dem hohen Erwartungsdruck ihrer Eltern, versagte in der Schule. Sie versuchte, es ihren Eltern "immer recht zu machen", erinnert sie sich. Und merkte aber bald, die strengen Hausregeln galten nicht für alle. Sie erinnert sich an den Besuch eines Mädchens: "Die war künstlerisch sehr begabt und hat sich an überhaupt keine Regeln gehalten. Und die hatte dann aber mehr Anerkennung als ich, weil sie so begabt war." Das habe sie dann so geärgert, dass sie zum Schluss kam, sie könne "dann auch auf Regeln pfeifen." Ameli verabschiedete sich in die Hippieszene, lebte in Bauernhof-WGs, bekam drei Kinder von zwei Männern. Sie wollte es bei ihren Kindern besser als ihre Eltern machen. Aber ihre antiautoritäre Erziehung bewirkte, so sagt sie, das Gegenteil: Vor allem ihre Tochter lege viel Wert auf bürgerliches Verhalten.

Familie einst und heute

Mutter und Tochter im Gespräch
Verhandeln mit den Kindern. | Bild: SWR

Weit weg scheint heute die Aufbruchsstimmung der 1968er: In der heutigen Welt, die wieder als zunehmend unsicher erscheint, gewinnen Familienwerte aus der "guten alten Zeit" wieder Bedeutung. "Retraditionalisierung" heißt das. Dazu verstärkt sich der ökonomische und organisatorische Druck auf die Familie: Sonja und Erik J. leben mit ihren beiden Kindern in einer schönen Wohnung. Beide Eltern arbeiten – mit Beruf und Familie sind sie reichlich ausgelastet. Es ist immer wieder eine organisatorische Herausforderung. Die "Kernfamilie" ist eben aufgrund ihrer Kleinheit ein sehr unflexibles Gebilde, sagen Soziologen: Früher, in der bäuerlichen Welt bezeichnete "Familie" eher den ganzen Hof, samt Helfern, und auch dem Vieh und Sachgütern. Es gab in diesem größeren Rahmen mehr Optionen in der Not. Auch war die Kindersterblichkeit größer, die Familie zerbrach am Tode eines Kindes nicht.

Mit der Industrialisierung trennten sich dann aber Lebens- und Arbeitsplatz. Die kleinere "Kernfamilie" bekam als Zufluchtsort emotional immer mehr Bedeutung. Das sinnstiftende private Familienprojekt wurde immer mehr die erfolgreiche Aufzucht der wenigen Kinder. Im Grunde ist das – trotz 1968er-Erschütterungen und Patchwork- oder Regenbogenfamilien – bis heute immer noch so.

Familie größer denken

Tische mit Leuten vor Wohnanlage
In größeren Gemeinschaften gibt es mehr Optionen und Ideen.  | Bild: SWR

Was den Eltern heute helfen kann, ist ein größeres Netzwerk zu suchen. Sonja J. meint, Kernfamilie und Offenheit, das sei doch gut zu vereinbaren. Sie habe zwar noch "eine sehr traditionelle Vorstellung: Vater, Mutter, Kinder, klar ist das meine Familie."  Aber es dürfen und sollen auch andere etwas hereintragen: "Und meine Familie darf auch Impulse von außen aufnehmen." Für sie besteht die Gefahr darin "wenn man sich zu sehr einkapselt, dass man sich als Familie auch nicht entwickeln kann." Die jungen Eltern lebten lange in WGs und haben sich erfolgreich diesen sozialen Geist bewahrt.

In größeren Gemeinschaften gibt es nun mal mehr Optionen und Ideen. Auch deshalb sind Ameli A. und auch die Familien Jetter und Wolff in ein genossenschaftliches Wohnprojekt gezogen. Vielleicht eine Rückbesinnung auf Zeiten, als "Familie" noch ein größerer Rahmen war: Alle leben hier etwas mehr Gemeinschaft als unter Nachbarn in der Stadt sonst üblich. Und dieser Blick über den Tellerrand der eigenen Sippe hat offenbar etwas Entlastendes und Befreiende.

Buchtipps:
Sebastian Schinkel:
Familiäre Räume. Eine Ethnographie des gewohnten Zusammenlebens als Familie.
Verlag transcript, Bielefeld 2013

Rosemarie Nave-Herz:
Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung
Verlag WGB  Darmstadt, 6. Aufl. 2015

Autor: Oliver Wittkowski (SWR)

Stand: 31.07.2019 17:37 Uhr