SENDETERMIN So., 17.12.17 | 04:40 Uhr | Das Erste

Familienglück im Wandel

PlayEltern und Kinder am Tisch
Familienglück im Wandel | Video verfügbar bis 16.12.2022 | Bild: SWR

Vorhang auf für die propere Schaufenster-Familie: Auf einer Frankfurter Konsumgütermesse 1955 führt eine Kleinfamilie – Vater, Mutter, zwei gut geratene Kinder – die neuesten Errungenschaften der Haushaltstechnik vor. Das Wirtschaftswunder kommt in Fahrt. Ein Reporter kommentiert launig die Begehrlichkeiten, die daraus erwachsen: "Schrittmacher für den gesteigerten Konsum sind die kinderlosen und kinderarmen Familien. Sie bestimmen die Normen des Lebensstandards, hinter denen keiner zurückstehen will." Drei Millionen Mütter mit minderjährigen Kindern, so die Statistik, arbeiten damals schon mit, um – so suggeriert der Fernsehbeitrag etwas moralinsauer – beim Konsumfest mitzuhalten. Drei Millionen Mütter mit minderjährigen Kindern gehen damals schon arbeiten – allerdings auch, um die Familie überhaupt durchzubringen.

Geld oder Bildung?

Pärchen mit Kind beim Shoppen
"Konsumeinheit" Familie | Bild: SWR

Das liebe Geld dominiert daher auch die Familienpolitik: In den Fünfzigern gibt es 25 Mark monatliches Kindergeld für das dritte Kind, in den Sechzigern schon für das zweite – Segnungen des Sozialstaats für die Familie als "Keimzelle der Gesellschaft".

In den 1960er-Jahren gerät die Familie dann auch in den Fokus der soziologischen Betrachtung: Ein Reporter kommentiert die Familien, die mit Einkauftüten durch die Innenstadt hasten: "Die Familie produziert nicht mehr, sondern verbraucht, was der Vater und oft auch die Mutter in unselbstständiger Arbeit in Fabriken oder Büros als Gehalt verdienen." Eine Soziologin setzt analytisch noch einen drauf: "Rein ökonomisch gesehen ist die heutige Familie nur noch Konsumeinheit." Ist sie das wirklich?

In den 1970er-Jahren kommen dann frische Impulse von der Politik: Familienglück hängt doch nicht nur am Geld, sondern auch an der Bildung. Ein Reporter bringt die neue Philosophie auf den Punkt: "Die Familie entsteht durch das Kind. Familienpolitik versucht das Erziehungsfähigkeit der Eltern zu verbessern."

Modernes Eltern-Teamwork

Mann badet Babypuppe
Na geht doch! | Bild: SWR

Durch Bildung Verhaltensmuster und Erziehungsideale zu verändern, ist ein löblicher Ansatz. Doch klassische Rollenbilder halten sich wacker: Ein Reporter interviewt verschiedene Frauen in seinem Umfeld über ihre Werte und Wünsche. Barbara beantwortet die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt: "Also erstmal, in erster Linie Kinder, die für mich an erster Stelle stehen, dann Haushalt ein bisschen, einkaufen gehen, was eine ganz normale Hausfrau so tut."

Andrerseits gehen viele Mütter inzwischen ganz selbstverständlich und ohne schlechtes Gewissen arbeiten. Tatsächlich dürfen sie das erst seit 1977 auch ohne Einverständnis ihres Mannes. Der hilft nun auch mal tapfer im Haushalt mit – und macht sich selbst einige Gedanken dazu: "Stichwort Emanzipation. Heißt eben für mich: Dass Gudrun, trotz ihrer jetzigen Rolle im Büro und so, eine Frau bleibt. Und dass ich eben Mann bleibe und nicht zur Hausmutter werde!"  Urängste des Mannes kommen da hoch. Immerhin: Das moderne Eltern-Teamwork nimmt allmählich Fahrt auf. Fernsehberichte zeigen Männer, die ihre Frauen bei der Schwangerschaftsgymnastik unterstützen, und in Kursen beim waschen und wickeln von Babypuppen.

Ein dicker Forderungskatalog

Reporter vor Tierskelett und Menschenschädel
1979: Sterben die Deutschen aus? | Bild: SWR

Doch schon droht neues Ungemach: Alarm, Geburtenrückgang! Im Jahr des Kindes, 1979, stürzen sich die Medien auf das befürchtete "Aussterben der Deutschen". Ein Reporter berichtet aus einer möglichen Zukunft: "Aus einstmals 60 Millionen wurden heute, im Jahr 2072 weniger als 15 Millionen. Das Ende der deutschen Bevölkerung ist abzusehen." In dieser verstörenden Vision sind die letzten Kinderwagen auf deutschen Straßen eine Sensation. Und der Reporter in der fernen Zukunft weiß: "Die Ursache des ganzen Dilemmas: Bevölkerungspolitische Kurzsichtigkeit der Bundesregierung vor knapp hundert Jahren…"

Denn damals legten Sozialexperten ja schon einen dicken Forderungskatalog auf dem Tisch:  "Sicherung des Arbeitsplatzes, mehr Teilzeitarbeitsplätze, gleitende Arbeitszeit, Anerkennung von Erziehungsleistungen". Alles richtig und wichtig, aber das alles kostet den Staat und die Unternehmen natürlich viel Geld. Geht es nicht ein bisschen einfacher, fragt sich im Jahr des Kindes der zukünftige Kanzler Helmut Kohl. Und kommt zu dem Schluss: "Zunächst ist das allerwichtigste, wieder deutlich zu machen, dass die Familie als Lebens- und Erziehungsgemeinschaft der wichtigste Ort individueller Geborgenheit und Sinnvermittlung ist."

Hohe Schule des Familienlebens

Mutter mit Kind
Anfang der 1980er-Jahre gibt es einen kleinen Baby-Boom. | Bild: SWR

Aber auch der Prozess der Sinnvermittlung wird in Familien zunehmend komplexer.  In den 80er-Jahren zieht ein neuer pädagogischer Ton ins traute Heim ein. In einem Lehrfilm wird vorgeführt, wie man das Kind als Verhandlungspartner ernst nimmt. Eine typische Szene: Die Eltern schauen spät abends fernsehen. Ihre kleine Tochter sitzt immer noch dabei. Der Vater spricht ein ernstes Wort mit ihr, begründet aber sein Verhalten und legt seine inneren Gefühlshaushalt vorbildlich der Tochter gegenüber offen: "Ich fühle mich dabei nicht wohl, wie fühlst Du Dich dabei." Die Tochter antwortet: "Also ich mag nicht, wenn Du mit mir schimpfst." Alles ist also auf einem pädagogisch vorbildlichen Wege.

Immerhin, Anfang der Achtziger Jahre gibt es einen kleinen Baby-Boom. Eine Mutter erklärt das recht idealistisch: "Ich glaube, dass das Leistungsdenken irgendwie ja einen Höhepunkt erreicht, oder überschritten hat. Dass viele Leute sich sagen: Was soll das mit dem ganzen Anschaffungskram. Dass sie sich überlegen, dass es doch nicht so sehr darauf ankommt, und dass dann Kinder viel eher drin sind." Am Ende landet man in Sachen Familienglück dann eben doch wieder beim Thema "Geld". Leistung und Familie, Kinder und Konsum zusammenzukriegen, das ist bis heute die hohe Schule des Familienlebens.

Literatur zum Thema:
Irene Gerlach:
Familienpolitik
VS Verlag Wiesbaden 2009

Dorothea Christa Krüger; Holger Herma; Anja Schierbaum (Hrsg.):
Familie(n) heute. Entwicklungen, Kontroversen, Prognosen.
Weinheim 2013, S. 18–35.

Annette Eva Fasang, Johannes Huinink, Matthias Pollmann-Schult
Aktuelle Entwicklungen in der deutschen Familiensoziologie: Theorien, Daten, Methoden.
In: Zeitschrift für Familienforschung, 2016, H. 1, S. 112-143.

Autor: Oliver Wittkowski (SWR)

Stand: 31.07.2019 17:37 Uhr

Sendetermin

So., 17.12.17 | 04:40 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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