SENDETERMIN Sa, 18.08.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Rot, grün, blau – sehen alle Menschen Farben gleich?

PlayStudent schreibt mit roter Fingerfarbe das Wort „rot“ auf weißes T-Shirt
Rot, grün, blau – sehen alle Menschen Farben gleich? | Video verfügbar bis 18.08.2023 | Bild: BR

Farben bestimmen unser Leben, das sieht man schon allein daran, wie sehr sie unsere Alltagssprache dominieren: ein rotes Tuch, ein grüner Daumen, ein blaues Wunder. Auch wird über Farben kontrovers diskutiert. Jeder sieht etwas anderes. Woran liegt das eigentlich?

Der kleine Unterschied: Bau des Auges

Grafische Darstellung eines Auges, das einen Apfel sieht und als grün interpretiert.
Im Auge des Betrachters: Farben sind nichts Absolutes. | Bild: BR

Tatsächlich wissen Farbforscher: Die Wahrnehmung von Farben ist nichts Absolutes. Menschen erkennen Farben, weil verschiedene Fotorezeptoren im Auge durch Lichtwellen erregt werden. Aus diesem Erregungsmuster können dann Netzhaut und Gehirn auf eine bestimmte Farbe schließen. Deshalb sehen wir die Dinge bunt. Trotzdem gibt es individuelle Unterschiede bei der Farbwahrnehmung. Das liegt unter anderem auch am Bau des Auges. Die meisten von uns haben drei Typen von Fotorezeptoren. Allerdings sind sie verschieden verteilt und unterschiedlich empfindlich. Deshalb können manche Menschen bestimmte Spektren unterscheiden, andere nicht. Manchmal, etwa bei der Rot-Grün-Schwäche, fehlen auch bestimmte Rezeptortypen.

Ein Kessel Buntes

Christoph Witzel
Kunterbunte Wissenschaft: Farbforscher Christoph Witzel  | Bild: BR

Der Wahrnehmungspsychologe und Farbforscher Christoph Witzel von der Uni Gießen möchte wissen, was die Wahrnehmung von Farben sonst noch beeinflusst und wie objektiv Farben tatsächlich gesehen werden. Gemeinsam mit Studenten macht er deshalb ein Experiment – mit bunten T-Shirts:

Fünf Probanden werden zum Einkaufen in ein Sportgeschäft geschickt. Wie in vielen Läden sind die Verkaufsräume mit Kunstlicht beleuchtet. Welchen Einfluss hat das Kunstlicht auf die Farbwahrnehmung der Shirts? Verändert die Umgebung, in der wir uns befinden, die Wahrnehmung von Farben? Das will der Forscher später im Farblabor messen. "Man kennt das vielleicht: man geht in ein Geschäft, kauft sich ein T-Shirt, kommt nachhause, schaut es sich am Kleiderschrank an – und es sieht irgendwie nicht genauso aus, wie man sich das vorgestellt hat oder wie man es in Erinnerung hat", erklärt Christoph Witzel das Experiment.

Ich sehe was, das du nicht siehst!

Zuerst interessiert den Wahrnehmungspsychologen der subjektive Eindruck der Probanden: senfgelb, petrol, pink, dunkelblau, grasgrün – bei den Farben der T-Shirts im Laden herrscht Einigkeit. Doch draußen auf dem Campus im Sonnenlicht gibt es erste Diskussionen. Ist das pinkfarbene Shirt nun lila oder violett? Christoph Witzel weiß, dass die Unterschiede in der Wahrnehmung von Farben auch mit der Kommunikation über sie zu tun haben. Denn Menschen benennen Farben einfach verschieden. Was der eine als grün bezeichnet, ist für den anderen schon türkis oder blau. Das kann zu Missverständnissen führen. Darüber hinaus gibt es aber auch Unterschiede, die man messen kann. Etwa beim pinkfarbenen und blauen T-Shirt: "Hier ist es so, dass die Beleuchtung im Freien das Blau sehr schön betont, während im Laden der rötliche Anteil sehr viel stärker betont wurde. Jetzt müsste man sich mal anschauen, wie tatsächlich die Spektren von diesem T-Shirt sind", erläutert der Farbforscher.

Witzel möchte im Farblabor nun Klarheit haben. Mit einem Spektroradiometer misst er das Farbspektrum der T-Shirts. Und zwar in unterschiedlichen Lichtstimmungen, die er unter Laborbedingungen kontrollieren kann. Tatsächlich verändert sich das pinke T-Shirt bei Lichtwechsel besonders stark: "Unter der rötlichen Beleuchtung hat man hier diesen großen Gipfel, der das Hemd sehr viel rötlicher macht, während er unter der grünlichen Beleuchtung fast komplett abgesägt ist, weil die grüne Beleuchtung dort keine Energie hinlässt", erklärt der Wahrnehmungspsychologe. Wie wir Farben sehen, hängt also ganz entscheiden davon ab, unter welchem Licht wir sie betrachten – das kann man messen. Es liegt aber auch am Bau des Auges. An der Kommunikation. Und am Wissen, das uns Farben je nach Kontext unterschiedlich interpretieren lässt.

Licht und Schatten: Ein Kleid spaltet die Welt

Frau mit blau-schwarzem Kleid in dunklem Farblabor.
Blau oder golden? Die Beleuchtung macht den Unterschied. | Bild: BR

Tatsächlich ist blau nicht gleich blau. Im Netz hat ein Kleid 2015 für hitzige Diskussionen gesorgt. Ist es blau-schwarz oder weiß-golden? Christoph Witzel hat die Farbwahrnehmung des Kleides untersucht und festgestellt: Entscheidend ist die angenommene Beleuchtung des inzwischen weltberühmten Kleides. Manche Menschen nehmen an, das Kleid wird hell angestrahlt – und sehen es blau und schwarz. Die anderen denken, das Kleid liegt im Schatten und nehmen es deshalb weiß und gold wahr.

Farbwissen: Bananen sind gelb, Schlümpfe blau

Grafik von Person am Computerbildschirm, die Farbe an gelber Banane einstellt
Gelb, gelb, gelb! Wir sehen, was wir wissen. | Bild: BR

Wie wir Farben sehen, hängt übrigens auch davon ab, was wir über die Objekte wissen. Die Gießener Farbforscher gaben Probanden die Aufgabe, das Bild einer Banane grau einzustellen – passend zum Bildschirmhintergrund. Doch die Mehrzahl der Probanden stellte die Bananen "bläulich" ein, um die subjektive Farbwahrnehmung auszugleichen. Der Grund: Ihr Gehirn bewertete die Banane immer noch als gelb, obwohl die Farbe längst verschwunden war. Unser Gehirn ist offensichtlich sehr geschickt darin, die von den Sinnen gelieferten Rohdaten zu ergänzen. Das Gleiche haben die Gießener Farbforscher mit gelben Briefkästen gemacht. Auch bei Schlümpfen hat es funktioniert, sie wurden als blau wahrgenommen, obwohl sie faktisch fast grau waren.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 16.08.2018 19:43 Uhr