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Gefälschte Medikamente in Entwicklungsländern

PlayKarte der Sammel-Gebiete in Kamerun
Gefälschte Medikamente in Entwicklungsländern | Video verfügbar bis 27.10.2023 | Bild: WDR

Es ist ein Geschäft mit dem Tod: Der Handel mit mangelhaften Medikamenten. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in Entwicklungsländern im Schnitt jedes zehnte Arzneimittel minderwertig oder gefälscht. Wo staatliche Kontrollsysteme versagen, florieren die Schwarzmärkte. Die WHO schätzt, dass die Ausgaben für diese Mittel bei mindestens 25 Milliarden Euro pro Jahr liegen. Viele Patienten bezahlen den Betrug mit ihrem Leben: Laut einer aktuellen Veröffentlichung der Organisation, sterben allein an Lungenentzündungen und Malaria mindestens 140.000 Menschen im Jahr, weil sie minderwertige oder gefälschte Medikamente einnehmen. Besonders betroffen ist der afrikanische Kontinent.

Größte Medikamentenstudie, die es bislang in Kamerun gibt

Fidelis Nyaah und Simon Schäfermann sammeln Medikamente in einer Krankenhaus-Apotheke
An jeder Station kaufen die Forscher jeweils 12 unterschiedliche Medikamente: 5 Herzkreislaufmittel und 7 Antibiotika. | Bild: WDR

Das westafrikanische Land Kamerun gilt als Hotspot für minderwertige und gefälschte Medikamente. Bislang mangelt es aber an verlässlichen Daten darüber, wie groß das Problem tatsächlich ist und wo die Qualität am schlechtesten ist. Simon Schäfermann, Apotheker der Universität Tübingen, und Dr. Fidelis Nyaah, Zentralapotheker in Kamerun, wollen das ändern. Die beiden arbeiten an einer der größten Medikamentenstudien, die es in Kamerun bislang gibt. Sie sammeln und testen Medikamente in sechs Regionen des Landes. Dabei unterscheiden sie zwischen zugelassenen Apotheken und Schwarzmärkten.  

Antibiotikaresistente Keime werden zu einem weltweiten Problem

Medikamentenschachteln und Blister in einem Straßenshop.
Medikamente auf der Straße zu verkaufen ist auch in Kamerun illegal. Trotzdem sind die Shops weit verbreitet. | Bild: WDR

Erste Station der Forscher: Die Apotheke eines kirchlichen Krankenhauses. An jeder Station kaufen die Forscher jeweils zwölf unterschiedliche Medikamente: fünf Herzkreislaufmittel und sieben Antibiotika, alle verschreibungspflichtig. Antibiotika gehören zu den meistverkauften Medikamenten in Kamerun und anderen afrikanischen Ländern. Sie zu fälschen, ist daher besonders lukrativ. Aber sie stehen noch aus einem anderen Grund im Fokus der Forscher, erklärt Simon Schäfermann: "Antibiotika mit schlechter Qualität haben nicht nur Einfluss auf den Patienten und auf die Krankheit, die er jetzt gerade hat, die schlechter therapiert wird, sondern durch diese niedrig dosierte Therapie haben wir auch ein hohes Risiko, dass sich Antiobiotika-Resistenzen entwickeln können. Und diese antibiotikaresistenten Keime können natürlich weltweit zu einem Problem werden."

Die ärmere Bevölkerung ist auf illegale Märkte angewiesen

Forscher prüft Medikamente mit dem sogenannten Dissolution-Tester.
Neben dem Wirkstoffgehalt testen die Forscher auch, wie Wirkstoff im Körper tatsächlich freigesetzt wird. | Bild: WDR

Neben zugelassen Apotheken, wollen die Forscher auf Straßenmärkten sammeln. Der Verkauf dort ist auch in Kamerun illegal. Dahinter stehen häufig kriminelle Banden. „Das ist ein sehr starkes Netzwerk, vielleicht vergleichbar mit der mexikanischen Drogenmafia“, warnt Apotheker Fidelis Nyaah. Um möglichst unauffällig zu bleiben, sammeln Njeba und Manyi, zwei lokale Kollegen von Fidelis, unter einem Vorwand auf dem Straßenmarkt. Sie geben vor, selbst einen kleinen Laden zu haben. So erklären sie, warum sie gleich zwölf unterschiedliche Medikamente kaufen wollen. Der Shop liegt direkt an einer Hauptstraße, zwischen Handy-Shops und Gemüseläden. Der Besitzer sitzt auf einem kleinen Schemel, hinter ihm steht ein etwa zweimal zwei Meter großes Regal – randvoll gestopft mit Medikamentenschachteln und Blistern. Neben Njeba und Manyi stehen noch drei weitere Kunden vor dem Regal. Das Geschäft läuft gut. Die Medikamente sind in solchen Shops meist günstiger als in zugelassenen Apotheken. Für die ärmere Bevölkerung sind sie häufig die einzige Möglichkeit, überhaupt an Arzneimittel zu kommen. Der Shop wirkt chaotisch, ist aber bestens ausgestattet. Alle zwölf Medikamente sind vorrätig.

Betrügerische Absicht ist schwer nachweisbar

Zwei Packungen mit gefälschten Antibiotika-Tabletten
Antibiotika zu fälschen ist besonders gefährlich, denn sie erhöhen das Risiko, dass sich Resistenzen verbreiten. | Bild: WDR

 Auf sechs Schwarzmärkten und in 18 zugelassenen Apotheken sammeln die Forscher insgesamt rund 300 Medikamente. Analysiert werden sie im Pharmazeutischen Institut der Uni Tübingen. Die Hauptfragen: Wie viel Prozent Wirkstoff enthält das Medikament? Und: Wenn Wirkstoff drin ist, wie viel davon wird im Körper freigesetzt? Letzteres prüft Simon Schäfermann im sogenannten Dissolution-Tester. Er entdeckt zum Beispiel ein Antiasthmatikum, das 100 Prozent des angegebenen Wirkstoffs enthält. Weil die Verarbeitung aber so schlecht ist, werden davon nur etwa zwölf Prozent im Körper freigesetzt. Damit hätten die Tabletten keine therapeutische Wirkung, erklärt er. Laut WHO-Definition gelten die Tabletten als minderwertig, nicht als gefälscht. Das Problem: Eine betrügerische Absicht ist schwer nachweisbar. Eindeutig ist die Sache meist nur, wenn ein Medikament gar keinen oder einen falschen Wirkstoff enthält. Auch solche Fälle entdeckt der Forscher.

WHO veröffentlicht weltweite Warnungen

Schäfermann untersucht Tabletten aus Kamerun, die laut Etikett das Antibiotikum Penicillin enthalten. Doch die Analyse zeigt, dass sie keinen Wirkstoff enthalten. Stattdessen findet der Forscher eine geringe Menge Paracetamol. Das senkt zwar das Fieber, aber die gefährlichen Bakterien vermehren sich ungebremst weiter. Das Penicillin bleibt nicht die einzige Fälschung. Schäfermann entdeckt Tabletten, die angeblich das Antibiotikum Amoxycillin enthalten. Doch die Auswertung zeigt: Sie enthalten keinen Wirkstoff. Sie sind also eindeutig gefälscht. Die Forscher melden beide Fälle an die WHO. Beide Antibiotika stehen auf der WHO-Liste der essentiellen Medikamente. Die Organisation reagiert sofort und gibt weltweite Warnungen heraus. Wahrscheinlich wurden die Fälschungen in großer Stückzahl hergestellt und weit verbreitet – nicht nur in Kamerun.

Jedes Dritte Mittel minderwertig oder gefälscht

Grafik: Zwischenergebnis der Studie aus Kamerun.
Jedes Dritte der untersuchten Mittel aus Kamerun ist minderwertig oder sogar gefälscht. | Bild: WDR

Etwa zwei Drittel der gesammelten Proben haben die Forscher bislang analysiert. Das Zwischenergebnis: Von den untersuchten Medikamenten von Schwarzmärkten sind knapp 35 Prozent minderwertig. Drei Prozent davon sogar ganz ohne Wirkstoff, also gefälscht. In zugelassenen Apotheken haben die Wissenschaftler bislang keine Fälschung gefunden. Aber auch hier sind mehr als 30 Prozent minderwertig. Damit ist jedes Dritte der untersuchten Mittel aus Kamerun minderwertig oder sogar gefälscht. Das ist dreimal mehr als der Schnitt, den die WHO für Entwicklungsländer angibt. Simon Schäfermann: „Wir werden die Ergebnisse natürlich in vollem Umfang mit den Behörden in Kamerun teilen, um deutlich machen zu können, dass es in Kamerun ein Problem gibt, das angegangen werden muss. Wir stellen genug Details bereit, sodass die Behörden genau wissen, an welchen Punkten und in welchem Umfang sie ansetzen müssen, um das Problem in den Griff zu bekommen.“

Autor: Dirk Gilson (WDR)

Stand: 27.10.2018 16:14 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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