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Denken Frau und Mann wirklich unterschiedlich?

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Denken Frau und Mann wirklich unterschiedlich? | Video verfügbar bis 21.04.2023 | Bild: BR

Mit seinem im Jahr 1900 veröffentlichten Buch "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" erregte der Neurologe und Psychiater Paul Julius Möbius mit zahlreichen provokanten Thesen eine bemerkenswerte öffentlich Aufmerksamkeit. Darin attestiert er Frauen, vorsichtig ausgedrückt, grundsätzlich geringere kognitive Fähigkeiten als Männer zu besitzen. Es sei nachgewiesen, "dass für das geistige Leben ausserordentlich wichtige Gehirntheile (...) beim Weibe schlechter entwickelt sind als beim Manne." Über 100 Jahre später zeichnet die moderne Hirnforschung ein gänzlich anderes Bild. Doch noch immer gibt es zahlreiche Vorurteile und Missverständnisse bei der Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen den Gehirnen der Geschlechter und ihren Fähigkeiten?

Es kommt nicht auf die Größe des Gehirns an

Schnittprobe eines Spenderhirns
Am Forschungszentrum Jülich werden Schnittproben aus Spenderhirnen aufbereitet. Sie sollen Aufschlüsse über den Aufbau des menschlichen Gehirns liefern. | Bild: BR

Ein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen ist offensichtlich: Das männliche Gehirn ist mit einem Durchschnittsgewicht von 1.375 Gramm größer als das weibliche mit 1.245 Gramm. Doch Wissenschaftler sind sich einig: Die Größe unseres Denkorgans lässt keinerlei Rückschluss auf die Leistungsfähigkeit zu. Das zeigt beispielsweise auch das Gehirn von Albert Einstein: Es wurde nach seinem Tod eingehend untersucht. Mit einem Gewicht von nur 1.230 Gramm, was einem lebenden Gehirn von etwa 1.350 Gramm entspricht, liegt es unter dem männlichen Durchschnitt.

Ticken Mann und Frau verschieden?

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Jüngere Forschungen zeigen: Bei Intelligenz und Leistungsfähigkeit liegen Mann und Frau gleichauf. | Bild: BR

Doch gibt es auch Unterschiede in der Gehirnarchitektur: Einer US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2013 zufolge sind bei weiblichen Gehirnen die beiden Hirnhälften enger vernetzt als bei Männern, die wiederum eine bessere Verknüpfung innerhalb einer Hemisphäre besitzen. So sollen sich geschlechtsspezifische Stärken wie etwa eine größere Sprachbegabung bei Frauen, oder eine besseres räumliches Vorstellungsvermögen bei Männern erklären lassen.

Viele Forscher kritisieren allerdings die Aussagekraft der Ergebnisse; Zwar gibt es tatsächlich geringe Abweichungen in speziellen Bereichen. Allerdings sind die Unterschiede zwischen einzelnen Individuen eines Geschlechts deutlich größer, als zwischen den Geschlechtern.

Ein Mosaik aus männlichen und weiblichen Teilen

Das menschliche Gehirn
Das menschliche Gehirn - ein Mosaik aus männlichen und weiblichen Anteilen. | Bild: BR

Zu einem eindeutigen Ergebnis kommt eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Israel, Deutschland und der Schweiz, die MRT-Scanbilder von über 1.400 menschlichen  Gehirnen ausgewertet haben. Ihre Erkenntnis aus der im Jahr 2015 veröffentlichten Forschungsarbeit: Es gibt keine eindeutig weiblichen und männlichen Gehirne. Vielmehr gleicht das menschliche Gehirn einem Mosaik aus männlichen und weiblichen Teilen, dass sich bei jedem Menschen individuell entwickelt. Es verändert sich im Laufe unseres Lebens ständig, je nach dem, was wir lernen, und welche Erfahrungen wir machen.

Männer besitzen ein "Rüpelzentrum"

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Evolutionsbiologisch sehr alte Teile unseres Gehirns steuern unter anderem das Sexual- und Dominanzverhalten. | Bild: BR

In den ältesten Bereichen unseres Zentralnervensystems finden sich dennoch kleine Unterschiede: Hier sitzt beispielsweise der Nucleus präopticus medialis - eine nur wenige Millimeter große Schaltzentrale, die Dominanz, Aggression, und den Sexualtrieb steuert. Dieses Nervenzentrum ist bei allen männlichen Säugetieren größer als bei den weiblichen, beim Menschen etwa doppelt so groß. Bei Frauen sind diese Funktionen neurologisch voneinander getrennt, bei Männern jedoch gekoppelt. Das kann sich in einem unterschiedlichen Verhalten äußern. So ist etwa die Bereitschaft zum spontanen Sex außerhalb einer Beziehung bei Männern tatsächlich signifikant höher als bei Frauen. Auch neigen Männer eher zum physischen Ausleben von Aggression. Dagegen ist allerdings die Neigung zur verbalen Aggression bei Frauen stärker ausgeprägt.

Ist eine Unterscheidung überhaupt sinnvoll?

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Auch kulturelle Einflüsse und Rollenbilder bestimmen unser Verhalten – und damit unsere Gehirnarchitektur. | Bild: BR

Welche Ursache letztendlich für ein bestimmtes Verhalten verantwortlich ist, kann die Wissenschaft bis heute nicht eindeutig zuordnen. Unsere Neigungen und Vorlieben, wie auch unsere kognitiven Leistungen, werden von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren beeinflusst. Auch Hormone spielen dabei beispielsweise eine wichtige Rolle. So zeigen neueste Untersuchungen, dass sich die Gehirnaktivität während des Menstruationszyklus bei Frauen sehr stark verändert. Erziehung und Rollenbilder prägen ebenfalls unsere Interessen und unser Verhalten. Unterm Strich weiß man heute nur: Intelligenz und kognitive Leistungsfähigkeit lassen sich nicht einem speziellen Geschlecht zuordnen. Deswegen bezweifeln inzwischen viele Hirnforscher, ob eine Unterscheidung zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen überhaupt noch sinnvoll ist.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 20.04.2018 17:05 Uhr