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Warum werden wir immer größer?

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Warum werden wir immer größer? | Video verfügbar bis 01.04.2021 | Bild: SWR

Menschen wie Olaf Göltl, Größe 2,07 Meter, Schuhgröße 54, haben es auch in unserer Zeit nicht immer leicht: Sitze in öffentlichen Verkehrsmitteln sind für ihn praktisch immer zu klein, Flugreisen praktisch kaum möglich. Deshalb setzt sich der Münchener Bezirksleiter des Vereins "Klub langer Menschen" zusammen mit seinen Vereinskameraden für die besonderen Bedürfnisse überdurchschnittlich großer Menschen ein. Aufnahmebedingung für den Klub der Langen ist eine Mindestgröße von 1,80 Meter für Frauen, für Männer 1,90. Eigentlich klingt das sehr wenig. Doch gegründet wurde der Verband bereits 1953. "Damals war 1,90 Meter für einen Mann schon eine enorme Größe!", so Göltl.

Knapp 15 Zentimeter in 100 Jahren Zuwachs

Alte Skelette von Kindern und Erwachsenen in der Anatomischen Sammlung der Uniklinik Jena
Knochenfunde, die bis in die Zeit von ca. 5000 v. Chr. zurückreichen, liefern Wissenschaftlern der Universität Jena Daten zum Wachstumsverlauf der Menschen in Deutschland. | Bild: BR

Zwar ist Olaf Göltl immer noch um 29 Zentimeter größer als der deutsche Durchschnittsmann von 1,78 Metern, aber damit immer noch keine Ausnahmeerscheinung, wie es wohl beispielsweise der biblische Goliat mit seinen geschätzten zwei Metern zu seiner Zeit gewesen sein dürfte. Fakt ist: Im Laufe der letzten 7.000 Jahre haben wir ordentlich zugelegt. Allerdings verlief diese Entwicklung nicht gleichförmig: Im 5. Jahrhundert waren die Menschen beispielsweise im Gebiet der Mittelelbe im Durchschnitt fast so groß wie 1964, im Mittelalter schrumpften sie dagegen deutlich. Besonders auffällig ist allerdings ein Wachstumsschub, der etwa um 1880 einsetzte, und bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts andauerte: Fast 15 Zentimeter ist die deutsche Bevölkerung in dieser Zeit im Schnitt größer geworden.

Eine der Hauptursachen: Nahrung, die man sich leisten kann

Ein Frau beißt in ein belegtes Brötchen.
Mehr Eiweiß, mehr Nahrung insgesamt, weniger körperliche Arbeit - das sind einige der Hauptursachen für unser heutiges Größenwachstum.  | Bild: BR

Forscher gehen heute davon aus, dass nicht eine einzelne Ursache für das sprunghafte Größenwachstum verantwortlich ist, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen Faktoren. Sie konnten nicht nur Größenunterschiede im Laufe der Zeit belegen, sondern auch beispielsweise  Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Ein Blick auf die Lebensbedingungen in einem Bauerndorf vor 300 Jahren zeigt Unterschiede zu den Ernährungsgewohnheiten eines heutigen Großstadtbewohners: Die Nahrung war eintönig und kohlehydratlastig. Viel Brot stand auf dem Speiseplan, Fleisch war vor allem den Reichen vorbehalten. Harte körperliche Arbeit verbrauchte zudem viele Kalorien, die der Körper während der Wachstumsphase für das Größenwachstum eingesetzt hätte.

Heute arbeiten wir weniger, die Nahrung ist reich an Eiweiß, aber auch Kalzium, zudem können wir uns normalerweise immer mit genügend Essen versorgen. Es ist also entscheidend, dass genügend hochwertige Nahrung vorhanden ist, die sich aber auch jeder leisten kann: "Man kann an Körperhöhen ablesen, wie wohlhabend eine Gesellschaft ist", so die Anthropologin Katrin Kronmeyer-Hauschild, Leiterin einer Arbeitsgruppe der Uni Jena, die das Größenwachstum der deutschen Bevölkerung erforscht.

Auch Hygiene spielt eine zentrale Rolle

Kräuter in Schalen
Wo heute Arzneimittel und Ärzte helfen, mussten früher oft einfache Hausmittel genügen. | Bild: BR

Doch Ernährung ist nicht die einzige Ursache für unser plötzliches Emporschnellen: Die Forscher aus Jena konnten anhand von Studien im asiatischen Raum, wo die Menschen derzeit noch im Durchschnitt deutlich kleiner sind als in Europa, auch einen klaren Zusammenhang zwischen Hygiene und Größenwachstum feststellen. In vielen asiatischen Ländern leiden Menschen auch heute noch vermehrt unter verschiedenen Krankheiten, die eine geregelte Nährstoffaufnahme während des Wachstums verhindern, wie etwa häufigem Durchfall. Oft ähneln die Verhältnisse denen in einem alten Bauerndorf in unseren Breiten: Ärzte waren für die einfache Bevölkerung kaum zu erreichen, Krankheiten wurden oft nur mit einfachen Hausmitteln behandelt. Dort, wo sich die Hygiene und die gesundheitliche Versorgung verbessert werden Menschen im Durchschnitt größer.

Ist das Ende der biologischen Fahnenstange erreicht?

Olaf Göltl liegte in einem Bett, nebem ihm steht Markus Wasmeier
Olaf Göltl in einem 300 Jahre alten Bett. Zu dieser Zeit waren die Menschen durchschnittlich zehn Zentimeter kleiner als heute.  | Bild: BR

Auch gesellschaftliche Prozesse könnten - zumindest vorübergehend - Einfluss auf die Durchschnittsgröße der Bevölkerung nehmen. Musterungsdokumente aus alten Militärarchiven belegen, dass die geforderte Mindestgrößen für Soldaten im Laufe längerer militärischer Konflikte immer wieder gesenkt werden musste, weil der Anteil ausreichend großer junger Männer für den Militärdienst in der Gesellschaft immer geringer wurde. Kleinere Männer hatten in solchen Zeiten mehr Chancen auf Nachwuchs. Studien aus heutiger Zeit belegen allerdings auch, dass Frauen in westlichen Ländern tendenziell größere Männer als Partner bevorzugen. Doch spielen solche Prozesse bei der Entwicklung der Körpergröße auch eine Rolle? Nein, sagen die Forscher. Seit einigen Jahren stagniert unser Wachstum, in einigen westlichen Ländern ist die Tendenz sogar leicht rückläufig.

Wohin führt uns der Wohlstand?

Die Anthropologin Katrin Kronmeyer-Hauschild gibt für ein weiteres Größenwachstum deshalb Entwarnung: "Wir gehen davon aus, dass wir heute an der relativen Obergrenze dessen sind, was an Körperhöhenwachstum möglich ist." Ältere Prognosen, wonach wir am Ende dieses Jahrhunderts im Durchschnitt an der Zwei-Meter-Marke kratzen könnten, werden sich wohl nicht bewahrheiten. Dagegen stellen die Forscher eine Zunahme von Fettleibigkeit von Kindern und Jugendlichen fest. Überschüssige Energie schlägt sich in westlichen Ländern heute nicht mehr in zunehmenden Größenwachstum, sondern in höherem Körpergewicht nieder.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 26.05.2020 11:02 Uhr

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