SENDETERMIN Sa, 01.04.17 | 16:00 Uhr | Das Erste

Gutachter als menschliche Lügendetektoren

PlayVerhörszene: Ein Mann und eine Frau sitzen sich an einem Tisch gegenüber.
Gutachter als menschliche Lügendetektoren | Video verfügbar bis 01.04.2022 | Bild: SWR

Es ist eine typische Szene im Tatort: Die Kommissare befragen einen Verdächtigen. Der weicht aus, wirkt nervös, kann dem Blick der Ermittler kaum Stand halten, schwitzt, stottert – die Polizisten sind sich sicher: der lügt! Aber sind solche Körperreaktionen wirklich Anzeichen dafür, dass jemand lügt? "Klares Nein", sagt Prof. Niels Habermann von SRH Hochschule Heidelberg. Der Rechtspsychologe analysiert im Auftrag von Gerichten Zeugenaussagen auf ihre Glaubhaftigkeit. Dabei achtet er auf solche Körperreaktionen nicht, denn: "Es gibt weder typische Anzeichen für einen Lügner, noch gibt es körperliche Anzeichen für den, der die Wahrheit sagt."

Genauso wie der Unschuldige unter dem Stress der Vernehmung nervös werden kann, kann ein guter Lügner trainieren, dem Blick Stand zu halten, keine Reaktion zu zeigen. Experten zweifeln deshalb auch die Ergebnisse von Lügendetektortests an, bei denen Körperreaktionen gemessen werden. Mit dem Gerät kann man letzten Endes aber nur herausfinden, dass jemand auf bestimmte Fragen, etwa zu einem Tatgeschehen, reagiert – nicht aber, warum. Weil sich der Proband in dem Moment tatsächlich an die Tat erinnert, die er begangenen hat – oder weil er Angst hat, unschuldig dafür verurteilt zu werden. In Deutschland sind Tests mit Polygraphen, wie Lügendetektoren in der Fachsprache heißen, auch deshalb vor Gericht nicht anerkannt. Wie findet das Gericht aber dann heraus, ob jemand die Wahrheit erzählt oder nicht?

"Es gibt keine typischen Anzeichen für Lügen"

Prof. Niels Habermann
Der Rechtspsychologe Prof. Niels Habermann lehrt die Glaubhaftigkeitsprüfung. | Bild: SWR

Um herauszufinden, ob jemand vor Gericht auch die Wahrheit sagt, werden rechtspsychologische Gutachter wie Prof. Niels Habermann beauftragt. Und zwar immer dann, wenn Aussage gegen Aussage steht und es sonst keine Beweise gibt – besonders oft kommt das bei Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen vor. Weil in Deutschland die Unschuldsvermutung gilt, wird nicht der Beschuldigte begutachtet, sondern das mutmaßliche Opfer: Beruht die Aussage mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem tatsächlichen Erlebnis? Glaubhaftigkeitsprüfung nennt sich das. Dabei schaut sich ein Gutachter zunächst an, was genau der oder die Zeugin schon ausgesagt hat – zum Beispiel bei der Polizei oder gegenüber Freunden oder Familienangehörigen. Außerdem prüft er in einem ersten, langen Gespräch, wie die Person allgemein erzählt, von Erlebnissen aus dem eigenen Leben berichtet, um später vergleichen zu können: Weicht das Aussageverhalten zur Tat von der üblichen Erzählweise ab? Wie wertvoll ist die Aussagequalität des Zeugen allgemein? Erst dann kommt es zum Gespräch, in dem das Opfer die Tat schildern soll. Übrigens geschieht eine solche Glaubhaftigkeitsprüfung nur mit dem Einverständnis des Zeugen.

Habermann erstellt solche Gutachten – und bringt die wissenschaftliche Methodik dahinter auch seinen Psychologiestudenten an der SRH Hochschule Heidelberg bei. "Es gibt keine typischen Anzeichen für Lügen – wir können uns nur auf das beziehen, was wir empirisch belegt wissen: nämlich bestimmte Kennzeichen, die besonders in Aussagen stecken, die sich als wahr herausgestellt haben", erklärt Habermann. Diese Kennzeichen nennen die Psychologen "Realkennzeichen". Sie deuten darauf hin, dass ein geschildertes Erlebnis auch tatsächlich stattgefunden hat. Aber welche sind es?

Wer eine ausgedachte Geschichte erzählt, konstruiert

Mit seiner Mitarbeiterin Svenja Haußner inszeniert Niels Habermann einen typischen Gutachter-Fall, wie er ihn auch in seiner Praxis auf den Tisch bekommen könnte: Eine junge Frau sagt aus, sie sei von einer Partybekanntschaft sexuell genötigt worden. Ist die Aussage glaubhaft? Svenja Haußner übernimmt die Rolle der "Opferzeugin" – denn ob die wirklich Opfer einer Straftat wurde, sollen heute die Studenten herausfinden – anhand der gelernten Realkennzeichen. Und sofort fällt den Studenten etwas an der Aussage der jungen Frau auf: die vielen Details. Sie beschreibt Einzelheiten, die teilweise nichts mit der Tat an sich zu tun haben. Seien es Gesprächsinhalte, die sie auf der Party führte oder Details wie Gerüche oder den modrigen kellerwänden vor den Toiletten, dem späteren Tatort.

Studenten sitzen in einem Hörsaal.
Rollenspiel im Hörsaal: Studenten bei der Glaubhaftigkeitsanalyse. | Bild: SWR

Für so eine Fülle an, für die Tat teils unwichtige, Details hat ein Lügner in der Regel gar keine Kapazität. Für ihn ist es schwer genug, eine Lügengeschichte plausibel wiederzugeben. Wer etwas Wahres berichtet, rekonstruiert. Und nennt eben auch Dinge, die für den Tatablauf irrelevant sind – weil er oder sie sich im selben Moment daran erinnert.  Wer eine ausgedachte Geschichte erzählt, konstruiert. Und wird seine Geschichte mit gerade so viel Details ausschmücken, wie er sich merken kann – denn er darf sich nicht in Widersprüche verstricken. Das gilt auch für ein weiteres Merkmal: Unsicherheiten in der Aussage. Spontane Korrekturen wie: "das muss so um drei Uhr gewesen sein – ach nein, vielleicht war es doch so halb vier" wirken zunächst wie die Unsicherheit dessen, der die Unwahrheit spricht. Aber trifft das wirklich zu?
 

Unsicher, vage – unehrlich?

Studentin macht sich Notizen
Eine Glaubhaftigkeitsprüfung geschieht nur mit dem Einverständnis des Zeugen. | Bild: SWR

Nein, sagt Niels Habermann, im Gegenteil: Ein Lügner würde sich solche Unsicherheiten in seiner Aussage nicht erlauben: "Wenn ich etwas berichte, das nicht passiert ist, möchte ich ja eben nicht als Lügner oder Lügnerin enttarnt werden. Das heißt, ich werde mich darum bemühen, dass man mir in jedem Detail glaubt. Und umso schwieriger wird das, weil ich in dem Moment, wenn ich aussage, nicht nur meine Geschichte erzählen muss, sondern auch noch mitlaufen lassen muss: Was habe ich denn wem schon davon erzählt? Und das wird immer schwieriger – und das ist auch das, worüber die meisten stolpern."

Mindestens 50 Prozent seiner Probanden lügen Habermann übrigens an – zumindest ergeben das seine Gutachten. Die recht hohe Quote resultiert aber auch daraus, dass das Gericht meist nur in Fällen Gutachten in Auftrag gibt, in denen es einen gewissen Anfangsverdacht gibt, also erste Zweifel an der Aussage des mutmaßlichen Opfers. Doch nicht immer bestätigen sich diese Zweifel. Auch die Zeugin im Rollenspiel schweift immer wieder ab – erzählt lückenhaft, springt inhaltlich hin und her. Weicht sie bewusst den Fragen des Gutachters aus? Den Studenten fällt das Aussageverhalten auf – aber sie werten auch das als Realkennzeichen. Denn die junge Frau kann immer wieder nahtlos an das Tatgeschehen anknüpfen, bleibt in der Erzählung absolut logisch. Nahezu unmöglich für einen Lügner. Er würde seine ausgedachte Geschichte eher chronologisch erzählen, um sich ja nicht zu verstricken. Wie ein Gedicht, dass man auch stets von vorn aufsagt.

Die Gutachter von Morgen sind sich einig: die Aussage ist mit hoher Wahrscheinlichkeit erlebnisbasiert – die Zeugin erzählt die Wahrheit. Vor Gericht würde nun gegen den Beschuldigten Anklage erhoben. Kommt ein rechtspsychologisches Gutachten übrigens zum gegenteiligen Ergebnis, muss das aber noch keine bewusste Lüge bedeuten. Immer wieder kommt es, gerade bei Missbrauchsvorwürfen, die teils lang zurückliegen, zu falschen Erinnerungen oder Suggestion: Menschen, die selbst daran glauben, dass etwas passiert ist, das sich in Wirklichkeit nie ereignet hat. Ein Therapeut, der psychische Probleme mit Missbrauch in frühester Kindheit erklärt oder – besonders bei Kindern und Jugendlichen, Familienmitglieder, die das Kind zu einer Aussage beeinflussen. Das kann Existenzen zerstören. Umso wichtiger sind sie, die rechtspsychologischen Gutachter von Morgen.

 Autorin: Sophie König (SWR)

Stand: 01.04.2017 17:04 Uhr

Sendetermin

Sa, 01.04.17 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste