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Haare: Waschen, föhnen, forschen

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Haare: Waschen, föhnen, forschen | Video verfügbar bis 29.10.2020 | Bild: SWR

Mehr Volumen, seidiger Glanz, die Protein-Vital-Kur, die Spliss Reparatur – es gibt fast nichts, was die Werbung bei Haarpflegeprodukten nicht verspricht. Auch wenn viel werbetextliche Übertreibung in den Behauptungen steckt – im Kern müssen sie wahr sein. Ansonsten würde die Konkurrenz dagegen klagen und ein Verstoß gegen EU-Recht vorliegen.

Hinter jedem neuen Produkt, hinter jedem neuen Versprechen steht deshalb ein langer Prozess von Forschung und Entwicklung. Das Problem dabei ist, Haare sind sehr individuell. Und jeder einzelne pflegt sein Haar auf unterschiedlichste Weise. Wie lange wird gekämmt? Wie lange bleibt das Shampoo in den Haaren? Lässt man das Haar an der Luft trocknen oder wird geföhnt? Die Konzerne dagegen brauchen vergleichbare, standardisierte Daten. Deswegen wird in den Labors der Beauty-Forscher auch fast nichts mit der Hand gemacht.

Folterkammer der Forscher: Kämmroboter zerren an Haaren

Kämmen bis zum Exzess
In der Splissmaschine werden Haarproben so lange malträtiert, bis Spliss entsteht. | Bild: WDR

Die Forscher arbeiten mit Echthaar. Für den europäischen Markt mit sogenanntem kaukasischen Haar. Die Unterschiede zu afrikanischem oder asiatischem Haar sind beträchtlich. Die Farbtöne der eingekauften Strähnen sind normiert, wie auch deren Dicke.

In den Laboren zerren dann Kämmroboter an ihnen. Mit justierter Kraft und Geschwindigkeit fahren deren Zähne durch die Strähnen. In manchen Maschinen geschieht das bis zum Exzess – heißt bis zum Spliss. Die mechanische Belastung spaltet die Haare an den Spitzen, einzelne Teile brechen ab. Die Bruchstücke werden gesammelt, gewogen, unter dem Mikroskop betrachtet.

Einzelne Haare werden gedehnt, um ihre Reißfestigkeit zu testen.
Streckbank fürs Haar | Bild: WDR

Wollen die Forscher wissen, wie elastisch die Haare sind und ob sich nach einer speziellen Behandlung daran etwas geändert hat, dehnen sie einzelne Haare, bis sie reißen. Oder sie werden immer wieder über einen feinen Draht gezogen, bis sie durchgescheuert sind. Bei all diesen Versuchen messen Computer, was dabei genau vor sich geht. Die Forschung an Haaren ist eine Datenschlacht.

Belastung für äußere Schutzschicht

Haaroberfläche eines gealterten Haares, dessen schindelartige Schutzschicht an einigen Stellen aufbricht
Haare altern | Bild: WDR

Aber warum brauchen Haare überhaupt Pflegeprodukte? Shampoos zum Reinigen – klar, aber warum Proteinpackungen, Helfer für Glanz und Fülle? Der Grund ist, Haare altern. Je länger sie auf dem Kopf bleiben, desto stärker machen sich die alltäglichen Belastungen bemerkbar. Kämmen und Waschen, Trocknen mit dem Föhn, Sonnenlicht – all das trägt dazu bei, dass die äußere Schutzschicht der Haare, eine schindelartige Struktur aus Eiweißen und Fetten, immer brüchiger und durchlässiger wird. Wasser dringt ein und zerstört langsam die innere Struktur des Haares: das Keratin. Proteinketten, die dicht gepackt zu immer dickeren Bündeln gefasst dem Haar Stabilität und Elastizität verleihen.

Bleichen und Färben schädigt das Haar

Gebleichtes Haar im Test
Bleichen zerstört die natürliche Schutzschicht der Haare. | Bild: WDR

Mehr als die Hälfte der Frauen färben sich ihre Haare oder bleichen sie. Bleichen und Färben greift ebenfalls die äußere Schutzschicht an. Ansonsten würden die Farbpigmente nicht ins Innere des Haares eindringen können, genauso wie die bleichenden Wirkstoffe, die die natürlichen Pigmente im Inneren zerstören sollen. Zusätzlich zum natürlichen Altern sorgen diese Prozesse für eine schleichende Auflösung der Haarstruktur. Noch mehr Wasser kann eindringen und immer mehr Keratin auswaschen. Die Beauty-Industrie verursacht mit ihren Produkten also teilweise selbst die Mängel, die sie hinterher wieder auszugleichen versucht.

Proteine – Hilfe für angegriffenes Haar

Proteine helfen angegriffenen Haaren
Proteine im Shampoo können Alterungsprozesse teilweise ausgleichen. | Bild: WDR

Tatsächlich haben die Beauty-Forscher Mittel gefunden, die dem Auswaschen und Zerstören des Keratins entgegenwirken. Proteine aus Soja, Reis oder Tierhaaren im Shampoo oder Conditioner dringen ins Haar ein. Werden diese Proteine im Labor mit fluoreszierendem Farbstoff gekoppelt, können die Wissenschaftler ihr Eindringen ins Haar auch sichtbar machen. Unter dem Fluoreszenz-Mikroskop zeigen Haare im Querschnitt dann leuchtende Bereiche. Proteolipide in den Pflegemitteln sorgen außerdem dafür, dass die Schutzschicht wieder aufgebaut wird. Wassertropfen, die auf entsprechend behandelte Haare geträufelt werden, können kaum ins Haar eindringen. So wie bei Haaren deren natürliche Schutzschicht noch intakt ist.

Immer neue Produkte

Seit die Beauty-Forscher sich intensiv dem Haar widmen, haben sie hunderte Substanzen gefunden und Pflegeprodukte entwickelt, mit denen sie das Haar individuell manipulieren können. Und um immer neue Produkte entwickeln zu können suchen sie auch nach immer neuen Methoden, die Eigenschaften von Haar zu vermessen. Momentan sind sie dabei, dem Schwingungsverhalten von Haaren auf die Schliche zu kommen. Mit Highspeed-Kameras wollen sie dessen physikalische Gesetze ergründen. Vielleicht gibt es also bald einen neuen Slogan und eine neue Klasse von Produkten, die sicherlich neue Begehrlichkeiten wecken.

Autor: Herbert Hackl (WDR)

Stand: 31.10.2015 12:11 Uhr

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