SENDETERMIN Sa, 31.10.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Forensik – Dem Haar auf der Spur

PlayHaar unter dem Mikroskop
Forensik - Dem Haar auf der Spur | Video verfügbar bis 29.10.2020 | Bild: SWR

Mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Millionen zu eins sei er der Täter: So sicher war sich 1978 die Washingtoner Staatsanwaltschaft im Fall von Santae Tribble. Der damals 17-Jährige wurde in einem Mordprozess für schuldig befunden und zu 20 Jahren bis lebenslänglicher Haft verurteilt. Grundlage des Urteils war das Gutachten eines Forensikers des FBI. Darin stand, die mikroskopische Haaranalyse habe ergeben, dass die Haare von Santae Tribble mit einem einzigen Haar vom Tatort mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit identisch seien: Er musste der Täter sein.

Doch dies sollte sich erst Jahrzehnte später als erschreckend falsch herausstellen. 2011 wurde der Fall erneut aufgerollt. Denn eine DNA-Analyse hatte gezeigt: Keines der Haare vom Tatort stammte von Tribble, eines war sogar ein Hundehaar. Ähnliche Unstimmigkeiten sind im gleichen Zeitraum bei weiteren Fällen festgestellt worden. Insgesamt 2.500 Fälle müssen überprüft werden.

Die mikroskopische Haaranalyse

Pinzette mit Haarsträhnen
Die Methode der mikroskopischen Haaranalyse gilt schon lange als wenig zuverlässig. | Bild: WDR

Auch wenn die DNA-Analyse den Forensikern des FBI bereits seit den späten 1980er-Jahren bekannt ist, die mikroskopische Haaranalyse galt noch bis 1996 als wichtiges und eigenständiges Beweismittel, um einen Täter zu überführen und findet auch heute noch Anwendung. FBI und Staatsanwaltschaft hielten die mikroskopische Haaranalyse offenbar für ein probates Mittel. Dabei ist lange bekannt, wie unsicher die Ergebnisse sind, gerade, wenn sie einen Täter überführen soll.

Viele Fehlerquellen - Farbe, Form, Länge

Ein Haar unter dem Mikroskop
Obwohl die Haar-Experten des FBI auch bei Tests häufig danebenlagen, waren ihre fehlerhaften Haaranalysen ausschlaggebend für viele Fehlurteile in den USA. | Bild: WDR

Vor der mikroskopischen Haaranalyse untersucht der Analyst Farbe, Struktur, Länge und die Dicke des gesamten Haares makroskopisch, also mit dem bloßen Auge. Danach sieht er sich Merkmale wie Farbe, Färbung, Form, Textur, Länge und Durchmesser noch einmal unter dem Mikroskop an. Das Problem: Diese Merkmale unterscheiden sich schon bei den einzelnen Haaren eines einzigen Menschen. Außerdem muss der Analyst ständig entscheiden, ob das Haar noch nicht dick, sondern dünn, nicht mehr dunkelblond, sondern brünett ist. Das Verfahren ist somit äußerst subjektiv. Außerdem ist keine Anzahl von Übereinstimmungen verschiedener Merkmale festgelegt, ab denen von einem "Match", einer eindeutigen Übereinstimmung, gesprochen werden darf.

Wie aussagekräftig die mikroskopische Haaranalyse ist, wurde nie fundiert untersucht. Keine Studie belegt, wie häufig sich Haare von Menschen ähneln oder eben auch nicht. Selbst erfahrene Forensiker machen bei der mikroskopischen Haaranalyse Fehler. In einer Studie aus 2002 weist sogar das FBI selbst die Probleme aus: In elf Prozent der Fälle, in denen die Analysten zwei Haare als ähnlich auswiesen, zeigte die DNA-Analyse, dass sie falsch lagen.

32 Unschuldige zum Tode verurteilt

Nach Recherchen des Journalisten Spencer Hsu für die Washington Post lagen von den 28 Mitarbeitern der FBI-Abteilung für mikroskopische Haaranalyse 26 Mitarbeiter bei ihren Untersuchungen mehrfach falsch. Als mit dem Fall von Santae Tribble die fehlerhaften Haaranalysen öffentlich wurden, wurde eine Untersuchung von 2.500 weiteren Fällen angeordnet. Und schon die ersten Ergebnisse erschrecken: Von den ersten 350 Fällen, die untersucht wurden, war bei 268 Fällen die mikroskopische Haaranalyse ausschlaggebend für das Urteil. 257 Urteile, also 95 Prozent dieser Urteile waren Fehlurteile: einzig aufgrund der fehlerhaften Haaranalysen der FBI-Forensiker. Besonders traurig: 32 der Unschuldigen wurden durch die falschen Analysen sogar zum Tode verurteilt, 14 von ihnen waren bis zum Zeitpunkt der Aufklärung in der Haft gestorben oder wurden hingerichtet.

Autor: Dennis Nasser (WDR)

Stand: 31.10.2015 12:10 Uhr