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Haarige Sache: Haare im Wandel der Evolution

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Haarige Sache: Haare im Wandel der Evolution | Video verfügbar bis 01.04.2021 | Bild: SWR

Die meisten Säugetiere tragen es: ein Fell. Vor allem bei den Primaten, unseren nächsten Verwandten ist es ganz unterschiedlich ausgeprägt. Die Bonobos zum Beispiel haben ein eher zotteliges, längeres, aber lichtes Fell. Bei den Gorillas ist es dafür kürzer und dichter. Und die Orang Utans, was so viel heißt wie „Waldmenschen“ tragen am ganzen Körper ein kupferrotes, langes und dichtes Haarkleid. Im Vergleich zu all unseren tierischen Verwandten ist der Mensch der einzige Primat, der nahezu am gesamten Körper nackte Haut trägt. Dabei hat das Fell durchaus seine Vorteile, denn es hilft, dass seine Träger Tag und Nacht aktiv sein können – im Gegensatz beispielsweise zu den Reptilien, die erst in Gang kommen, wenn die Sonne sie „aufheizt“. Außerdem können die Tiere mit Hilfe der Haare kommunizieren. So signalisieren sie durch das Aufstellen der Haare ihre Bereitschaft zum Angriff oder zur Verteidigung, aber auch Angst. Ein Relikt aus dieser Zeit ist unsere Gänsehaut.

Veränderungen mit Konsequenzen

Aufrecht stehendes Gorilla-Mädchen
Der aufrechte Gang – ein evolutionärer Schritt | Bild: SWR-Eigendreh

Eigentlich ist so ein Fell eine gute Sache. Fragt sich, warum wir Menschen diese Haare dann größtenteils verloren haben. Forscher wissen heute: Unsere nächsten Verwandten leben vor rund acht Millionen Jahren in den Bäumen des tropischen Regenwaldes in Afrika. Sie ernähren sich hauptsächlich von Früchten, Blättern und Knollen. Doch vor etwa drei Millionen Jahren ändert sich das Klima. Es wird kälter. Aus einer bislang locker bewaldeten Landschaft wird eine vielerorts offene Grassavanne. Das Nahrungsangebot wird knapper, Wasserstellen liegen weiter auseinander. Die Wege werden länger. Nahrungsbeschaffung wird anstrengender. Unsere Vorfahren beginnen, sich aufzurichten.

Die Darmstädter Köpfe – Eine Ahnenreihe

"Ahnenreihe": Dr. Christine Hertler und Lucy
Dr. Christine Hertler, Paläobiologin und Lucy, eine unserer Vorfahren aus Afrika. | Bild: SWR-Eigendreh

Dr. Christine Hertler zeigt uns im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt einzigartige Rekonstruktionen unserer wichtigsten Vorfahren. Die meisten sind Australopithecinen. Das heißt auf Griechisch „Südlicher Affe“, weil sie erstmals in der südlichen Erdhalbkugel gefunden wurden. Sie lebten bereits vor etwa 4,2 Millionen Jahren und haben über die Zeit und die Klimaveränderungen hinweg den aufrechten Gang perfektioniert. Sie werden feingliedriger und lernen, Werkzeuge zu nutzen. Im Laufe der Jahrmillionen verlieren sie vermutlich ihr Fell, denn es erweist sich als hilfreich, den Körperschweiß als Kühlmittel zu nutzen. Andere Säugetiere schwitzen zwar auch, können aber ihre Körpertemperatur nicht so gut steuern wie unsere Vorfahren aus der Urzeit. Hunde zum Beispiel hecheln, wenn es ihnen zu warm ist.

Das fehlende Fell – ein evolutionärer Vorteil

"Bonobo-Kind" mit lichtem Haar
Der weite Weg zur Fell-Losigkeit. | Bild: SWR-Eigendreh

Mit dem Körperbau unserer Vorfahren haben sich im Laufe der Jahrmillionen auch Haut und Köperbehaarung immer mehr den Anforderungen der Umgebung, den klimatischen Verhältnissen und dem Nahrungsangebot angepasst. Geblieben ist ein Mensch, der nur noch an wenigen Stellen des Körpers überhaupt Haare besitzt. Fragt sich, warum wir dieses „Rest-Fell“ dann überhaupt noch brauchen. Zumal es uns an manchen Stellen, z.B. unter den Achseln oder im Intimbereich, schlicht und ergreifend stört. Auch dafür haben die Wissenschaftler eine Erklärung. Unser Kopfhaar dient vermutlich als Sonnenschutz. Und die Haare im Intimbereich sollten ursprünglich unseren körpereigenen Geruch bewahren und verbreiten. Dass wir das heute nicht mehr unbedingt wollen, steht da auf einem anderen Blatt.

Der Primat mit dem fehlenden Fell

Der Verlust des Fells hat viele Vorteile mit sich gebracht. Alleine das System „Kühlung durch Verdunstung des Schweißes“ ist einzigartig in der Evolution und funktioniert nahezu perfekt. Die Fell-Losigkeit hat es vermutlich auch ermöglicht, dass unser Gehirn sich über die Jahrmillionen im Vergleich zu den Schimpansen verdreifacht hat. Im Gegensatz zu ihnen haben wir eine Sprache entwickelt und kommunizieren über Gestik und Mimik. Die nackte Haut hat uns also zu dem gemacht, was wir sind – Menschen.

Autorin: Iris Rietdorf SWR)

Stand: 11.07.2019 12:08 Uhr