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Haustiere gegen Einsamkeit

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Haustiere gegen Einsamkeit | Video verfügbar bis 13.10.2023 | Bild: NDR

Carola Witzke ist Single. Eigentlich hatte die Berlinerin mit dem Alleinsein nie ein Problem. Das änderte sich jedoch, als ihre Tochter samt Mann und Kindern nach Bayern zog. Die Abwesenheit ihrer Familie riss eine Lücke in Carola Witzkes Leben. "Ich wollte wieder jemanden zum Bemuttern", erzählt sie. "Eine Aufgabe haben, für jemanden da sein, das stand für mich an erster Stelle." Darum schaffte sie sich einen Hund an: Dina – einen kleinen, lebhaften Chihuahua.

Seit vier Jahren teilt die Hündin Carola Witzkes Alltag und ist ihre wichtigste Bezugsperson. "Hätte ich mein Kind hier, würde sie natürlich an erster Stelle kommen", sagt die 53-Jährige. "So habe ich sie nicht hier, und so ist die Dina da."

Der Gedanke, dass Haustiere einen Partner oder ein Kind ersetzt, kommt vielen Menschen vielleicht erst einmal abwegig vor. Doch inzwischen haben Wissenschaftler in zahlreichen Studien belegt, dass Haustiere von ihren Haltern nicht nur als vollwertige Familienmitglieder wahrgenommen werden. Sie können auch tatsächlich Einsamkeit lindern.

Emotionale Unterstützung

Katze
Katzen sind geduldige Zuhörer. | Bild: NDR

"Haustiere erfüllen ganz wesentliche Bedürfnisse des Menschen, vor allem das wichtige Bedürfnis nach Nähe, Zuwendung, Geborgenheit und Trost", erklärt die Sozialwissenschaftlerin Sandra Wesenberg. Sie arbeitet in einer Forschungsgruppe der TU Dresden, die sich auf die Untersuchung von Mensch-Tier-Beziehungen spezialisiert hat. "Mit Zuwendung meine ich beispielsweise den Hund, der jeden Tag auf mich wartet und sich freut, wenn ich nach Hause komme. Oder die Katze, die mir geduldig zuhört, wenn ich mein Herz ausschütte." Sozialwissenschaftler nennen das emotionale Unterstützung.

Im Gegensatz dazu stehen andere Formen sozialer Unterstützung, die Haustiere nicht leisten können. "Natürlich kann mir meine Katze keinen Ratschlag geben. Mein Hund kann mir auch kein Geld leihen oder mich zum Flughafen fahren", so Sandra Wesenberg. Die Forscher wissen inzwischen jedoch, dass emotionale Unterstützung für das Einsamkeitsempfinden viel entscheidender ist. "Und da sind für viele Haustierhalter ihre Haustiere unschlagbar, in bestimmten Situationen laut Forschungsergebnissen sogar wichtiger als zwischenmenschliche Partner", fasst Wesenberg zusammen. Beispielsweise hat eine Studie aus England gezeigt, dass Katzenbesitzerinnen nach einem stressigen Arbeitstag in der Regel zuerst Kontakt zu ihrer Katze suchen und erst danach zu ihrem Partner. Das Haustier hat also offenbar eine deutlich unterstützendere Funktion.

Hund und Katze als Stresskiller

Ein Wund wird gestreichelt
Streicheln lässt Puls und Blutdruck sinken. | Bild: NDR

Aber warum ist das so? Hier greifen zum einen psychologische Erklärungsansätze. Haustiere sind die geduldigeren Zuhörer. Sie akzeptieren ihr Herrchen oder Frauchen bedingungslos, egal ob diese gut oder schlecht gelaunt sind. Zum anderen üben Haustiere auch einen direkt messbaren physiologischen Effekt auf ihre Halter aus. "Mittlerweile ist durch diverse Studien belegt, dass Haustiere Stress abmildern", führt Sandra Wesenberg an. Beim Streicheln eines Hundes oder einer Katze sinken Puls und Blutdruck des Menschen, der Körper schüttet Oxytocin aus. Dabei handelt es sich um das sogenannte Bindungshormon, das normalerweise in der Mutter-Kind-Bindung aktiv ist.

Wie wirkungsvoll Haustiere auf diese Weise Stress moderieren können, haben Wissenschaftler in einer vergleichenden Untersuchungen nachgewiesen. Dafür haben sie Menschen in eine Prüfungssituation versetzt. Es hat sich gezeigt, dass die Personen, die einen Hund bei sich hatten, deutlich weniger gestresst waren als die Personen, die von einer vertrauten Person begleitet wurden. Während Menschen also anscheinend den Erfolgsdruck erhöhen, wirkt ein Tier entspannend.

Haustiere als Kontaktstifter

Ein Junge geht mit einem Hund spazieren.
Beim Gassigehen kommt man fast automatisch ins Gespräch. | Bild: NDR

Haustiere können nicht nur das Gefühl von Einsamkeit lindern, sie sorgen auch für mehr Sozialkontakte. Das erlebt Carola Witzke jeden Tag, wenn sie mit Dina in der U-Bahn sitzt oder im Park spazieren geht: "Ein Chihuahua ist etwas Besonderes. Da kommt immer irgend ein Kommentar, von 'Guck mal, ein Meerschweinchen an der Leine' bis hin zu 'Ach, ist die süß'." Häufig ergibt sich daraus ein Gespräch. Hunde wirken also wie ein soziales Schmiermittel. Interessanterweise gilt das auch für Haustiere, von denen man es auf den ersten Blick nicht erwartet. "Es gibt eine sehr frühe Studie aus den 1970er-Jahren, in der ältere allein lebende Menschen einen Wellensittich zur Betreuung bekommen haben", so die Sozialwissenschaftlerin Wesenberg. "Und es hat sich gezeigt, dass allein die Haltung dieses Wellensittich dazu geführt hat, dass mehr Kontakte zu den Nachbarn entstanden sind, dass Verwandte häufiger zu Besuch gekommen sind, dass also über das Haustier auch zwischenmenschliche Kontakte angebahnt wurden."

Tiergestützte Intervention

Seniorin mit einem Hund auf dem Schoß
Tiere rufen bei älteren Menschen Emotionen und Erinnerungen hervor. | Bild: NDR

Diese kontaktstiftende Wirkung macht sich der Berliner Verein "Leben mit Tieren e.V." gezielt zu Nutze, um Menschen aus der sozialen Isolation zu holen. Carola Witzke arbeitet als Ehrenamtliche für den Verein. Sie hat mit Dina eine Eignungsprüfung bestanden und besucht nun jede Woche Senioren, die in einer Demenz-WG leben. Die Anwesenheit des kleinen Chihuahuas löst bei den alten Menschen sofort Emotionen aus. "Die Freude ist immer groß", schildert Carola Witzke. "Alle wollen den Hund streicheln, den Hund knuddeln. Sie erkennen nicht mich, aber den Hund."

Die Leiterin des Vereins, Viola Freidel, erklärt den Erfolg dieser tiergestützten Interventionen so: "Es entsteht einfach sofort eine Beziehung zu dem Tier. Die Menschen öffnen sich sehr viel schneller. Und diese Wirkung benutzen wir, um Zugang zu den Menschen zu erhalten, egal ob sie noch klar kommunizieren können oder ob sie schon weit weg von dieser Welt sind, wo sie sich eigentlich zurückgezogen haben, um sich aus dem Leben zu verabschieden."

Zusammen ist man weniger allein

Haustiere können also wahre Wunder gegen Einsamkeit bewirken. Um welches Haustier es sich handelt – ob Hund, Katze, Vogel oder Hamster – ist dabei nicht entscheidend. Vielmehr, darauf weist Prof. Sandra Wesenberg mit Nachdruck hin, kommt es auf die starke emotionale Bindung an das Tier an: "Wenn ich jemand bin, der keinen Kontakt zu Tieren hat, Tiere auch nicht übermäßig mag, dann wäre es schlecht, auf Rezept quasi, Hund, Katze, Meerschweinchen zu verordnen und zu denken, dann ist jemand weniger einsam."

Autorin: Anke Christians (NDR)

Stand: 18.05.2019 09:42 Uhr

Sendetermin

Sa, 20.10.18 | 04:25 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
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