SENDETERMIN Sa, 28.03.15 | 16:00 Uhr

Problematische Inhaltsstoffe in Kosmetik

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Inhaltsstoffe in Kosmetik | Video verfügbar bis 26.03.2020 | Bild: ARD
Ein Hautärztin betrachtet auf einem Bildschirm ein Gesicht mit Perioraler Dermatitis.
Periorale Dermatitis. Entstanden durch zu viel Schminke und Pflege. | Bild: SWR

Der Teint frisch und rosig, der Mund verführerisch. Wenn es um die Schönheit geht, trägt Frau auch mal gerne dick auf. Fast drei Kilogramm Lippenstift verbraucht die Durchschnittsfrau im Leben. Doch wer es übertreibt, dem könnte es schnell so ergehen wie Marliese R. aus Tübingen. Seit 30 Jahren schminkt sich die Verwaltungsangestellte, verkaufte sogar selbst Kosmetik und war von dem Nutzen überzeugt. Doch nach zu viel Make-up und Pflegecremes hatte sie massive Hautprobleme. Der morgendliche Blick in den Spiegel war für sie kaum auszuhalten: Dunkelrote, juckende Bläschen verteilt um Mund und Nase.

Bei der Ärztin dann die Diagnose "Periorale Dermatitis", auch bekannt als "Stewardessenkrankheit". Laut Dermatologin Claudia Borelli wird die Haut durch zu viele verschiedene Produkte überpflegt und kann sich nicht mehr regenerieren. Es entstehen Pusteln und Entzündungen. Viele Frauen kommen mit dem gleichen Problem zu ihr und sind von der Diagnose oft überrascht. Dass Kosmetik nicht nur nützt, sondern auch schadet, ist für viele neu.

Gefährlicher Hormoncocktail

Schriftzug Parabene vor Kosmetikartikeln.
Parabene sind auf der Inhaltstoffliste schnell am Namen zu erkennen. | Bild: SWR

Allerdings ist nicht nur die Überpflege ein Problem, auch Inhaltstoffe in den Schminkprodukten können schädlich sein. Nicht selten enthalten einzelne Produkte, wie zum Beispiel Wimperntusche, bis zu 20 verschiedene Substanzen. Sehr häufig finden sich darin die umstrittenen Parabene. Dabei handelt es sich um hormonell wirkende Chemikalien, die als Konservierungsmittel eingesetzt werden. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sind diese in einem Drittel der Kosmetikprodukte enthalten. Sie stehen im Verdacht eine verfrühte Pubertät hervorzurufen, zu Missbildungen des Embryos zu führen oder Brust- und Hodenkrebs zu begünstigen.

Zwar müssen die Hersteller beim Einsatz von Parabenen gewisse Grenzwerte einhalten, doch kommen hormonell wirkende Chemikalien auch in anderen Alltagsprodukten vor wie beispielsweise in Plastikflaschen, Kabel und Duschvorhängen. So können sie sich in ihrer Wirkung verstärken und zu einem gefährlichen Hormoncocktail in unserem Körper werden. Die Umweltschützer fordern strengere Gesetze. Experten vom Institut für Risikobewertung (BfR) hingegen sind anderer Meinung und stuften Parabene als sicher ein. In Dänemark sind Parabene zumindest in Kinderpflegeprodukten komplett verboten.

10.000 unterschiedliche Substanzen

Eine Frau schminkt sich.
Auch bei Naturkosmetik sollte man genau hinschauen. | Bild: SWR

Doch das ist noch längst nicht alles: Diverse Schminkprodukte enthalten Konservierungsstoffe, die das Krebs erregende Formaldehyd freisetzen. In Wimperntusche wurden giftige Nitrosamine gefunden. Silikone und Paraffine können sich in Leber und Lymphknoten anreichern oder Farb- und Duftstoffe nachweislich Allergien auslösen. Über Schminkprodukte geraten die problematischen Stoffe besonders leicht in den Körper denn die Substanz wird "von der Schleimhaut anders aufgenommen, als über die Haut", sagt Dermatologin Claudia Borelli.

Wer sich gerne schminkt und den Überblick behalten will, hat es nicht leicht. Denn mittlerweile verwendet die Kosmetikindustrie über 10.000 unterschiedliche Substanzen. Viele davon wurden noch nicht ausreichend erforscht und immer wieder werden Stoffe im Nachhinein verboten.

Aber warum enthält Kosmetik überhaupt schädliche Stoffe? Parabene sorgen beispielsweise für eine lange Haltbarkeit und sind für die Hersteller günstig in der Anschaffung. Außerdem reagieren sie nicht mit anderen Inhaltstoffen im Produkt und verändern dadurch den PH-Wert. Andere bedenkliche Stoffe werden von den Herstellern nicht zugesetzt, sondern entstehen bei der Lagerung untereinander, so zum Beispiel Nitrosamine.

Was tun als Verbraucher?

Marliese R
Marliese R. schminkt sich nur noch zu besonderen Anlässen. | Bild: SWR

Zertifizierte Naturkosmetik könnte eine Alternative sein. Sie enthält beispielsweise keine hormonell wirkenden Parabene, ebenso keine Silikone und Paraffine. Allerdings können auch in ihr allergieauslösende Duftstoffe stecken. Immerhin müssen die 26 stärksten allergen wirkenden Duftstoffe bei allen Kosmetika auf der Packung extra deklariert werden und dürfen nicht unter dem Begriff "Parfum" zusammengefasst werden.

Hilfe bietet auch die ToxFox.app des BUND. Mit ihr scannt man den Barcode und erfährt, ob das Produkt Parabene enthält. Ebenso gibt es auf der Plattform kosmetikanalyse.org gesammelte Studienergebnisse zu einzelnen Inhaltstoffen. Die sind allerdings kostenpflichtig.

Das perfekte, gesunde und unbedenkliche Kosmetikprodukt gibt es also nicht. Wer sich gerne schminkt und auf seine Gesundheit achten möchte, sollte sich über die Inhaltstoffe informieren. Für Marliese R., die unter der Perioralen Dermatitis leidet, galt mehrere Wochen Make-up-Verbot. Anfangs "habe ich mich so gefühlt als hätte ich keine Hose an" so R.. Doch mit der Zeit gewöhnte sie sich an ihr ungeschminktes Gesicht und die Entzündungen sind mittlerweile verheilt. In Zukunft möchte sie sich nicht mehr jeden Tag im ganzen Gesicht schminken, sondern nur noch "zu besonderen Anlässen".

Was bedeutet INCI?
INCI steht für "International Nomenclature Cosmetic Ingredients". Seit 1997 sind alle Hersteller verpflichtet die Inhaltstoffe in der "INCI-Sprache" auf den Verpackungen zu deklarieren. Dadurch ist es möglich, die in einem Produkt verwendeten Stoffe in allen EU Mitgliedstaaten zu identifizieren.

Stand: 10.04.2015 08:00 Uhr