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Die schöne Seite von Leberflecken

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Bedeutung von Leberflecken | Video verfügbar bis 26.03.2020 | Bild: ARD

Alle haben welche, mehr oder weniger: Leberflecken sind ganz normal. 30 bis 40 sind es im Durchschnitt, verteilt über den ganzen Körper. Doch manche Menschen haben sehr viele Leberflecken, und damit auch ein erhöhtes Risiko für den sogenannten schwarzen Hautkrebs, das Melanom. Andererseits zeigen aktuelle Studien, dass bei Menschen mit vielen Leberflecken die Haut und andere Organe des Körpers langsamer altern, als bei solchen mit wenigen Leberflecken.

Je mehr Leberflecken, desto jünger

Arme zweier Frauen mit Leberflecken
Jeder von uns hat sie: Leberflecken. | Bild: NDR

Der Zusammenhang zwischen Pigmentmalen auf der Haut und körperlicher Alterung war der Londoner Hautärztin Veronique Bataille aufgefallen: "Menschen mit hohem Hautkrebsrisiko und vielen Leberflecken schienen mir vor dem Altwerden irgendwie geschützt zu sein. Ihre Haut war unempfindlicher gegen die Sonne, sie bekamen keine Falten. Irgendwie hatte ihre Haut eine besondere Qualität." Dr. Bataille begann das Phänomen zu erforschen. Welche Rolle spielt dabei die Umwelt und wie viel macht die Vererbung aus? Immer wenn Wissenschaftler solche Fragen klären wollen, brauchen sie Zwillinge.

Forschung am Doppelpack

Die Zwillinge Maren und Kristin
Die eineiigen Zwillinge Maren und Kristin unterstützen die Forschung. | Bild: NDR

Londoner King’s College, Abteilung für Genetische Epidemiologie: Hier sind 11.000 Zwillingspaare aus ganz Großbritannien registriert. An ihnen werden zahlreiche wissenschaftliche Fragestellungen erforscht. "Zwillinge sind unschätzbar wertvoll für die Wissenschaft, weil sie ein einzigartiges Naturexperiment sind", sagt der Zwillingsforscher Tim Spector. "Es gibt zwei Zwillingstypen: die Identischen, die alle ihre Gene gemeinsam haben. Und die Zweieigen, bei denen die Hälfte der Gene übereinstimmt. Wenn sich eineiige Zwillinge in irgendeinem Merkmal stärker ähneln als Zweieiige ist das immer genetisch bedingt. So unterscheiden wir zwischen angeboren und erworben."

Die Zwillinge füllen umfangreiche Fragebögen zu ihren Lebensumständen aus, geben Blutproben ab und für spezielle Fragestellungen auch Haare oder Speichel. Diese Proben sind der Schatz der Zwillingsforschung, sie kommen in die Biobank des King’s College. Für die Leberfleck-Studien wurden bei tausenden Zwillingen auch die Leberflecke am Körper gezählt und die Erbsubstanz in ihren Blutzellen untersucht, die DNA. Und tatsächlich fanden die Wissenschaftler einen auffälligen Zusammenhang zwischen der Neigung zu vielen Leberflecken und der DNA.

Schützende Kappen

Chromosomen-Enden in einer Gafik dargestellt.
Die Telomere befinden sich an den Enden der Chromosomen. | Bild: NDR

Die Erbsubstanz DNA liegt in den Körperzellen in Form der Chromosomen vor. Diese x-förmigen Gebilde bestehen aus vielfach zusammengeknäulten DNA-Strängen. An den Enden der Chromosomen befinden sich wie Kappen spezielle DNA-Abschnitte, die Telomere. Sie verkürzen sich bei jeder Zellteilung. Sind sie aufgebraucht, stirbt die Zelle. Das ist ein natürlicher Mechanismus, der für ein gesundes Wachsen und Älterwerden notwendig ist. Für die Entdeckung der Telomere wurde 2009 der Nobelpreis verliehen.

In den Zwillingsstudien von Veronique Bataille stellte sich heraus, dass Menschen mit vielen Leberflecken längere Telomere haben, als die mit wenigen Flecken. Auch wenn der direkte oder funktionelle Zusammenhang unbekannt ist: das erklärt das langsamere Altern. Und es kann erklären, warum Menschen mit vielen Leberflecken ein erhöhtes Risiko haben, an Hautkrebs zu erkranken.

Die Kehrseite der Medaille: Krebsgefahr

Forscherin zieht Blut aus einem Reagenzglas.
Mit der Anzahl der Leberflecke steigt auch das Krebsrisiko. | Bild: NDR

Viele Leberflecke zu haben ist der stärkste Risikofaktor für das maligne Melanom, den schwarzen Hautkrebs. Deshalb sollten Menschen mit vielen Pigmentmalen besonders sorgfältig darauf achten, dass sich bei ihnen kein fortgeschrittener Hautkrebs entwickelt.

Krebs entsteht, wenn Zellen nach Ablauf ihres natürlichen Lebenszyklus nicht sterben, sondern endlos weiterleben und sich weiter teilen. Eine wichtige Rolle dabei spielt das Enzym Telomerase. Es baut an bereits verkürzte Telomere neue DNA-Bausteine an, so dass die Zelle länger lebt. In 93 Prozent aller Krebszellen ist Telomerase nachweisbar. In einem gesunden Organismus ist das Enzym nur in der Wachstumsphase aktiv, und stellt seine Funktion dann ein. Eine Aktivität der Telomerase bei Erwachsenen ist also nicht erstrebenswert.

Jungbrunnen Telomerase?

Dennoch wird das Enzym als Jungbrunnen angepriesen. Im Internet gibt es Pillen und Hautpflegeprodukte zu kaufen, die angeblich die Aktivität der Telomerase ankurbeln und damit jugendliche Frische versprechen. Dazu sagt der Genforscher Tim Spector vom King’s College: "Telomeraseprodukte im Internet zu kaufen und als Nahrungsergänzung einzunehmen ist eine ziemlich schlechte Idee. Ich rate unbedingt davon ab. Wir wissen kaum etwas darüber wie sie im Körper wirken. Es ist möglicherweise gefährlich, mindestens aber Geldverschwendung."

Auch von Telomertests zur Bestimmung der eigenen Lebenserwartung, die ebenfalls im Internet kursieren, rät er ab. Es sei zu wenig darüber bekannt, welche Aussagekraft die Telomerlänge im Einzelfall habe, und wie Telomerase in einem gesunden Körper wirke.

Leberflecke und Lebenserwartung

Hautärztin Veronique Bataille
Veronique Bataille erforscht den Zusammenhang von Leberflecken und Lebenserwartung. | Bild: NDR

Dem langsameren Altwerden und damit der längeren Lebenserwartung, die Menschen mit vielen Leberflecken haben, steht rechnerisch das erhöhte Risiko entgegen, durch eine Hautkrebserkrankung vorzeitig zu sterben. Aber da Hautkrebs in den meisten Fällen frühzeitig erkannt wird und nur selten zum Tod führt, überwiegt nach Ansicht der Londoner Forscher der Langlebigkeitsvorteil eindeutig.

Veronique Bataille betont, dass solche Berechnungen Statistik sind: "Für eine einzelne Person kann man niemals aus der Zahl der Leberflecke Rückschlüsse auf die Lebenserwartung ziehen. Aber anhand unserer wissenschaftlichen Daten können wir sagen, dass die Unterschiede in der Telomerlänge zwischen Menschen mit vielen und wenigen Leberflecken einem Unterschied in der Lebenserwartung von sechs bis sieben Jahren entspricht." Viele Leberflecke haben also eine schöne Kehrseite: Langsameres Altern und längeres Leben - rein statistisch natürlich.

Autor: Dr. Tilman Hassenstein (NDR)

Stand: 28.03.2015 20:35 Uhr