SENDETERMIN Sa., 18.01.20 | 16:00 Uhr | Das Erste

Was taugen Heimtests zur Darmflora-Analyse?

Röhrchen und Plastiklöffel zum Einfüllen der Stuhlprobe
Bis zu 130 Euro kosten die im Internet angebotenen Darmbakterien-Tests. | Bild: BR

Die Unternehmensberaterin Dorothee Bischof treibt viel Sport. Trotzdem wird sie ihre Kilos zu viel nicht los. Und sie leidet immer wieder unter Verdauungsproblemen. Ihre Vermutung: Irgendetwas stimmt nicht mit den Darmbakterien. Dorothee Bischoff recherchiert im Internet und findet Labore, die diese Darmbakterien untersuchen. Die Unternehmensberaterin bestellt sich zwei Tests. Test Nummer 1 kostet 80 Euro und soll das Verhältnis von angeblich "guten" und "schlechten" Darmbakterien aufzeigen.
Test Nummer 2 verspricht eine Aufschlüsselung fast aller im Darm vorhandenen Bakterien. Er kostet 130 Euro.

Dorothee Bischof füllt die beiden Teströhrchen am selben Tag mit demselben Stuhl. Wir bitten den Gastroenterologen Prof. Christian Trautwein von der Uniklinik Aachen sich die Test-Sets näher anzuschauen. Für ihn sind Untersuchungen der Verdauung Alltag. Aber diese Tests sieht er kritisch, denn die Bakterien verändern sich sehr schnell: "Man muss ganz klar sehen, dass wenn Sie etwas essen, wenn Sie nichts essen oder wenn Sie gestresst sind, die Darmflora deutlich variiert. So wissen wir auch, dass sich auch tagtäglich morgens um acht gegenüber der Nachtphase die Darmflora verändert. Das heißt, wir haben eine enorme Variation im Darm und die Halbwertzeit der Darmbakterien ist auch relativ kurz."

Das erste Testergebnis: Wenig Informationen für 80 €

Frau Bischof ist viel unterwegs. Immer gesund zu essen, ist da schwierig. Deswegen interessiert sie das Ergebnis des ersten Tests besonders. Er zeigt an, ob sie viele gute Futterverwerter im Darm hat. Ein hoher Anteil an Firmicutes-Bakterien soll dazu führen, dass man leichter zunimmt. Aber der erste Test zeigt an: Diese sind wohl nicht erhöht. Aber was genau bedeutet das Ergebnis?  Denn eine genaue Auswertung ist bei den Ergebnissen nicht dabei. Prof. Trautwein findet die wissenschaftliche Auswertung eher dürftig: "Dieser Test erklärt nur die Zusammensetzung von zwei unterschiedlichen Bakterienstämmen, Firmicutes gegen Bacteroidetes, und das ist einfach das Verhältnis zwischen den beiden Bereichen."

Erstes und zweites Testergebnis widersprechen sich

Nach zwei Monaten erhält Dorothee Bischof die Ergebnisse des zweiten Tests. Demnach hat sie doch mehr Firmicutes-Bakterien im Stuhl und verwertet angeblich Kalorien besonders gut.  Zwei Tests - zwei genau entgegengesetzte Informationen.

Prof. Tautwein im Interview.
Prof. Christian Trautwein bewertet die Ergebnisse der beiden Tests. | Bild: BR

Das zweite Test-Ergebnis enthält außerdem eine Reihe sehr allgemeiner Empfehlungen, mit denen die Hobbysportlerin nichts anfangen kann. Sie soll unnötige Einnahme von Antibiotika vermeiden – das ist für sie selbstverständlich. Und sie soll regelmäßig Ausdauersport betreiben, das macht sie schon seit Jahren. Prof. Trautwein schaut sich auch die Ergebnisse des zweiten Stuhltests an. Die Auswertung zählt zwar viele Darmbakterien-Arten auf, allerdings ist noch gar nicht ausreichend erforscht, welche Funktion die genau haben. Deswegen kann er die Empfehlungen des Labors nicht nachvollziehen: "Die Firma hat sicherlich aus den ganzen wissenschaftlichen Daten versucht alles zusammenzuziehen, was überhaupt jemals publiziert wurde. Das Problem ist, dass für den Menschen, und deswegen ist der Test für Menschen, diese Daten gar nicht so bewiesen sind. Ich würde zum jetzigen Zeitpunkt diesen Test nicht machen, weil er für mich zu wenig aussagekräftig ist, um einen konstanten Rat an den Patienten zu geben."

Autorin: Jutta Henkel (BR)

Stand: 18.01.2020 10:57 Uhr