SENDETERMIN Sa, 18.04.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Hörschaden: Das Ohr vergisst nichts

PlayW wie Wissen
Hörschaden: Das Ohr vergisst nichts | Video verfügbar bis 16.04.2020 | Bild: SWR
Fahrgeschäft auf dem Hamburger Dom
Auf dem Hamburger Dom arbeiten die Ohren auf Höchstleistung: Musik, Gekreische und Geräusche. | Bild: NDR

Für unsere Ohren gibt es keinen Standby-Modus. Hören, das läuft immer - wir sind ständig auf Empfang. Jedes Geräusch kommt an - es kann ein leises Wispern, die warnende Sirene eines Feuerwehrautos oder die volle Dröhnung auf einem Konzert sein. Wie kein anderer Sinn versorgt uns das Gehör mit Informationen über das Geschehen in unserer Umgebung. Doch so zuverlässig unsere Ohren auch sind, irgendwann geben unsere akustischen Dauersensoren auf und lassen uns allein.

Wenn die Ohren draufzahlen

Konzert
Ein lautes Konzert bedeute am nächsten Tag: Kater für die Ohren. | Bild: NDR

Das Gehör ist ein komplizierter Apparat, ständig in Bewegung weil immer auf Empfang. Lärm und Krach kann es nicht unbegrenzt aushalten. Nach eher kurzeitiger Überlastung, zum Beispiel durch einen lauten Knall oder eine durchtanzte Nacht mit kreischenden Gitarren und wummernden Bässen, gönnt es sich eine Pause: das charakteristische "Diskofiepen" am nächsten Morgen. Alles klingt etwas dumpf, dazu kommt ein temporärer Tinnitus ein Pfeifen als Dauerton. Es ist ein sicheres Zeichen dafür, dass das Ohr überlastet wurde. In der Regel klingt dieses Geräusch zunächst wieder ab. Langfristig aber verbleibt ein Schaden. Der muss nicht, aber kann dazu führen, dass der Tinnitus ein lebenslanger Begleiter wird.

Wenn die Ohren pleitegehen

Lärmanzeige vor einer Straßenbahn (Grafik)
Laute Geräusche belasten unser "Hörkonto". | Bild: NDR

Das Gehör kann Lärm nicht unbegrenzt aushalten, ab einer individuell unterschiedlichen "Belastungssumme" treten vermehrt Hörschäden auf. Man kann sich das vorstellen wie ein ab Geburt zunächst gut gefülltes "Hörkonto": Mit jedem Diskobesuch, Böllerknall, Presslufthammer, Düsenjet, den man seinen Ohren zumutet, hebt man von diesem Konto ab. Je lauter das Geräusch, desto höher das Guthaben, das runter geht.

Nähert der Kontostand sich dem Dispo, dann treten vermehrt Hörschäden auf. Ist das Konto leer, unser Hörvermögen also durchgebracht, dann bedeutet das Schwerhörigkeit. Eine Möglichkeit das Konto zu überziehen oder wieder darauf einzuzahlen gibt es nicht. Je nachdem wie intensiv die Ohren solch hohen Belastungen ausgesetzt waren, kann ein 30-jähriger Mensch bereits das Gehör eines 60-Jährigen haben.

Das alternde Gehör

Auch ohne ständige Überlastung durch Lärm verschlechtert sich unser Hörvermögen im Laufe des Lebens immer mehr. Hauptgrund ist neben Stress und verschiedenen Krankheiten vor allem der Alterungsprozess des Körpers. Kinder können noch Tonhöhen von 16 bis 20 Tausend Hertz unterscheiden, Erwachsene verlieren die hohen Frequenzen allmählich. Schon das allein verschlechtert das Hörempfinden, denn Tonfrequenzen sind für das Ohr was Farben für das Auge sind: Je mehr von ihnen wegfallen, desto mehr Information geht verloren.

Die Frequenzvielfalt hilft uns, verschiedene Geräusche voneinander zu unterscheiden. Ganz wichtig ist das vor allem um Stimmen zu verstehen – gerade bei "schwieriger Akustik", also zum Beispiel in einer Kneipe, in der Musik läuft und viele Menschen durcheinander reden. Mit abnehmender Klangvielfalt im Gehör wird es immer schwieriger, sich auf das Gespräch am eigenen Tisch zu konzentrieren. Denn die Umgebungsgeräusche und die Stimmen müssen sich die letzten Klangfarben teilen, die man noch hören kann.

(Ohren)Killer Kopfhörer?

Lautstärke-Anzeige auf einem Smartphone
Viele MP3-Player oder Smartphones warnen den User vor einer zu hohen Lautstärke. | Bild: NDR

Apropos Kneipe: Stammtischmeinungen zufolge zerstört sich die Jugend ihr Gehör durch den Dauergebrauch von Kopfhörern. Richtig ist, dass Kopfhörer durch ihre direkte Nähe zum Ohr einen hohen Schalldruck aufbauen können, der potenziell negativ auf das Gehör einwirkt. Durch dauerhaftes Musikhören "am Anschlag" wird kontinuierlich vom "Hörkonto" abgebucht. Die EU-Kommission hat deshalb eine Richtlinie erlassen, die eine Obergrenze für mobile Abspielgeräte wie MP3-Player festlegt. Diese ist allerdings bisher nur in Frankreich gesetzlich geregelt.

Falsch ist hingegen die Vermutung, dass pauschal jeder Kopfhörer das Ohr zu sehr belastet. Häufiger Grund für lautes Hören ist eine laute Umgebung, zum Beispiel eine Straßenbahn, deren Lärm übertönt werden muss, um von der Musik noch etwas zu hören. Deshalb raten Audioexperten dazu, lieber die Umgebungsgeräusche zu dämpfen, statt mit dem Lautstärkeregler dagegen zu drehen. Insofern ist der derzeitige Trend zu besonders großen Kopfhörern positiv: Sie schirmen die Umgebung ab und erleichtern so ein besseres Klangbild bei geringerer Lautstärke.

 Auch sogenannte In-Ear-Kopfhörer können diesen Effekt erzielen, allerdings nur, wenn sie perfekt sitzen und eine gute Abschirmung gewährleisten. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass eine Abschirmung des Gehörs im täglichen Leben erhebliche Risiken birgt und bei einer Teilnahme am Straßenverkehr auch verboten ist. So beschreibt der Begriff "iPod-Roadkill" Verkehrsteilnehmer (meist Fußgänger), die im Straßenverkehr ums Leben kamen, weil sie durch ihre Kopfhörer nichts mehr gehört haben und überfahren wurden.

Autor: Niels Walker (NDR)

Stand: 18.04.2015 15:21 Uhr