SENDETERMIN Sa, 18.04.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Mit den Händen reden: Gebärdensprachendolmetscherin

PlayW wie Wissen - Gebärdendolmetscher
Video vorab: Die Gebärdensprachdolmetscherin (zur Sendung am 18.04., 16:00 Uhr) | Video verfügbar bis 18.04.2020 | Bild: SWR

Die Hände fliegen hin und her, die Finger bewegen sich blitzschnell und bilden Zeichen. Mal klopfen sie gegeneinander, dann fährt ein Finger an der Wange entlang – all das sind Wörter aus der Gebärdensprache. Jede einzelne Geste stellt ein Wort dar und die "Begriffe" folgen ähnlich schnell aufeinander wie in gesprochener Sprache. Jede Geste bleibt nur für einen Wimpernschlag bestehen, dann folgt die nächste. Für Außenstehende sieht Gebärdensprache zunächst aus, als würden die Finger nur so umherfliegen.

Dabei ist es nicht ungewöhnlich mit den Händen zu reden. In Deutschland benutzen circa 200.000 Menschen Gebärdensprache, die meisten davon sind schwerhörig oder gehörlos. 2002 wurde die Deutsche Gebärdensprache (DGS) vom Bund als eigenständige Sprache anerkannt. Hauptmerkmale sind neben dem Einsatz der Hände, auch eine eigene Grammatik sowie das sogenannte Mundzeichen: beim Gebärden mit den Händen wird das entsprechende Wort ebenfalls mit den Lippen nachgeformt, aber nicht gesprochen. Dies dient vor allem zur Unterscheidung bei sehr ähnlichen Vokabeln: Durch die Form des Mundes wird klar, welches Wort gemeint ist.

Augen auf beim Sprechen

Es ist also wichtig bei Gebärdensprache auch auf den Mund zu achten. Dafür, und um die Handgesten zu verstehen, ist es unbedingt notwendig sich gegenseitig zu sehen. Das funktioniert zwar auch über eine Distanz hinweg, zum Beispiel über eine Straße hinweg oder durch ein Fenster. Trotzdem setzte ein Gespräch in Gebärdensprache lange Zeit ein persönliches Treffen voraus. Das gilt nicht mehr, seit Videochats wie Skype oder Facetime sich etabliert haben und sogar mit dem Smartphone funktionieren. Allerdings ist hierfür eine gute Netzabdeckung mit hoher Bandbreite Bedingung, denn ein Videochat erzeugt große Datenvolumen und bei Smartphones saugt das den Akku schnell leer. Dazu kommen eventuell hohe Kosten für das erhöhte Datenvolumen.

Gebärdensprache als Muttersprache

Laura Schwengber schreibt einen Satz in der Grammatik der deutschen Gebärdensprache an die Tafel
Die Grammatik in Gebärdensprache ist eine andere als in der deutschen Schriftsprache. | Bild: NDR

Wenn ein Kind gehörlos oder schwerhörig geboren wird, fällt dies meist nicht sofort auf, besonders da Taubheit nicht zwangsläufig mit einer Störung des Sprechapparates verbunden ist. Das bedeutet im Klartext: auch gehörlose Babys können schreien. Und sie kommen auch in die sogenannte Brabbelphase, in der Babys beginnen Laute und Wörter zu bilden. Während hörende Kinder ab dieser Phase das Sprechen erlernen, verstummen gehörlose Babys wieder, da sich selbst und auch die Antworten ihrer Eltern nicht hören können. Stattdessen fangen sie an, sich stärker auf Körpersprache, Gestik und Mimik der Eltern zu konzentrieren. Viele gehörlos Geborene behaupten deshalb von sich selbst, Körpersprache sensibler wahrzunehmen.

In solchen Fällen wird Gebärdensprache dann zur Muttersprache. Die Kinder lernen sehr schnell sich auszudrücken und entwickeln sogar eigene Zeichen für bestimmte Ausdrücke. Ähnlich Fantasiewörtern, die sprechende Kinder in jungen Jahren benutzen. Den Unterschied macht dann die Schule, in der gehörlose oder schwerhörige Kinder die deutsche Schriftsprache erlernen. Diese basiert ihrerseits auf der deutschen Sprechsprache. Da aber die Muttersprache DGS eine eigene Grammatik besitzt, bedeutet der Deutschunterricht für gehörlose Kinder in Wirklichkeit nichts anderes als ein Fremdsprachunterricht. Satzstellung, Deklination und Verben beugen – das alles funktioniert ganz unterschiedlich.

Zeig mir deine Hände und ich sag dir, woher du kommst

Gebärdensprachen gelten aus wissenschaftlicher Sicht als natürliche Sprachen, das heißt sie haben sich langsam entwickelt und wurden nicht von einem Gelehrten ausgedacht und verbreitet. Das führt dazu, dass sich in vielen Ländern eine eigene Gebärdensprache entwickelt hat, zum Beispiel in England, Frankreich, den USA, China und Japan. So gibt es innerhalb des Gebärdensprachuniversums wiederum Fremdsprachen und sogar regionale Dialekte. Wie viele eigenständige Sprachen und Dialekte es weltweit gibt ist wissenschaftlich noch nicht abschließend untersucht, Schätzungen gehen von mehr als 100 aus.

In Regionen mit geringer Unterstützung für Menschen mit Behinderung entstehen dort, wo gehörlose Menschen leben, sogenannte Sprachinseln. So zum Beispiel in Afrika: Hier haben sich unabhängig voneinander Gebärdensprachen entwickelt, die jedoch schon einige Kilometer weiter nicht mehr verstanden werden können. Die World Federation of the Deaf, der weltweite Gehörlosenverband, nimmt sich unter anderem diesem Problem an und setzt sich international für die Belange Gehörloser ein.

Mit dem Bauch Hören

Eine Gebärdensprachdolmetscherin für Musik
Geräusche lassen sich ersprüren. | Bild: ARD

Einem gängigen Vorurteil nach können gehörlose Menschen Geräusche, Musik und Lärm nicht verstehen. Dabei ist das Prinzip Schallwelle, auf dem sowohl das gesprochene Wort als auch der Krach reitet, ein physikalisches Prinzip, das Gehörlosen nicht unbekannt ist. Eltern gehörloser Kinder berichten, dass sie als Vergleich einen Blitz benutzen, um es zu erklären: Wenn das Kind mit der Tür knallt ist das wie ein heller Blitz. Er blendet für einen Moment die Augen - und solange ist es nicht möglich einem Gespräch in Gebärdensprache weiter zu folgen. Ähnlich einem lauten Knall für die Ohren.

Dazu kommt die Vibration, die ein Türknall verursacht, genauso wie ein Kratzen mit dem Stuhl auf dem Fußboden: Auf diese Weise lassen sich Geräusche spüren - auch ohne sie zu hören.

Autor: Niels Walker (NDR)

Stand: 23.07.2015 11:45 Uhr