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Mops und Co: Wie Hunde unter der Qualzucht leiden

PlayEin Mops in Nahaufnahme
Mops und Co: Wie Hunde unter der Qualzucht leiden | Video verfügbar bis 14.10.2022 | Bild: NDR

Schnarchende Möpse und hechelnde Bulldoggen – das Internet ist voll davon. Sie grunzen, japsen und scheinen dabei zu lächeln – mit weit hochgezogenen Lefzen. Doch was im Internet Klicks bringt, weil es knuffig wirkt, sind Anzeichen für Atemnot. Hervorgerufen durch eine jahrelange Zucht auf ein Schönheitsideal – ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Tiere.

Grunzen, Schnaufen, Röcheln: Anzeichen für Atemnot

Schädel von einem Mops in einer Grafik
Das Kindchenschema ist beim erwachsenen Hund nur durch einen deformierten Schädel zu erreichen. | Bild: NDR

60 bis 70 Prozent aller Möpse und Französischen Bulldoggen haben deutlich hörbare Atemgeräusche. Für viele Hundebesitzer gehören die ganz selbstverständlich dazu – wie wohl auch für viele Züchter: "Das Schnarchen und Grunzen ist rassetypisch und darf getrost überhört werden", behauptet der Verband Deutscher Kleinhundezüchter auf seiner Webseite über den Mops. Solche Aussagen machen Prof. Martin Kramer wütend. Er ist Präsident der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft und Mitglied der Arbeitsgruppe Qualzuchten der Bundestierärztekammer: "Es ist nicht normal und rassetypisch schon gar nicht, sondern man hat die Rasse so hingezüchtet, dass jetzt so viele Tiere Atemnot haben und das ist, was wir hören. Und das darf nicht sein. Bei einem Menschen, der schnarchend durch die Stadt läuft, würden sie ja auch nicht sagen, das sei normal. Sie würden richtig folgern: Der hat ein Problem mit den Atemwegen, der ist krank!" Für die Bundestierärztekammer sind Tiere, die unter starken Atemgeräuschen leiden, eindeutig Qualzuchten.

Zuchtziel Kindchenschema

Nach Hunderten Jahren Zucht ist von der langen Wolfsschnauze bei Bulldogge und Mops nur eine winzige Stupsnase übrig geblieben. Im Rachen ist deshalb das Gewebe, das beim Wolf auf eine lange Schnauze verteilt war, auf engem Raum zusammengestaucht und Hautlappen blockieren die Atemwege. Häufig ist das Gaumensegel so lang, dass es den Kehlkopf teilweise verschließt. Daher das Schnarchen und Grunzen. "Brachyzephales Atemwegssyndrom" nennen das die Tierärzte. Die damit verbundenen Probleme sind für den Hund schwerer auszuhalten als viele andere körperliche Probleme, erklärt Prof. Kramer: "Wenn man Atemnot hat, kann man wirklich Lebensangst bekommen, weil man nicht genug Sauerstoff bekommt. Das kennen wir als Menschen auch. Und so fühlt sich der Hund regelmäßig."

Weil kaum Platz ist, strömt die Luft nicht ungestört durch die Atemwege – der Hund muss sie mit Kraft hindurch pressen. "Dadurch schwillt das gereizte Gewebe immer mehr zu, entzündet sich und dann wird die Problematik immer größer", erklärt Prof. Kramer. Die Tiere bekommen nicht genug Luft, wollen sich kaum noch bewegen und können zum Teil nur noch mit hochgelegtem Kopf schlafen.

Außerdem brauchen Hunde ihre Nase nicht nur zum Atmen und Riechen, sondern auch um ihre Temperatur zu regulieren. Die Nase von Mops und Bulldogge ist aber oft so klein, dass sie nicht genug innere Schleimhaut-Oberfläche bietet, an der beim Einatmen Verdunstungskälte entstehen kann. Daher überhitzen die Hunde sehr schnell, können sogar das Bewusstsein verlieren. An warmen Tagen landen deshalb besonders viele der kleinen Hunde mit lebensbedrohlichen Atemnotattacken beim Tierarzt.

Letzter Ausweg: Operation

Operationssaal bei einer Tierärztin
Halter erkennen oft erst spät, dass ihr Hund schwere Atemprobleme hat. | Bild: NDR

In den Tierkliniken, die sich auf die Operation der Atemwege bei brachyzephalen Rassen spezialisiert haben, werden inzwischen fast täglich betroffene Tiere operiert. "Man fängt dann an, alles was den Luftstrom behindert, zu entfernen, damit die Luft wieder frei fließen kann", erklärt Dr. Christine Peppler von der Kleintierklinik der Universität Gießen. Das zu lange Gaumensegel und überstehendes Gewebe im Rachen werden entfernt. Oft werden zusätzlich die Nasenlöcher vergrößert, damit mehr Sauerstoff in die Atemwege gelangt.

Die Operation kann Erleichterung bringen, ist aber nicht ohne Risiko für die Hunde. Durch bereits längere Zeit bestehende Atemprobleme gehen sie schon mit einer Sauerstoffunterversorgung in die Narkose. Sie ist deshalb kein Weg, um eine fehlgeleitete Zucht zu reparieren, warnt Dr. Christine Peppler: "Es wird nie so sein, dass dann plötzlich ein Hochleistungssportler aus diesen Tieren wird, aber wir können zumindest versuchen, eine akute Atemnot zu verhindern."

Beim Kauf genau hinhören

Schädel von einem Mops in einer Grafik
Da die luftführenden Wege behindert sind, leiden viele Tiere unter Atemnot.  | Bild: NDR

Das Brachyzephale Syndrom ist keine Randerscheinung, sondern inzwischen so verbreitet, dass innerhalb der Tierärzteschaft schon darüber diskutiert wird, ob Mops und Französische Bulldogge als Rassen noch zu retten sind, oder die Zucht verboten werden sollte. Weil die kleinen Hunde so menschenfreundlich sind, einen tollen Charakter haben, wäre es sehr schade, wenn nur bliebe, die Rassen zu verbieten, findet Prof. Kramer. Er erwartet von den Züchtern, dass sie ihre Rassestandards weiter anpassen und nur solche Hunde zur Zucht zulassen, die keine Atemprobleme haben. Den bisher von den Verbänden geforderten Belastungstest, bei dem die Hunde in 10 Minuten eine Strecke von 1.000 Metern zurücklegen müssen, hält die Bundestierärztekammer für einen ersten Schritt, aber nicht für ausreichend, da die Tiere die Strecke in sehr gemütlichem Tempo schaffen können.

Ein Problem ist auch, dass die wenigsten Welpen bei registrierten Züchtern aus Deutschland gekauft werden. "Ich sehe die Verantwortung bei uns allen", erklärt Prof. Kramer: "bei den Tierärzten, sie müssen die Anzeichen erkennen und frühzeitig darauf hinweisen, bei den Besitzern, die müssen sich erkundigen und beim Kauf genau hinsehen. Und die Tierzüchter müssen verstehen, dass es nicht süß, sondern krank ist, dass man umzüchten und umdenken muss."

Autorin: Christine Seidemann (NDR)

Stand: 29.09.2018 16:55 Uhr

Sendetermin

Sa, 29.09.18 | 16:00 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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