SENDETERMIN Sa, 11.08.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Kiebitz und Rebhuhn: Zwei Projekte kämpfen um Bestand

PlayKiebitz in der Aue
Kiebitz und Rebhuhn: Zwei Projekte kämpfen um Bestand | Video verfügbar bis 11.08.2019 | Bild: hr

Seit 1990 sind in Deutschland die  die Kiebitze um 80 Prozent und die Rebhühner um 84 Prozent zurückgegangen. Zwei Projekte kämpfen um das Überleben der Vögel.

Der Kiebitzretter

Dr. Stefan Stübing ist Biologe und Mitglied der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Er will sich nicht damit abfinden, dass die Kiebitze völlig aus unserer Landschaft verschwinden. Er setzt sich im hessischen Landschaftsschutzgebiet "Auenverbund Wetterau" für den Schutz der Kiebitze ein. Wir begleiten ihn bei einer Tour durch die Wetterau. Unsere Fahrt führt uns vorbei an monotonen Feldern – es dominiert die industrielle Landwirtschaft, wie überall in Deutschland.

Kleinbäuerliche Landschaften gut für den Kiebitz

Doch noch vor 40 Jahren sah es hier ganz anders aus. Mit dem Verlust der kleinbäuerlichen Vielfalt ging es mit den Kiebitzen bergab. Wir halten an einem Bauernhof, der noch so wirtschaftet wie in früherer Zeit. Kleine Felder wechseln ab mit Streuobstwiesen und Weideflächen. Am Rand stehen Feldgehölze. Wir sehen kurzgefressenes Gras, durch Rinderhufe aufgerissene Erde, kleine Wasseransammlungen. Mit so einer Landschaft kamen Kiebitze gut zurecht – auch wenn es nicht ihre natürlichen Lebensräume waren. Ursprünglich sind sie Bewohner der Flussauen, Niedermoore und anderer Feuchtgebiete. Aber solche Gebiete wurden meist schon vor langer Zeit  trocken gelegt, um die Flächen landwirtschaftlich zu nutzen.

Kiebitzküken sind Nestflüchter

Grüne Felder
Grün, aber kein Lebensraum für Tiere. | Bild: hr

Stefan Stübing zeigt uns am Beispiel des kleinbäuerlichen Betriebes, wie groß das Nahrungsangebot für Vögel auf Wiesen ist, die wenig oder gar nicht gedüngt werden. Auf jedem Millimeter entdeckt er Käfer, Spinnen, kleine Schnecken und Heuschrecken. Und die brauchen Kiebitze von der ersten Minute an. Kiebitzküken sind Nestflüchter, also darauf angewiesen, dass sie nach dem Schlüpfen ohne viel Aufwand reichlich Nahrung finden. Die Kiebitzmutter sucht daher für die Eiablage Stellen, die wenig Pflanzenbewuchs, aber ein großes Nahrungsangebot haben. Außerdem können die sehr leichten Küken dort gut laufen, sie sind nämlich nicht in der Lage, sich durch das "Dickicht" gedüngter, hochwüchsiger Wiesen oder Felder zu kämpfen.

Stefan Stübing führt uns ins "Heute" zurück. Nur wenige 100 Meter weiter stehen wir in einer heute typischen Agrarlandschaft – ein Feld mit noch licht gewachsenem Winterweizen und einem kahlen Feldweg. Hier finden die Vögel nichts zu fressen und auf solchen Flächen werden Gelege sofort vom Fuchs und anderen Fressfeinden gefunden. Es gibt keine anderen Pflanzen, die Insekten anlocken und damit auch keine Nahrung für die Kiebitze. Sie müssen verhungern, sagt Stübing.

Ein Forschungsprojekt für den Rebhuhnschutz

Rebhuhn wird besendert
Forschung für den Artenschutz: Ein Rebhuhn wird besendert. | Bild: hr

Das gleiche Schicksal ereilt auch einen anderen Vogel der Agrarlandschaft: das Rebhuhn. Doch das will Dr. Eckhard Gottschalk von der Universität in Göttingen ändern. Er ist Naturschutzbiologe und hat mit seinem Team sechs Jahre lang das Verhalten der Rebhühner untersucht – denn frühere Schutzmaßnahmen zeigten wenig Wirkung. Dazu lockten die Biologen wilde Rebhühner mithilfe von Vögeln aus Volieren an. So konnten sie insgesamt 202 Rebhühner und Rebhähne mit kleinen Funksendern besendern. Dabei haben sie Erstaunliches nachweisen können: Die Rebhühner finden sich früh im Jahr zusammen. Sie bilden schon Ende Februar, Anfang März Paare. Aber dann dauert es noch sehr lange, bis sie anfangen, Eier zu  legen – meist erst im Mai. Im Juni brüten sie und im Juli schlüpfen dann die Küken. Mitte August können die Jungtiere erst sicher fliegen und sich schnell bewegen. Und erst dann darf man Flächen mähen, wenn man die Rebhühner schützen will. Denn die Rebhuhnhenne versucht ihr Gelege möglichst lange zu beschützen und kann dann der sich schnell nähernden Mähmaschine nicht mehr entkommen, auch das Gelege kann durch die Maschinen zerstört werden und auch später die Küken sind stark gefährdet. Sie sind zu langsam, um rechtzeitig zu flüchten.

Was hilft den Rebhühnern?

Dr. Eckhard Gottschalk hat herausgefunden, dass Rebhühner in der Agrarlandschaft überleben können, wenn sie geeignete Rückzugsorte haben. Er empfiehlt "Blühstreifen", die allerdings relativ groß und breit sein müssen, nämlich mindestens 20 Meter. Sind sie schmaler, fressen Waschbär, Fuchs und Marder über 60 Prozent der Eier, in den größeren Flächen nur etwa 30 Prozent. Außerdem müssen die Blühstreifen aus zwei unterschiedlichen Teilen bestehen. Auf einem Teil sollten Pflanzen vom Jahr zuvor den Rebhühnern Deckung bieten, um ihre Nester anzulegen. Der zweite Teil sollte einjährig und lückig sein, damit die Küken gut laufen können und Nahrung finden.

Blühstreifen für den Rebhuhnschutz

Blühstreifen
Nicht nur schön für das Auge: Die Rebhuhnforscher inspizieren einen Blühstreifen | Bild: hr

1000 solcher Blühstreifen pflanzten engagierte Landwirte im Landkreis Göttingen seit 2005. Dr. Eckhard Gottschalk und sein Team haben die Landwirte beraten, die Kosten erstattet das Agrar-Umweltprogramm von Niedersachsen. In den Gebieten mit vielen Blühstreifen leben inzwischen zehn Mal so viele Rebhuhnbrutpaare wie zuvor. Ein toller Erfolg. Im Übrigen Niedersachsen haben sich die Bestände hingegen halbiert.

Was hilft dem Kiebitz?

Noch aufwändiger ist der Kiebitzschutz: Denn inselartige Natur reicht ihnen nicht, sie müssten Teile ihres ursprünglichen Lebensraumes zurückbekommen. Das bedeutet, Feuchtgebiete müssten konsequent erhalten, Auenlandschaften wieder überflutet und Moore wiedervernässt werden. Die umgebende Landwirtschaft müsste außerdem naturnäher werden. Solange das nicht passiert, helfen selbst eigentlich ideale Lebensräume dem Kiebitz nur wenig.

Auenverbund Wetterau besteht aus getrennten Feuchtgebieten

Feuchtgebiet
Feuchtgebiete, Auen und extensive Landwirtschaft. Das hilft nicht nur dem Kiebitz. | Bild: hr

Der "Auenverbund Wetterau" ist ein solches Beispiel: Zwar haben hier engagierte Naturschützer in Zusammenarbeit mit den Naturschutzbehörden schon seit den 1980er-Jahren viel für den Schutz und den Erhalt dieser seltenen Feuchtgebiete in Hessen getan, aber der Auenverbund besteht aus mehreren voneinander getrennten, eher kleinen Feuchtgebieten. Und in solchen kleinen, überschaubaren Gebieten sind sofort Fressfeinde zur Stelle. Da hilft zurzeit nur ein Zaun, damit Fuchs, Marder und Waschbären nicht die wenigen Gelege fressen. Keine Ideallösung – doch damit die Kiebitze in Hessen nicht vollständig verschwinden, ist das momentan die einzige Lösung.

Mehr Raum für die Natur

Wollte man dem Rebhuhn und mit ihm vielen anderen bedrohten Tier- und Pflanzenarten flächendeckend helfen, müssten etwa fünf Prozent des landwirtschaftlichen Raumes rebhuhnfreundlich, also zum Beispiel mit Blühstreifen gestaltet sein. Kiebitze benötigen rund ein Prozent naturbelassener Feucht- und Überschwemmungsgebiete in Deutschland. Das klingt nicht viel, ist aber zurzeit nicht im Fokus der Politik. Dabei würde sich das nicht nur positive auf Rebhühner und Kiebitze auswirken. Würden wir der Natur insgesamt wieder mehr Raum geben, wäre das auch gut für viele weitere bedrohte Arten. Teure oder arbeitsintensive Einzelmaßnahmen würden überflüssig. Doch bis dahin bleibt den Naturschützern nichts anderes übrig, als erste Hilfe zu leisten für Kiebitz und Rebhuhn.

Autorin: Anja Galonska (hr)

Stand: 10.08.2018 10:57 Uhr