SENDETERMIN Sa, 14.11.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Hitze in der Stadt, Dürre auf dem Land

PlayHitze in der Stadt, Dürre auf dem Land
Hitze in der Stadt, Dürre auf dem Land | Video verfügbar bis 14.11.2020 | Bild: WDR

2015 war einer der heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. In Deutschland fiel der Temperaturrekord von 40,2 Grad Celsius aus dem Jahr 2003 gleich zwei Mal, in Spanien wurden bereits im Frühjahr Rekordtemperaturen erreicht, im Mittelmeerraum, aber auch in Teilen Deutschlands wurde bald eine Dürre durch fehlende Niederschläge zu einem weiteren Problem. "In Südhessen, Teilen von Nordbayern, Sachsen bis ins südliche Brandenburg ist der Boden so trocken wie seit 50 Jahren nicht", twitterte der Deutsche Wetterdienst (DWD). Klar ist: Durch den Klimawandel werden solch heißen und trockenen Sommer häufiger. Wir müssen uns an die Folgen gewöhnen und uns an die neuen Bedingungen anpassen.

Der Rekordsommer 2003

Die Ärztin Marie Ecoiffier in der Uniklinik Toulouse
In Frankreich wurden nach der Hitzewelle 2003 besonders die Bedingungen in Krankenhäusern stark verbessert. | Bild: SWR

Der Hitzesommer des Jahres 2003 war eine der größten Naturkatastrophen Europas. Man zählte europaweit 70.000 Tote durch die Hitze, in Deutschland waren es etwa 7.000 Tote. Besonders schlimm traf es Frankreich, wo innerhalb der knapp drei Wochen dauernden Hitzewelle etwa 15.000 Menschen an den Folgen der Hitze starben. Notaufnahmen, besonders in den Krankenhäusern der Großstädte, waren völlig überlaufen. Dennoch nahm die Administration die Hilferufe der Notärzte zunächst nicht ernst. Erst im Nachhinein wurde durch wissenschaftliche Aufarbeitung der Todesfälle erkannt, dass die Auswirkungen der andauernden Hitze auf den menschlichen Körper wohl unterschätzt worden waren und das französische Gesundheitssystem auf eine solche Hitzewelle nicht vorbereitet war.

Die Ärztin Marie Ecoiffier arbeitete während der Hitzewelle 2003 in der Uniklinik Toulouse und erforschte im Nachhinein mit ihrem Team die genauen Auswirkungen der Hitze auf ihre Patienten. Die Ergebnisse fließen in die tägliche Arbeit ein. Seit dem Sommer 2003 wurden hier die Bedingungen für Personal und Patienten verbessert. So gibt es inzwischen eine eigene Abteilung für ältere Menschen, um sie nach der Erstversorgung in der Notaufnahme besser weiterversorgen und überwachen zu können.

Auch im Sommer 2015 ist sie wieder gut besetzt, doch die katastrophalen Zustände wie im Jahr 2003 gibt es nicht mehr. Viele Anpassungsmaßnahmen sind einfach: Ständig stehen kleine Wasserflaschen bereit, die Patienten werden regelmäßig an das Trinken erinnert. Medikamente, die dehydrierend wirken, werden ersetzt oder die Patienten noch stärker mit Flüssigkeit versorgt. Ein Sprühsystem kann Wasserdampfnebel in den Zimmern verteilen, wenn die Temperaturen so stark steigen, dass auch Klimaanlagen nicht mehr genug ausrichten können.

Hitze belastet den Körper stark

Volle Gänge mit Patienten und Personal in einem französischen Krankenhaus
Im Hitzesommer 2003 waren Notaufnahmen in Frankreich völlig überlastet. | Bild: NDR

Als Konsequenz der vielen Hitzetoten und -kranken des Sommers 2003 wurde in Frankreich ein nationaler Notfallplan für Hitze erarbeitet, der sogenannte plan canicule. Stufe 1 wird jeden Sommer automatisch aktiviert, bei anhaltender, großer Hitze gibt es drei weitere Stufen. Es können dann unter anderem Krankenhäuser und Altersheime alarmiert werden, die Personal aufstocken und besonders auf die Versorgung älterer und kranker Menschen achten. Durch den Rundfunk werden die Bürger auf die Gefahren durch Hitze und Verhaltensregeln aufmerksam gemacht.

In Deutschland gibt es noch keinen solchen nationalen Notfallplan. Doch der DWD leitet Informationen über Hitze an Institutionen weiter, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) informiert über das Internet über Hitzewarnmanagement. Jeder Einzelne muss sich also auch selbst vor den Auswirkungen starker Hitze schützen, wenn gewarnt wird.

Wird der Körper über lange Zeit Hitze ausgesetzt, oder bei Hitze stark belastet, entstehen gesundheitliche Schäden. Es kommt zu Sonnenstich, Hitzekollaps oder Hitzeschlag. Durch vermehrte Schweißproduktion versucht der Körper die Hitze zu regulieren und seine Temperatur zu senken. Bricht, beispielsweise durch Flüssigkeitsmangel, die Schweißproduktion ein, kann der Körper nicht mehr genug Hitze abgeben, die Körpertemperatur steigt. Man fühlt sich schwindlig, hat großen Durst, Kopfschmerzen.

Ein Hitzschlag kann zur Bewusstlosigkeit bis hin zum Tod führen. Ältere Menschen sind besonders anfällig, doch auch jüngere Patienten, die bestimmte Medikamente nehmen, Sportler oder Menschen, die draußen arbeiten müssen sind gefährdet.

Urbane Hitzeinseln

Valéry Masson am Computer
Valéry Masson arbeitet am französischen Wetterforschungsinstitut an Vorhersagen für Städte. | Bild: SWR

Stadtbewohner haben besonders stark mit der Hitze zu kämpfen. Innenstädte, besonders in Ballungsräumen, können mehrere Grad wärmer sein als ihre Umgebung. Wissenschaftler nennen es den "Wärmeinseleffekt" oder "Urban Heat Island". In den Straßenschluchten der Großstädte staut sich die Hitze, mangelnde Luftzirkulation verhindert eine Abkühlung. Ähnlich wie ein Kühlschrank wirken Klimaanlagen. Sie kühlen zwar das Gebäude, in dem sie verwendet werden – heizen aber dessen Umgebung noch stärker auf. Ein großes Problem ist auch die mangelnde nächtliche Abkühlung in Städten, dadurch dass die aufgeheizten Gebäude auch nachts weiter Wärme abgeben.

Meteorologen des französischen Wetterdienstes befassen sich mit dem Phänomen der städtischen Hitzeinseln. Um ihm genauer auf die Spur zu kommen, fanden in mehreren französischen Großstädten ausgedehnte Messkampagnen statt. Neben fest installierten Wetterstationen kamen dabei mobile Geräte zum Einsatz, die Werte wie Temperatur, Luftfeuchte und Wind bestimmen sollten sowie deren Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Dazu wurden auch Bewohner befragt.

All diese Werte flossen in neue Vorhersagemodelle ein, die besonders die Wettervorhersagen für die Innenstädte und die Hitzebelastung für die Bewohner genauer berechnen können. Berechnungen aufgrund dieser Modelle werden inzwischen in ganz Europa in die Stadtplanung einbezogen, um mit Begrünung, Luftschneisen und vielen anderen Maßnahmen den Hitzestress für die Bewohner zu verringern.

Landwirtschaft muss sich an Hitze und Trockenheit anpassen

Traktor auf  einem staubigem Feld
Die Böden in Teilen Brandenburgs waren diesen Sommer besonders trocken.  | Bild: SWR

Die Folgen des Hitzesommers 2015 und der mit ihm einhergehenden Dürre sind noch schwer abzuschätzen. Der Deutsche Bauernverband erwartet aber schlechte Ernten, besonders bei Getreide, Obst, Gemüse, Zuckerrüben und Futtermais. Mais braucht viel Wasser und hat in vielen besonders trockenen Regionen dieses Jahr noch nicht einmal Kolben ausgebildet. Der Rückgang der Niederschläge im Sommer wird vor allem bei Standorten mit sandigen Böden für Probleme sorgen – Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind hier besonders betroffen. Die Landwirte müssen der Trockenheit durch viele Maßnahmen begegnen. Einerseits werden neue Arten angepflanzt, die besser mit Hitze und Trockenheit zurecht kommen. Weizen und Mais sind anfällig, während Hirse beispielsweise besser in solchen Klimabedingungen gedeiht.

Des Weiteren muss die Qualität der Böden verbessert werden. Das erreicht man zum Beispiel durch Anbau von weniger Monokulturen. Viele Landwirte versuchen bereits jetzt, durch bestimmte Fruchtfolgen die Bodenqualität zu verbessern. Sogenannte Leguminosen wie Soja und Lupine haben Wurzelknöllchen, in denen eine Symbiose mit stickstofffixierenden Bakterien stattfindet. Dadurch können sie auch in extrem stickstoffarmen Böden wachsen – und sie düngen den Boden quasi für nachfolgende Pflanzen. Eine weitere Möglichkeit der Bodenverbesserung sind sogenannte Untersaaten. Hier werden beispielsweise unter Getreide Gräser gesät. Ihre Wurzeln helfen, die Bodenstruktur zu verbessern und den Anteil an Humus im Boden zu erhöhen.

Auch Bewässerung kann Pflanzen bei großer Trockenheit helfen, doch sie hat ihre Grenzen. Vor allem in Gegenden, wo die Grundwasserspeicher sowieso leer sind, sorgt Bewässerung in der Landwirtschaft für einen noch stärker sinkenden Grundwasserspiegel. Außerdem ist Bewässerung sehr teuer, nicht jeder Landwirt kann sich Brunnen und Bewässerungssysteme leisten. Deshalb muss hier technisch optimiert und müssen Bewässerungssysteme wassersparend eingesetzt werden.

Zusatzinfos:
Städtische Hitzeinsel Städte können erheblich wärmer sein als ihr Umland. Versiegelte Flächen reduzieren die Verdunstung, Gebäude und Asphalt speichern Wärme. Durch die hohen Temperaturen, besonders wenn sie auch nachts nicht sinken, beeinträchtigen die Lebensqualität und können schwere gesundheitliche Auswirkungen haben, besonders auf kranke und alte Menschen.

Autorin: Ildico Wille (SWR)

Stand: 16.11.2015 11:16 Uhr

Sendetermin

Sa, 14.11.15 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Südwestrundfunk
für
DasErste