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Skoliose: Neue OP-Methode ohne Versteifung!

PlayDynamische Skoliosekorrektur und Versteifung im Vergleich
Skoliose: Neue OP-Methode ohne Versteifung! | Video verfügbar bis 13.03.2026 | Bild: WDR

Bei einer Skoliose ist das Rückgrat seitlich verbogen. Wenn nichts dagegen getan wird, drohen gequetschte Organe, Rücken- und Gelenkschmerzen, bei schweren Skoliosen sogar eine verringerte Lebenserwartung. Mädchen sind viermal häufiger von Skoliose betroffen als Jungen. Die Ursache ist in den meisten Fällen unklar.

Mit dem Korsett gegen die Skoliose: Für Betroffene oft eine Tortur

Hannah Köcher ist erst sieben Jahre alt, als bei ihr eine Skoliose diagnostiziert wird. Zunächst verordnet der Arzt Physiotherapie. Doch bereits ein Jahr später hat die Verkrümmung der Wirbelsäule so stark zugenommen, dass Hannah ein Korsett bekommt. Das Korsett soll Hannahs Wirbelsäule wieder aufrichten. Dazu muss Hannah es aber täglich 23 Stunden tragen, auch in der Nacht. Nur beim Sport darf sie eine Ausnahme machen. Hannah leidet unter schmerzhaften Druckstellen unter Achseln und an der Hüfte. Dazu kommt die Scham in der Schule und vor Freunden. Für das junge Mädchen ist die Therapie eine Tortur. Sie will das Korsett so wenig wie möglich tragen.

Hiobsbotschaft: Es muss operiert werden!

Abgefilmter Bildschirm: Hannahs Wirbelsäule, über 50 Grad Krümmung.
Ab einem Krümmungswinkel von 50 Grad muss operiert werden. | Bild: WDR

Das bessert sich erst nach der zweiten vierwöchigen Reha, da ist Hannah bereits 13 Jahre alt: Sie lernt andere betroffene Mädchen kennen und fasst endlich genug Mut, in einem Vortrag vor der gesamten Klasse über ihre Krankheit zu sprechen. Von da an lässt die Scham nach. Es fällt ihr leichter, das Korsett auch in der Öffentlichkeit zu tragen. Ein Erfolg, der leider nur von kurzer Dauer ist: Ein Jahr später bekommt Hannah die Hiobsbotschaft: Ihre Wirbelsäule hat einen Krümmungswinkel von 50 Grad überstiegen. Sie muss operiert werden. 

Versteifung – die Standardmethode

Versteifung mittels Stäben an einem Wirbesäulenmodell.
Bei der Standardmethode wird die Wirbelsäule mit zwei Metallstäben versteift. | Bild: WDR

Hannahs Arzt empfiehlt die Standard-Operation: Der Chirurg richtet das Rückgrat zunächst auf und stabilisiert es dann mithilfe zweier Metallstäbe, die er in den Wirbelknochen verschraubt. Der Eingriff ist dauerhaft – normalerweise werden die Stäbe in Leben lang nicht mehr entfernt. Die Versteifung hat zur Folge, dass der Raum zwischen den Wirbeln verknöchert. Aus einer einst beweglichen Wirbelsäule wird ein einziger zusammenhängender Knochen. Die Methode bekämpft zuverlässig die Symptome der Skoliose. Sie hat aber schwerwiegende Nebenwirkungen: Die Patienten büßen an Beweglichkeit ein. Auf den noch beweglichen Teilen der Wirbelsäule lastet oft mehr Gewicht, sodass viele Patienten schon früh mit Bandscheibenvorfällen zu kämpfen haben. Besonders bei Hannah würde der Eingriff viel verändern: Ihre Skoliose ist so schwer, dass die Ärzte über 14 Wirbel hinweg versteifen wollen.

Beweglich bleiben: Die dynamische Skoliosekorrektur

Dynamische Skoliosekorrektur und Versteifung im Vergleich
Seile statt Stäbe: Links Versteifung, rechts die sogenannte dynamische Skoliosekorrektur  | Bild: WDR

Verzweifelt sucht Familie Köcher nach einer Alternative – und findet sie schließlich an der Eifelklinik St. Brigida. Als einer der ersten in Deutschland bietet dort der Orthopäde Per Trobisch ein neues Verfahren an, das er als junger Arzt am Shriners Kinderhospital in Philadelphia, USA, kennengelernt hat: die dynamische Skoliosekorrektur. Eine Methode, bei der die Wirbel nicht versteift werden müssen. Um die Wirbelsäule aufzurichten, spannt Trobisch stattdessen einseitig ein Seil. Das Seil richtet das Rückgrat auf, ohne die Bewegungsfähigkeit einzuschränken. Ein riesiger Fortschritt im Vergleich zur alten Methode. Doch es gibt einen Nachteil: Immer wieder reißen die Kunstoffseile. Laut Trobisch ist dies aber kein allzu schwerwiegendes Problem: Der Patient spüre von dem Seilriss nichts. Und weil das Seil wenn, dann nur an einer Stelle zwischen zwei Nägeln reiße, würde der Erfolg der Therapie nicht beeinflusst.

Neue OP-Methode noch nicht reguläre Kassenleistung

Per Trobisch erklärt Hannah und ihrer Mutter die neue OP-Methode
Per Trobisch ist einer der erfahrensten Operateure für die neue OP-Methode. | Bild: WDR

Trobisch ist der erfahrenste Operateur für diese Methode in Deutschland. Er hat bereits 160 Patienten mit der dynamischen Skoliosekorrektur operiert. Neben ihm bieten 10 weitere deutsche Kliniken die Operation an. In Frankreich wurden bislang 50 Patienten operiert. Dort ist Dr. Vincent Cunin vom CHU de Lyon einer der erfahrensten Operateure. In der Türkei sind bisher etwa 100, in den USA mehr als 500 Patienten damit operiert worden.

Trotzdem ist die vor 10 Jahre entwickelte und seit 5 Jahren regelmäßig eingesetzte Methode noch nicht abschließend erforscht, es fehlen einfach noch Langzeitstudien. Daher übernehmen in Deutschland die gesetzlichen Krankenkassen nicht automatisch die Kosten für die knapp 50.000 Euro teure Operation. Die Argumentation: Die neue Methode ist fast doppelt so teuer wie die Standard-Operation und muss sich erst ausreichend bewähren, bevor der Gesetzgeber die Mehrkosten als vertretbar für die Versichertengemeinschaft betrachtet. Die Operationsmethode hat deshalb momentan den sogenannten NUB-Status, der den gesetzlichen Krankenkassen erlaubt, selbst zu entscheiden, ob sie die Kosten anteilig oder komplett übernehmen.

Das bedeutet für die Patienten und behandelnden Ärzte, dass jeder Eingriff einzeln mit der jeweiligen Krankenkasse verhandelt werden muss. Trobisch und seine Fachkolleg*innen arbeiten daran, dass die dynamische Skoliosekorrektur in den Leistungskatalog aufgenommen wird.

Nie wieder Korsett!

Trotz dieser Ungewissheiten entscheiden sich die Köchers für die neue Methode. Im Mai 2020 wird Hannah operiert. Das Geld streckt die Familie aus Erspartem vor. Schon drei Tage nach dem Eingriff kann Hannah wieder laufen. Knapp ein halbes Jahr nach der minimalinvasiven Operation sind alle Wunden ausgeheilt. Hannah hat sich an ihre nun innerlich aufgerichtete Wirbelsäule gewöhnt. Sie ist überglücklich. Geht alles gut, wird sie nie wieder ein Korsett tragen müssen. Einziger Wermutstropfen: Die Krankenkasse hat die Übernahme der Kosten abgelehnt. Marcel Köcher will vor dem Sozialgericht dagegen klagen.    

Autor: Max Lebsanft

Stand: 12.03.2021 10:16 Uhr

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Sa., 13.03.21 | 16:00 Uhr
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