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Tattoo-Kult und -Sucht

Rocker auf Motorrädern
Früher galten Tattoos als Kennzeichen derer, die außerhalb der Gesellschaft standen. | Bild: laif/Allan Tannenbaum, Bild Nr. 32071216

Vor 50 Jahren waren Tätowierungen nur am Rande der Gesellschaft verbreitet: bei Rockern, Bikern oder Kriminellen. Heute ist das anders: Sechs Millionen Deutsche sind tätowiert, ebenso wie weltweit viele Künstler oder Sportler. Bettina Wulff und Samantha Cameron tragen eines, und sogar Barbie gibt es in einer tätowierten Version. Es scheint, als seien heute mehr Menschen tätowiert als jemals zuvor - aber dieser Schein trügt. Denn Tätowierungen gab es immer und überall, zu allen Zeiten und in allen Kulturen, auch in Europa.

Ötzi, Kreuzritter und Sissi

Ötzis Körper zieren 61 Tattoos.
Wahrscheinlich sollten die Tätowierungen Ötzis Schmerzen lindern. | Bild: Wolfgang Neeb/bridgemanart, BildNr. 20954827

Der älteste tätowierte Europäer ist gute 5.000 Jahre alt. Ötzis Körper ist von unten bis oben mit Tätowierungen bedeckt. Einige sind noch mit bloßem Auge zu sehen, andere haben Wissenschaftler erst kürzlich entdeckt. Sie vermuten, dass es dem Alpenbewohner dabei nicht um Schönheit, sondern um die Gesundheit ging. In vielen Kulturen werden Tätowierungen magische und heilende Wirkungen nachgesagt.

Die frühen Christen tätowierten sich christliche Symbole, wie auch die Kreuzritter und christliche Mystiker des Mittelalters. Beispielsweise der Deutsche Heinrich Seuse: Er ließ sich im 14. Jahrhundert mit seinem Schreibgriffel den Namen des Herren in die Brust ritzte. Doch so richtig in Mode kamen die Tätowierungen mit den Entdeckungsfahrten der Europäer in die Südsee. Dort waren viele Menschen tätowiert. Seeleute eiferten ihnen nach, und trugen dazu bei, dass sich der Brauch in Europa verbreitete. Der schwedische Heerführer Graf Bernadotte zog mit dem Schriftzug "Liberté, Egalité, Fraternité" gegen Napoleon ins Feld, Goethe schuf mit der "Mignon" im Wilhelm Meister eine tätowierte Figur, und Kaiserin Sisi trug einen Anker auf der Schulter. Erst die Nazis machten mit dem Tätowieren zeitweise Schluss. Dabei ist es ein "Treppenwitz" der Geschichte, dass sie von drei Tätowierten besiegt worden sind: Churchill, Roosevelt und Stalin waren alle drei tätowiert.

 Zurück ins Zentrum der Gesellschaft

Eine Modeerscheinung der 1990er-Jahre: ein schwarzweiße Tätowierung über dem Hosenbund.
Das Steißtattoo wurde als "Arschgeweih" zu einem Symbol der 1990er-Jahre. | Bild: mauritius images/Ala (Bild Nr. 31896506)

Wie aber kam das Tattoo aus seiner historischen "Krise" nach dem Zweiten Weltkrieg wieder heraus? In den 1970er-Jahren begannen die ersten gesellschaftskritischen Künstler, sich zu tätowieren. Janis Joplin war eine der ersten. Immer mehr Subgruppen griffen den Trend auf, beispielsweise die Punker und ihre Idole wie Billy Idol. Doch nicht nur am linken, auch am rechten Rand der Gesellschaft, beispielsweise in der Skinhead-Szene, wurden Tattoos getragen. Die ersten Studios eröffneten; zu Beginn der 1980er-Jahre organisierten Tattoo-Künstler wie der Niederländer Henk Schiffmacher Ausstellungen und die ersten Tattoo-Messen.

Doch die Trendwende kam erst mit dem Musikfernsehen - mit Sendungen wie "Formel 1" im WDR oder dem Musiksender MTV. Hier präsentierten sich immer mehr tätowierte Künstler und wirkten als Vorbilder für junge Leute weltweit. In den 1990er-Jahren war das Tattoo bereits ein Massenphänomen. Inbegriff der Entwicklung war das Tribal auf dem unteren Rücken - im Volksmund scherzhaft "Arschgeweih" genannt. Heute ist ein Tattoo auch bei den oberen Gesellschaftsschichten nichts Besonderes mehr. Und es gibt nur noch wenig Berufe, in denen Tattooträgern Repressalien drohen.

Buchtipps:

1000 Tattoos
Henk Schiffmacher, Burkhard Riemschneider 
Taschen Verlag, 2014
14,99 Euro
Schön bebildertes, aktuelles Standardwerk

Bis ich dich finde
John Irving
Diogenes, 2007
13,90 Euro
Gut recherchierter Roman, der in der europäischen Tattooszene der 1970er-Jahre spielt.

Frau beim Billiard.
Frau beim Billiard mit Tattoo. | Bild: Ralf Roletschek / Ralf Roletschek

Hinweis: Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung zur Verwendung ihrer Fotos bei Ralf Roletschek (Bild oben)

Tätowierter Mann
Ein lebenedes Kunstwerk: tätowierter Mann. | Bild: Eva Rinaldi / Eva Rinaldi

und Eva Rinaldi (Bild unten)

Autorin: Christina Krätzig (WDR)

Stand: 09.05.2015 15:56 Uhr