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Fitness-Apps für den Selbstoptimierungswahn

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Fitness-Apps für den Selbstoptimierungswahn | Video verfügbar bis 07.05.2020 | Bild: ARD
Arne Tensfeldt
Arne Tensfeldt läuft nie ohne seine Fitness-App. | Bild: NDR

Arne Tensfeldt läuft, und die Algorithmen laufen mit. Am Handgelenk des Joggers prangt ein Messgerät, das aussieht wie eine ziemlich große Uhr. Es misst die Strecke, die er bei seinem Lauf um die Hamburger Alster zurück legt. Höhenmeter, Kalorienverbrauch, Herzfrequenz - am Ende seines Laufs hat Arne ein Datenpaket auf seinem Rechner, das er mit den Ergebnissen anderer Läufe vergleichen kann. Das Ziel lautet, schlicht und ergreifend: besser werden. Aber nicht nur beim Laufen. Wenn Arne Tensfeldt schläft, misst ein Sensor seine Bewegungen und den Rhythmus seiner Atemzüge. Am nächsten Morgen kann der Hamburger überprüfen, wie gut oder schlecht er geschlafen hat. Waren die Ergebnisse längere Zeit schlecht, kann er sich überlegen, ob er vielleicht besser bei offenem Fenster schlafen sollte, ob er vor dem Schlafengehen weniger essen oder skypen oder fernsehen sollte.

"Quantified self, das ist die Selbsterkenntnis durch Zahlen", erklärt Arne. "Das bedeutet, dass man aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen Daten erhebt, und, gepaart mit dem, was einem das Bauchgefühl sagt, daraus seine Schlüsse zieht." Er benutze die Apps nicht ständig und überall, das ist ihm wichtig. Gleichzeitig sind die mit Sensoren ausgestatteten, dicht am Körper getragenen Messgeräte - wearables werden sie genannt - für ihn mehr als Mal-kucken-wie-viel-Schritte-ich-täglich-gehe!-Spielzeuge. Sie sind die Hardware zu einer Philosophie, die das Leben als grundsätzlich vermessbar und optimierbar begreift.

Ein rasant wachsender Markt

Vitruv-Mensch in zwei Varianten
Die Underperformer bestrafen, die Fitten belohnen? | Bild: NDR

Neun Millionen Deutsche benutzen bereits Fitness-Tracker wie die Lauf-App, mit der Arne Tensfeldt sein Training optimieren will. Die beliebtesten Funktionen sind Schrittzähler und Bewegungserinnerungen. 2014 waren mehr als 97.000 verschiedene Fitness-Apps auf dem europäischen Markt. Tendenz steigend. Hersteller wie Run-Tastic oder Apple versprechen ein leichteres, selbstbestimmteres Leben, wenn wir ihre sensor-gesteuerten Wearables hautnah an unsere Körper heran lassen. Apple spricht gar von einem Ökosystem, das durch die neue Apple Watch ergänzt wird. Quantified self wird verkauft als logischer nächster Schritt in der Evolution. Das massive kommerzielle Interesse soll hinter dem idyllischen Bild einer glücklichen Symbiose aus Mensch und Technologie verschwinden.

Eine offene Entwicklung

Natürlich ist noch nicht abzusehen, wohin die Reise geht. Wie viele Deutsche quantified self, so wie Arne Tensfeldt, zu ihrer Philosophie gemacht haben, ist kaum zu ermitteln. Ob die wearables, die den Fitnessmarkt gerade überfluten, zum festen Bestandteil des Lebens einer breiten Mehrheit werden, oder ob sie in ein paar Jahren genauso verschwunden sein werden wie Nordic-Walking-Stöcke und Trimm-Dich-Pfad-Schilder im deutschen Wald - schwer zu sagen.

Fest steht, dass das Interesse an Quantified self inzwischen weit über den privaten Bereich hinaus geht. Die private Generali Versicherung will 2016 Versicherten, die von der Versicherung gesetzte Fitness-Ziele erreichen, mit besonderen Prämien belohnen. Die gesetzliche AOK Nord Ost bietet ein ähnliches System an. Und Dacadoo, ein start up-Unternehmen aus der Schweiz, will mit einem Gesundheitsindex Unternehmen helfen, die Fitness ihrer Mitarbeiter im Blick zu haben. So wird auch der Arbeitnehmer-Körper zum Firmenkapital.

Unzuverlässige Daten, unklare Zuständigkeiten

Prof. Ingrid Mühlhauser
Prof. Ingrid Mühlhauser warnt vor falscher Daten-Euphorie. | Bild: NDR

Die Gesundheits-Benchmark, mit der Dacadoo den Deutschen zu mehr Körperglück verhelfen will, sei von Wissenschaftlern mitentwickelt worden, verspricht das Unternehmen. Aber wie belastbar sind die Daten, auf denen die Fitness-Prämien von Versicherungen und die Mitarbeiter-Motivations-Programme von Dacadoo beruhen? So gut wie gar nicht, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg: "Es gibt sehr wenige aussagekräftige Untersuchungen zu einzelnen Apps. Das liegt sicher auch daran, dass es immer auch eine gewisse Zeit braucht, bis man entsprechende Ergebnisse aus Untersuchungen hat." Die allermeisten App-Anbieter hätten aber gar kein Interesse daran, ihre Produkte prüfen zu lassen. Der Nutzen für die Anwender sei also fraglich.

Nachfrage beim Bundesministerium für Gesundheit: Wie und von wem werden Gesundheits-Apps eigentlich auf ihre Tauglichkeit überprüft? Erst mal müsse man entscheiden, ob es sich bei einer neuen App überhaupt um eine Fitness- oder um eine Gesundheits-App handelt, erklärt Pressesprecherin Jasmin Maschke. Diese Unterscheidung sei schwierig. Ist eine App dann als Gesundheits-App identifiziert, kann sie überprüft werden. Diese Prüfung nimmt - auf Anfrage, aber nicht automatisch - das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vor. Doch auch dieses Institut kann die Entwickler einer Gesundheits-App nicht dazu zwingen, ihr Produkt prüfen zu lassen. Bei beiden Behörden gibt man zu, man müsse sich angesichts des noch relativ neuen Phänomens erst selbst zurechtfinden.

Aber selbst wenn eine App korrekte Daten liefert, bleibt die Frage, ob die User mit diesen Daten richtig umgehen können.

Falsche Zahlengläubigkeit?

"Es ist der größte Trugschluss, wenn man denkt, dass man aus Daten, die aus dem eigenen Körper kommen, prognostische Ableitungen machen kann", warnt Ingrid Mühlhauser. Allerhöchstens könne man auf der Grundlage der Körperdaten Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Erkrankungen definieren. Hinzu kommt, so Mühlhauser, dass die meisten Deutschen in Gesundheitsfragen ungebildet seien. Was im eigenen Körper geschieht, das komplexe Zusammenspiel von Organen, Hormonen, Nerven und Muskeln in jedem Organismus, das würde an Schulen nicht vermittelt. Folgt man Ingrid Mühlhauser, bekommt man ungefähr folgendes Bild: Eine Flut von Gesundheits- und Fitness-Apps, beworben mit dem Versprechen eines gesünderen, leichteren Lebens, trifft auf Millionen potenzieller User, die keine Ahnung von ihrem Körper haben. Die verlassen sich dann auf im besten Falle nichtssagende, im schlechtesten falsche Datensätze und glauben, endlich gesund und selbstverantwortlich zu leben.

"Die Menge macht das Gift!"

Mit der Kritik, quantified self sei purer Zahlenwahn, kann Arne Tensfeldt nichts anfangen. "Die Menge macht das Gift", sagt er, und dass es in der Entscheidung jedes einzelnen liege, wie intensiv er sein Leben vermessen will.

Die Frage bleibt: Wird es bei dieser Freiwilligkeit bleiben, wenn quantified self sich flächendeckend durchsetzt, zum Beispiel bei Krankenkassen und Unternehmen? Der wachsende Kostendruck im Gesundheitssystem ist zumindest ein Indiz dafür, dass diese Entwicklung möglich ist. Werden Gesundheit und Wohlbefinden dann nur noch als messbare Werte wahrgenommen? Und wenn es so kommt: Wie radikal wird sich unser Verständnis vom eigenen Körper und dem eigenen Sein dann verändern?

Autor: Lennart Herberhold (NDR)

Stand: 09.05.2015 15:56 Uhr

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