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Überversorgung: Zu viele Krankenhäuser in Deutschland

PlayZeichung; Drei Personen liegen nebeneinander in ihren Betten.
Überversorgung: Zu viele Krankenhäuser in Deutschland | Video verfügbar bis 15.09.2023 | Bild: SWR

Während bei den Hausärzten Mangel herrscht, haben wir im europäischen Vergleich eine hohe Zahl an Kliniken, Krankenhausbetten und Operationen. Statistisch gesehen wurde im letzten Jahr jeder vierte Deutsche stationär behandelt, und die OP-Zahlen sind im Vergleich zu 2004 um fast 40 Prozent gestiegen. Da stellt sich die Frage: Sind all diese Eingriffe sinnvoll? Kritiker fordern eine Umgestaltung der Krankenhauslandschaft – weg von zu vielen kleinen Krankenhäusern hin zu weniger aber dafür großen, gut ausgestatteten Gesundheitszentren.

Prof. Reinhard Busse hat an der TU Berlin den Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen inne. Ein Schwerpunkt seiner Forschung: der internationale Vergleich von Gesundheitssystemen. Busse gehört zu denjenigen, die Tacheles reden wenn es ums Gesundheitssystem geht. Der Mittfünfziger sagt, ein Blick auf die Nachbarländer zeige, welches Problem vor allem die Deutschen Krankenhäuser auszeichne: Wir haben massive Überkapazitäten: "Hätten wir in Deutschland die gleiche Krankenhausstruktur, wie in unserem nördlichen Nachbarland Dänemark, hätten wir hier 330 Krankenhäuser, statt 1.300 akute Krankenhäuser in Deutschland. Also die Dänen haben ein Viertel davon." Diese Krankenhäuser seien allerdings alle sehr gut ausgestattet, hätten 24 Stunden am Tag Fachärzte, Schlaganfalleinheiten, Herzkatheterlabore und weitere Großgeräte. Diese Häuser könnten sich auf die Patienten konzentrieren, die tatsächlich stationär behandelt werden müssten, während die Patienten, die ambulant behandelt werden könnten, dort auch nur ambulant behandelt würden.

Deutsches Krankenhaus versus schwedisches Krankenhaus

Prof. Reinhard Busse
"Wir haben zu viele Krankenhäuser", sagt Prof. Reinhard Busse. | Bild: SWR

Deutschland leistet sich eine mächtige Krankenhauslandschaft. Hierzulande werden pro 1.000 Einwohner 8,3 Betten vorgehalten. Während Schweden nur 2,7 Betten pro 1.000 Einwohner hat. Diese Betten müssen natürlich belegt werden, sonst macht das Krankenhaus Verluste! So sind in Deutschland 50 Prozent mehr Kranke pro 1.000 Einwohner auf Station als in Schweden. Und was passiert mit den Patienten im Krankenhaus? Die werden behandelt: mit viermal so vielen Stents als in unseren Nachbarländern, mit doppelt so vielen Bypass-Operationen – ohne, dass wir bei der Herzsterblichkeit besser dastünden. Mit doppelt so vielen Hüftgelenksprothesen, Knieprothesen, Mandeloperationen, Herzschrittmachen oder doppelt so vielen Prostataoperationen, um nur einige Auffälligkeiten zu nennen.

In der Notaufnahme rekrutiert

Auto mit der Aufschrift "Notarzt"
Jeder zweite stationäre Patient kommt über die Notaufnahme.  | Bild: SWR

Diese Zahlen sind erschütternd und erst 2013 hat der internationale Krankenhaus-Report der OECD die Überversorgung in Deutschland kritisiert. Der Gesundheitsökonom Busse erklärt hierzu: "Im Vergleich zum Ausland haben wir ja nicht mehr Herzinfarkte, mehr Schlaganfälle oder mehr Verkehrsverunfallte. Also müssen die Patienten mit anderen Diagnosen aufgenommen werden. Wo kommen die Patienten also her?" Das seien – so Busse – Patienten, die über die Notaufnahmen der Krankenhäuser stationär aufgenommen würden: "Wenn wir uns das im internationalen Vergleich anschauen sehen wir, dass in den meisten Ländern nur etwa 25 bis 30 Prozent derjenigen, die in Notaufnahmen kommen, werden dort stationär behandelt. Bei uns wird aber jeder Zweite stationär aufgenommen."

Viele Krankenhäuser – gute Versorgung?

Herzinfarktopfer
Schlechte Leistung beim Herzinfarkt | Bild: SWR

Mediziner und Politiker erzählen gerne, dass die zahlreichen Krankenhäuser in Deutschland eine besonders gute Versorgung garantieren. Doch eher das Gegenteil ist der Fall. Vor allem kleine Krankenhäuser auf dem Land haben wenig Fälle und wenig Erfahrung und operieren schlechter. So starben etwa im Jahr 2013 von den Herzinfarkt-Opfern, die in deutsche Krankenhäuser eingeliefert wurden, 8,7 Prozent. Im OECD-Ranking ist das ein bescheidener 25. Platz. In Schweden starben nur 4,5 Prozent. Zu viele Häuser in Deutschland sind schlecht ausgestattet oder haben zu wenig qualifiziertes Personal.

Überkapazitäten bekämpfen

Der Berliner Wissenschaftler sieht eine ganz einfache Strategie, um diesen Missstand zu bekämpfen: "Wir müssen dafür sorgen, dass insgesamt die Anzahl der Krankenhäuser mit den Überkapazitäten deutlich herabgesetzt wird, damit der Anreiz, Patienten unnötigerweise stationär zu behandeln, zurückgefahren wird." Und dann erklärt Busse, wer die eigentlich Verantwortlichen für die Überversorgung sind. Landespolitiker, die den gesetzlichen Auftrag haben, die Versorgung bedarfsgerecht zu sichern. Doch weil die Schließung von Kliniken unpopulär ist, spielten die Politiker praktisch "über Bande". "Unsere Politik setzt etwas inkonsequent darauf, dass wir es dem wirtschaftlichen Druck überlassen, zu einer Marktbereinigung zu kommen. Aber wir sehen, es scheiden ja kaum Häuser aus, weil die Häuser es als Möglichkeit sehen, mehr Patienten zu behandeln. Und diesen Circulus können wir nur durchbrechen, wenn wir deutlich an den Kapazitäten schrauben und deutlich Krankenhäuser vom Markt nehmen", sagt Busse.

Bedarfsgerechter Rückbau

Zeichnung: Arzt nimmt sich Zeit für einen Patienten
Zusammenlegung von Häusern bedeutet mehr Zeit für die Patienten. | Bild: SWR

Nicht durch wirtschaftlichen Druck sollte die Krankenhauslandschaft neu geordnet werden, sondern durch einen bedarfsgerechten Rückbau, durch die kluge Zusammenlegung von Häusern. Dann bekämen weniger Patienten nur noch die Medizin, die sie wirklich brauchen. Das bedeutet mehr Zeit für Ärzte und Patienten und persönliche Zuwendung. Allerdings hört man aus der Bevölkerung auch immer wieder die Befürchtung, durch den Rückbau könne es zu Versorgungsengpässen auf dem Land kommen. Busse hält diese Angst für unbegründet: "Erstens ist es so, dass ganz viele der kleinen Krankenhäuser in den Ballungsräumen und in den Großstätten sind. Zweitens ist es so, auch auf dem Land, wo natürlich die Bevölkerung mehr auf bestimmte Krankenhäuser guckt, ist es ja häufig so, dass die gar nicht richtig ausgestattet sind." In diesen Häusern geschehe es relativ häufig, dass, Patienten weiterverlegt würden, wenn klar würde, dass etwa eine Schlaganfalleinheit gebraucht würde. Bei diesem Prozess könne der Patient Stunden verlieren. Da fiele ein zehn Minuten längerer Weg in ein zu einem größeren, besser ausgestatteten Krankenhaus kaum ins Gewicht.

Übrigens: Auch der Pflegenotstand könnte durch den Rückbau der Überkapazitäten beendet werden. Wir haben in Deutschland nämlich nicht zu wenig Pflegekräfte, sondern zu viele Patienten, die nicht in Krankenhäuser gehören.

Autor: Frank Wittig (SWR)

Buchtipp
Die weiße Mafia – wie Ärzte und Pharmaindustrie unsere Gesundheit aufs Spiel setzen
Frank Wittig
Riva, München, 2015
220 Seiten, 9,95 €

Stand: 15.09.2018 14:23 Uhr

Sendetermin

Sa, 15.09.18 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
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