SENDETERMIN Sa, 21.04.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Frauen sind anders krank – Männer auch

PlayFrau und Mann vor einem Spiegel
Frauen sind anders krank – Männer auch | Video verfügbar bis 21.04.2023 | Bild: SWR

Eines Nachts wacht Iris Starost mit Schmerzen im Rücken auf. Sie spürt ein seltsames Ziehen zwischen den Schulterblättern. Woher die Schmerzen kommen, kann sich die Berlinerin nicht erklären, dennoch entschließt sie sich, am nächsten Morgen zur Arbeit zu gehen. Zum Glück! Denn sie arbeitet in der Verwaltung der Charité. So schaut sie noch bei einer Ärztin vorbei, die schnell den Ernst der Lage erkennt. Iris Starost hatte einen Herzinfarkt: "Man ist natürlich schockiert. Ich bin 51 Jahre und da hat man nicht an Herzinfarkt gedacht. Atemnot und Druckgefühl auf der Brust, Arme tun weh – das Klassische hatte ich alles nicht", erinnert sich Starost.

Der Herzinfarkt gilt immer noch als Männerkrankheit, obwohl die Sterblichkeit von Frauen im Alter von um die 50 Jahre nach einem Infarkt deutlich höher ist. Was viele nicht wissen: Nicht der Brustkrebs, sondern Herz-Kreislauferkankungen sind die Haupttodesursache bei Frauen.

Symptome werden falsch gedeutet

Feiner Draht wird in Gefäß eingeführt
Eingriffe wie eine Herzkatheter-Untersuchung bergen für Frauen höhere Risiken. | Bild: SWR

Für Kardiologe Ulf Landmesser ist es nicht selbstverständlich, dass Iris Starost überlebt hat. Denn oft werden die Symptome bei Frauen falsch gedeutet. Übelkeit, Schmerzen im Oberbauch, starke Kurzatmigkeit oder Erschöpfungszustände können auf einen Herzinfarkt hinweisen. Das klassische Ziehen im linken Arm gehört nicht immer dazu. "Wir haben es auch erlebt, dass die Symptome als grippaler Infekt von den Frauen selber und den betreuenden Ärzten wahrgenommen worden sind", so Landmesser.

Bei der Herzkatheter-OP wird in das verengte Herzkrankgefäß ein Stent gesetzt. Eingriffe wie eine Herzkatheter-Untersuchung bergen für Frauen höhere Risiken, denn die Gefäße sind bei Frauen feiner und haben mehr Verschlängelungen. "Wir haben ein höheres Risiko, dass wir das Gefäß verletzten können. Deshalb arbeiten wir auch mit besonders schonenden Drähten“, erklärt Landmesser.

Krankheit: Mann ungleich Frau

Frau und Mann vor einem Spiegel
Die Geschlechtschromosomen beeinflussen den gesamten Organismus. | Bild: SWR

Aber nicht nur das Herz von Frau und Mann tickt anders. Es gibt weit mehr Unterschiede. Männer und Frauen haben unterschiedliche Geschlechtschromosomen. Frauen zwei XX- und Männer ein XY-Chromosom. Diese befinden sich in jeder einzelnen Zelle unseres Körpers. So beeinflussen sie unseren Hormonhaushalt. Hormone, wie zum Beispiel Östrogene oder Testosteron, haben Einfluss auf unseren Gesamten Organismus. So haben Frauen zwar einen höheren Fettanteil als Männer, aber bei Männern setzt sich das Fett eher am Bauch ab und führt damit häufiger zu Diabetes Typ 2.

Frauen hingegen haben häufiger Probleme mit den Knien. Ein Grund dafür ist die geringere Knorpelmasse. Ihr Östrogen wiederum hat eine schützende Wirkung vor Infektionen und stärkt die Immunzellen. Männer sind anfälliger für Vieren und Bakterien. Den "Männerschnupfen" scheint es also tatsächlich zu geben. Der Nachteil für Frauen: Es kommt häufiger zur Überreaktionen des Immunsystems. Deswegen sind Frauen anfälliger für Allergien, Asthma und Arthritis.

Frauen in Medikamentenforschung vernachlässigt

Ute Seeland
Ute Seeland hat häufig Patientinnen, die sie wegen falscher Medikation "entgiften" muss. | Bild: SWR

Werden für diese und andere Krankheiten Medikamente verordnet, muss der Arzt die Unterschiede von Frau und Mann beachten. Denn ein und dasselbe Medikament kann beim Mann gut funktionieren, bei der Frauen aber schwere Nebenwirkungen hervorrufen. Vor allem bei Betablockern kommt es bei Frauen häufig zu Problemen. Die weibliche Leber baut das Medikament langsamer ab, daher benötigen Frauen eine andere Dosierung als Männer. Das wird aber oft nicht berücksichtigt. Die Folge: Ein viel zu langsamer Puls und Schwindel.

Für Ute Seeland, Gendermedizinerin an der Charité, ist das Alltag. Sie hat häufig Patientinnen, die sie wegen falscher Medikation "entgiften" muss. "Solange die pharmakologischen Studien überwiegend an Männern durchgeführt werden, kann man die Geschlechterunterschiede leicht übersehen", sagt Ute Seeland. In der Arzneimittelforschung galten die Männer als Norm, da bei Frauen das Risiko einer Schwangerschaft besteht und man das Ungeborene nicht schädigen möchte. Doch dieses Problem könnte gelöst werden, schließlich gibt es Möglichkeiten Schwangerschaften auszuschließen. Es bedeutet eben nur mehr Aufwand. "Das hat sich vor der Zulassung neuerer Medikamente etwas gebessert, aber von einem 50-Prozent-Frauenanteil bei der klinischen Prüfung ist man noch weit entfernt", so Seeland.

Autorin: Sonja Legisa (SWR)

Lesetipp
Gender-Medizin
Mariacarla Gadebusch Bondio, Elpiniki Katsari
Transcript Verlag, Bielefeld 2014
210 Seiten, 29,99 Euro

Stand: 20.04.2018 10:13 Uhr