SENDETERMIN Sa., 16.02.19 | 16:00 Uhr | Das Erste

Spurensuche: So arbeiten Kriminaltechniker

Handschuhe
Handschuhe | Bild: ARD

Wenn am Sonntagabend um 20:15 Uhr in der ARD der "Tatort" läuft, dann schütteln die Kriminaltechniker vom LKA Schleswig-Holstein oft nur den Kopf. Sie würden Kommissare achtkantig rauswerfen, die ohne Schutzanzüge durch den Tatort trampeln. Echte Polizisten dürfen sich zu Beginn einer Mordermittlung nur kurz ein Bild vom Tatort machen. Sie müssen dabei auf "Pfaden" bleiben, die die Spurensicherer vorher festgelegt haben. Zu schnell könnte man Schuhabdrücke, Faserspuren oder feinste DNA zertrampeln. Deshalb bewegen sich die Ermittler dort, wo ein Täter vermutlich nicht laufen würde: Zum Beispiel am Rand eines Zimmers oder Flures. Erst wenn die Kriminaltechniker den Tatort freigeben, dürfen die Kommissare überall hin und sich einen Eindruck von dem Geschehen verschaffen.

Engerer Tatort

Die Polizei unterscheidet den engeren oder unmittelbaren Tatort und die Umgebung, den erweiterten Tatort. Beide werden von vorher eingeteilten Teams abgearbeitet.

Der engere Tatort ist zum Beispiel die Wohnung, die Tiefgarage, die Waldlichtung oder auch der Wagen, in dem die Leiche gefunden wurde. Hier gilt es Spuren vom Täter zu finden. Zudem suchen die Ermittler nach Hinweisen auf die Dynamik der Tat. Gibt es Spuren eines Kampfes? Sind, je nach Tatort, Äste abgerissen, Gegenstände umgeworfen, gibt es Blutspritzer...? Möglicherweise geschah der Mord auch woanders und der Fundort ist nur die Stelle, an der der Täter sein Opfer abgelegt hat. Doch auch dann verrät die Stelle viel über den Täter: Ist der Ort besonders geeignet, um eine Leiche loszuwerden? Dann kannte sich der Mörder offenbar gut aus. Vielleicht war die Tat sogar von langer Hand geplant? Wie groß ist das Entdeckungsrisiko? Stand der Täter massiv unter Druck oder ging er sehr überlegt vor?

Erweiterter Tatort

Der erweiterte Tatort bezieht die gesamte Umgebung mit ein. Ermitteln die Beamten in einer ruhigen Wohngegend, wo sich die Nachbarn kennen und Fremde auffallen? Würde hier jemand einen Streit oder einen Schuss hören? Gibt es viel Publikumsverkehr, Kneipen, potentielle Zeugen? Was ist mit Fluchtwegen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Überwachungskameras? Oder geschah die Tat in einem Waldgebiet? Hier bewegen sich zum Beispiel Jäger, Hundebesitzer, Radfahrer. Da kann es sinnvoll sein, an den folgenden Tagen zur mutmaßlichen Tatzeit nach Zeugen zu suchen, die regelmäßig dort unterwegs sind. Auch der erweiterte Tatort wird von der Polizei abgesucht. Denn auf den möglichen Fluchtwegen kann ein Mörder die Tatwaffe wegwerfen, Beweismittel loswerden und dabei ebenfalls Spuren hinterlassen. Am Ende sind es dann wieder die Kriminaltechniker, die all diese Spuren untersuchen müssen.

Wer zuerst?

Ermittler stehen vor einem Wohnmobil
Ein Wohnmobil in der Wagenhalle des LKA Schleswig-Holstein. | Bild: NDR

Bevor die Kriminaltechniker anfangen können, legen sie fest, welche Disziplin in welcher Reihenfolge zum Zuge kommt. Das ist wichtig, weil sich der Tatort durch die Spurensicherung verändert. In einer sogenannten Spurenkonferenz wird festgelegt, welche Untersuchungsmethoden nötig sind und wer beginnen soll.

In der Wagenhalle des LKA Schleswig-Holstein steht ein Wohnmobil. Im Inneren herrscht Unordnung, offenbar wurden die Schränke durchwühlt. Ein blutiges Küchenmesser liegt am Boden. Möglicherweise ist hier ein Verbrechen passiert. Die Kriminaltechnik soll das klären. Das LKA hat die zweitgrößte Wagenhalle Deutschlands nach dem Bundeskriminalamt. Hier können sogar Fahrzeuge von der Größe eines Baggers bequem untersucht werden. Die Halle lässt sich komplett abdunkeln. Das ist wichtig, um zum Beispiel schwache Blutspuren sichtbar zu machen, die bei normalem Licht nicht mit bloßem Auge zu erkennen sind.

Wunderwaffe DNA

Handabdruck
Jemand hat am Wohnmobil einen blutigen Handabdruck hinterlassen. Eine Chemikalie lässt die feinen Blutreste aufleuchten. | Bild: NDR

In Schutzkleidung begeben sich ein DNA-Fachmann und eine Polizei-Fotografin ins Wohnmobil. Der eine nimmt mit Wattestäbchen Abstriche von Lenkrad, Türgriffen und diversen anderen Stellen, an denen ein mutmaßlicher Täter angefasst haben könnte. Die Fotografin dokumentiert alles. Der Kopf der Wattestäbchen wird anschließend in einer Nährlösung eingelegt und die gefundene DNA mit der sogenannten PCR-Methode vervielfältigt, bis genug Material für eine Analyse vorhanden ist. Anschließend werden Verdächtige zur DNA Probe gebeten und die Straftäter-Datenbank des BKA zum Vergleich heran gezogen. Selbst wenn bruchstückhafte DNA gefunden wird, lässt sich oft noch eine Identifizierung erreichen. Mittlerweile sind über 100 Gen-Abschnitte bekannt, anhand derer man einen Menschen identifizieren könnte. Um Unbeteiligte auszuschließen müssen alle Personen, die am Tatort waren, zur Speichelprobe gebeten werden. Das schließt auch Rettungsassistenten, Polizisten und Zeugen ein.

Feine Fasern

Fasern am Boden werden eingesammelt.
Jeder Mensch hinterlässt einen individuell unterschiedlichen "Fasermix" – zum Beispiel auf Polstern. | Bild: NDR

Dann untersuchen zwei Fachfrauen für Faserspuren das Wohnmobil. Sie kleben die Sitze und die Polster der Rückbank mit durchsichtigen Klebestreifen ab. Darauf haftet alles, was ins Polster gerieselt ist. Vor allem Textilfasern, die sich von der Kleidung eines mutmaßlichen Täters gelöst haben. Das Ergebnis ist in manchen Fällen so wertvoll wie ein Fingerabdruck. Denn jeder Mensch trägt an seiner Kleidung einen individuellen Fasermix aus seinem gesamten Kleiderschrank mit sich herum. Die Flusen-Siebe von Wäschetrocknern geben einen Eindruck davon, wie viel Fasern ständig aus den Stoffen rieseln. Textilien verlieren bis zu 30 Prozen ihrer Fasern im Laufe ihres "Lebens". Dieser Fasermix findet sich dann oft auch am Tatort wieder. Hat man einen Verdächtigen, kann man diese individuelle Mischung bei ihm nachweisen, selbst wenn er die Kleidung, die er bei der Tat trug, schon entsorgt hat. Eine Probe aus seinem Kleiderschrank.

Sekundenkleber am "Goldfinger"

Ein schwach ausgeprägter Fingerabdruck wird mit Silber bedampft
Ein schwach ausgeprägter Fingerabdruck wird mit Silber bedampft um ihn auswertbar zu machen. | Bild: NDR

Die Daktyloskopie, also die Auswertung von Fingerabdrücken ist schon über 100 Jahre alt und immer noch eine wichtige Disziplin der Kriminaltechnik. Denn nicht immer tragen Täter Handschuhe. Gerade bei Mord und Totschlag entstehen Situationen oft spontan, der Täter hatte evtl. keine Handschuhe dabei oder er konnte keine tragen, weil sein Opfer sonst misstrauisch geworden wäre. Und so finden Kriminaltechniker auch heute noch Fingerabdrücke und überführen damit Verbrecher. Die Methoden, diese Abdrücke sichtbar zu machen, haben sich stark weiter entwickelt. So bedampfen Kriminaltechniker schwach ausgeprägte Fingerabdrücke mit Cyanacrylat, besser bekannt als Sekundenkleber. Dieser haftet auf den feinen, fettigen Linien, die der Abdruck der haut hinterlässt. Es entsteht ein Plastiküberzug auf der Spur, die diese konserviert. Das funktioniert auch auf rauen Oberflächen, wie Holz oder Leder. Ist der Abdruck auch dafür zu schwach, arbeiten die Techniker mit einer Goldbedampfung. Das Verfahren wurde in Schleswig-Holstein entwickelt und "Goldfinger" getauft.

Leuchtendes Blut

Messer
Ein blutiges Messer auf dem Boden unterm Tisch. Die Tatwaffe? | Bild: NDR

An der hinteren Tür des Wohnmobils finden die Techniker einen schwachen, blutigen Handabdruck. Offenbar hat jemand ihn abzuwischen. Nun wollen die Polizisten untersuchen, ob es noch weitere, unsichtbare Blutspuren gibt. Dafür wird die Wagenhalle komplett abgedunkelt. Ein Kriminaltechniker legt zusätzlich zu seinem Schutzanzug noch Atemschutz an. Denn das Gemisch, das er gleich versprühen wird, ist gesundheitsschädlich. Die Chemikalie heißt Luminol. Es reagiert mit dem Eisen im Blut und leuchtet bei Kontakt kurz auf. So können die Ermittler auch feinste Blutspuren sichtbar machen.

Das Gesamtbild verwirrt

Fingerabdruck
Fingerabdruck nach der Bedampfung. | Bild: NDR

In der Wagenhalle des LKA haben die Techniker das Wohnmobil abgearbeitet. Blut am Messer und abgewischtes Blut am Wohnmobil, Fasern auf den Sitzen, eine potentielle Tatwaffe und ein Fingerabdruck, all das haben sie gefunden und gesichert. Doch nun kommt es darauf an, mit kriminalistischem Sachverstand all diese Spuren zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Und da fällt dann doch auf, dass dieses höchst widersprüchlich ist. Warum liegt das Messer im Wohnmobil, das Blut ist aber ausschließlich draußen an der Wand? Und warum wurde es dort abgewischt, die potentielle Tatwaffe aber liegen gelassen? Die Fasern allein besagen gar nichts. Auch die Besitzer des Wohnmobils dürften reichlich Spuren hinterlassen haben. Es gibt zudem keine Leiche. Das Gesamtbild passt nicht zu einem Verbrechen und lässt nur einen Schluss zu: Dieser Tatort wurde inszeniert. In diesem Fall von den Technikern des LKA Schleswig-Holstein um uns zu zeigen, wie Kriminaltechniker wirklich arbeiten.

Autor: Björn Platz (NDR)

Stand: 14.02.2019 20:02 Uhr