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Krisenmanagement: Was lehrt uns die Coronakrise?

PlayEingang zu einem Markt
Krisenmanagement: Was lehrt uns die Coronakrise? | Video verfügbar bis 04.04.2021 | Bild: BR

Um aus der aktuellen Corona-Pandemie zu lernen, müssen wir dahin schauen, wo sie höchstwahrscheinlich entstanden ist: auf dem inzwischen weltbekannten Fischmarkt im chinesischen Wuhan. Diese sogenannten Wet Markets gibt es fast überall in Asien. Neben Fisch und Fleisch werden hier auch lebendes Geflügel, Katzen und Hunde für den Verzehr verkauft – genauso wie exotische Wildtiere: Schlangen, Affen, Fledermäuse. Doch wo Menschen, Nutztiere und Wildtiere so engen Kontakt haben, können neuartige Viren jederzeit ihren Wirt wechseln und auf den Menschen überspringen. Wie lassen sich solche Pandemien in Zukunft also verhindern? Und was kann die Weltgesellschaft aus dieser globalen Krise lernen?

Zoonosen: vom Tier zum Menschen

Fledermäuse liegen auf einem Tisch auf einem Markt.
Fledermäuse: Brutstätte für Coronaviren | Bild: BR

Als Brutstätte vieler Viren gelten Fledermäuse. Sie leben meist in großen Populationen zusammen und sind dafür bekannt, dass sie gefährliche Erreger in sich tragen – auch Corona-Viren. Der Grund: Das Immunsystem der Tiere ist besonders stark und kommt gut mit den Viren zurecht. Die Viren mutieren deshalb häufig, um sich trotz Immunabwehr der Fledermäuse zu vermehren. So entstehen permanent neue Virenarten, die bei den Tieren oft keine Symptome auslösen, beim Menschen aber lebensbedrohlich werden können.

Virologen gehen davon aus, dass das aktuelle Corona-Virus zunächst von der Fledermaus auf ein domestiziertes Säugetier als Zwischenwirt übergesprungen ist. Erst dann hat es den Menschen infiziert und sich auf der ganzen Welt verbreitet. Zoonosen nennen Wissenschaftler diese Tier-Mensch-Viren, die meist durch zufällige Mutation in den Wildtieren entstehen.

Ursprung der Pandemie besser untersuchen

Der Veterinärmediziner und Epidemiologe Dirk Pfeiffer forscht an der City University von Hongkong und macht sich Gedanken über die Zeit nach Corona: Eine wichtige Lehre wäre tatsächlich, künftig nach dem Ausbruch einer Pandemie den Ursprungsort des Virus besser zu untersuchen. "Leider hat man in diesem Markt in Wuhan die Indizien vernichtet. Ich würde nicht sagen, dass das bewusst gemacht worden ist, man hat wahrscheinlich auch sehr schnell reagieren wollen, desinfiziert und den Markt zugemacht, aber um in Zukunft zu wissen, wie man das verhindern kann, wäre es angebracht gewesen, Untersuchungen durchzuführen", so der Epidemiologe.

Der offizielle Plan ist jetzt, Wildtiere in den Märkten zu untersagen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn die Nachfrage nach Wildtieren ist vom Glauben vieler Asiaten getrieben, dass ihr Konsum Glück bringt oder Gesundheit. Nur durch Aufklärung lässt sich an dieser kulturellen Stellschraube drehen. Und die Verwertungsketten müssen untersucht werden – Wildtiermärkte und Farmen, wo die Tiere gezüchtet und vermarktet werden.

Beschleuniger einer Pandemie

Ein TIer überträgt in einer Grafik das Virus auf Menschen
Virus auf Reisen | Bild: BR

Doch Fledermäuse sind nicht die einzige Brutstätte für Zoonosen. Und es sind auch längst nicht nur manche chinesische Essgewohnheiten, die das Pandemie-Risiko steigern. Als Auslöser der sogenannten Schweinegrippe H1N1 gilt eine Neukombination verschiedener Erreger vom Schwein.

In Asien kommt hinzu, dass sich in den Mega-Städten permanent riesige Menschenmassen bewegen – und mit ihnen gefährliche Pandemie-Viren. "Die Geschwindigkeit, mit der sich so ein Virus verbreitet, hängt auch davon ab, wie effizient das Transportsystem ist. Die hohe Populationsdichte in China, die wahnsinnig effizienten Zugverbindungen und Flugverbindungen sind für die Verbreitung eines Virus perfekt. Es kann sich rasend schnell verbreiten, das heißt, man wird wahrscheinlich immer zu langsam sein", schätzt der Epidemiologe Pfeiffer.

Die "Post-Corona-Gesellschaft"

Menschen in einer fast leeren Flughafenhalle
Zukunftsszenario: entschleunigte Gesellschaft | Bild: BR

Was muss sich jetzt ändern, damit die Weltgesellschaft nicht wieder in eine solche Krise gerät? Und welche Lektionen kann jeder einzelne von uns aus der Corona-Pandemie lernen? Tatsächlich würde eine Reduzierung der globalisierten Reiseströme die Verbreitung eines Pandemie-Virus bremsen. Weniger Dienstreisen mit dem Flugzeug, dafür mehr Video-Konferenzen. Weniger private Urlaubsflüge und Weltreisen. Der Soziologe Andreas Göbel von der Uni Würzburg beobachtet die Corona-Krise derzeit aus seinem Homeoffice und macht sich Gedanken über die Umwälzungen, die diese Pandemie mit sich bringen könnte. Er glaubt, dass die Corona-Krise einen Wendepunkt und gesellschaftlichen Neuanfang markiert. "Es ist ohne Frage ein außerordentliches Ereignis, das sich gleichsam schon im Moment seines Vollzugs als epochales Ereignis qualifiziert und symbolisiert, das glaube ich durchaus. Ob sich kategorial nach diesem Ereignis etwas ändern wird, da bin ich aber noch nicht sehr sicher“, so der Soziologe.

Manche Zukunftsforscher dagegen skizzieren bereits jetzt das Bild einer entschleunigten, solidarischen Gesellschaft, die sich nach der Corona-Krise zum Positiven verändert: mehr Zeit für Freunde und Familie. Flexibles Arbeiten im Homeoffice. Die Lokale Produktion boomt. Der Verzicht auf Beschleunigung und Wachstum wirkt positiv auf den Klimawandel und sorgt für eine Erholung der Natur.

Auch ein Umbau der weltweiten Warenströme mit dem permanenten Austausch von Gütern, Tieren, Menschen und damit Viren könnte helfen. Andreas Göbel hält solche Szenarien für unrealistisch: „Ganz nüchtern betrachtet, wird sich an den Dimensionen des globalen Wirtschaftens nicht sehr viel ändern. Ich glaube, dass sich dieses Niveau weiter fortsetzen wird, alles andere wäre wirtschaftspolitisch entweder naiv oder fatal.“ Was laut Andreas Göbel aber zunächst bleiben könnte, ist eine diffuse Angst vor menschlicher Interaktion, da wir gerade neue Verhaltensformen einüben, voneinander Abstand zu nehmen.

Lektionen für die Zukunft

Und welche Lehren werden dort gezogen, wo die Pandemie entstanden ist? Der offizielle Plan ist jetzt, Wildtiere auf den Märkten in Asien zu verbieten. Zum Schutz der Arten und um das Pandemie-Risiko zu senken. Aber lässt sich das kontrollieren? "Man kann das nicht von heute auf morgen abschaffen. In dem Moment, wo Sie die Wet Märkte verbieten, kann man die Produkte übers Internet kaufen, da wissen wir gar nicht mehr, wo das stattfindet", meint Veterinärmediziner Dirk Pfeiffer, allerdings würde so die Vermischung von Mensch und Tier auf engem Raum wegfallen. Er fordert jetzt, dass die Institutionen lernen, global besser zusammenzuarbeiten und mehr Geld für die Grundlagenforschung zur Verfügung gestellt wird, um die Prinzipien und Zusammenhänge von Zoonosen besser zu verstehen. Denn die nächste Pandemie könnte das Potenzial haben für eine noch größere Katastrophe. Umso wichtiger ist es deshalb, dass wir erkennen: Wissenschaft und Forschung sind auch systemrelevant.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 05.04.2020 12:58 Uhr

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