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Kunst aus Kunststoff bald verloren?

Kopf der Gläsernen Figur
Die Gläsernen Figuren drohen zu zerfallen. | Bild: NDR

Plexiglas bricht, Schaumgummi bröselt, Polyurethan zerfließt – in Museen zerfallen jeden Tag Ausstellungsstücke der Moderne unter den Augen der Restauratoren. Denn die Kunststoffe, aus denen sie hergestellt wurden, altern schneller als Holz, Stein oder Metall. Außerdem fehlen geeignete Techniken, um beschädigte Kunstwerke wieder zu restaurieren. Wurden die chemischen Reaktionen einmal angestoßen, die dazu führen, dass sich ein Kunststoff wieder in seine Bestandteile auflöst, ist der Verfall oft nicht mehr aufzuhalten. Am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden suchen Forscher verschiedener Fachrichtungen daher nach Methoden, die den Verfall von Kunstwerken aus Kunststoff wenigstens bremsen.

Gläserne Menschen – aus Kunststoff

1930 wurde der erste Gläserne Mann präsentiert: Lebensgroß und vollständig transparent, mit freiem Blick ins Körperinnere. Auf Organe, die zum besseren Verständnis beleuchtet werden konnten. Die Figur war damals Kunstwerk und medizinisches Anschauungsobjekt zugleich und eine echte Sensation: Ingenieurskunst im Idealkörper. Im Nationalsozialismus wurde der Gläserne Mensch genutzt, um das Ideal vom starken und gesunden Körper zu propagieren. In der DDR gingen die Figuren dann sogar in Serie: Sie waren ein beliebtes Gastgeschenk bei Staatsbesuchen und wurden weltweit auf Ausstellungen gezeigt. Ein halbes Jahrhundert waren sie echte Publikumsmagnete.

Die Spuren des Alters

Doch die Stars von einst altern nicht mit der gleichen Würde, wie eine griechische Statue. Der Gläserne Mann von 1935 ist heute fast undurchsichtig. Seine Kunststoffhaut ist gelb verfärbt, gerissen und verzogen. Die Gläserne Frau von 1936 sieht nur wenig besser aus. Zahlreiche Rippenbrüche zeigen, dass ihre Kunststoffhaut schrumpft und auf die inneren Organe drückt. Am Rücken tritt Weichmacher aus und läuft als zähe Schmiere an der Außenhaut entlang. Wenn der Verfall in diesem Tempo fortschreitet, könnten sie sich bald bis zur Unkenntlichkeit verändern.

Natürlich könnte man den Figuren einfach eine neue Haut aus Kunststoff fertigen, aber das wäre ein gewaltiger Eingriff. Schließlich sind die Figuren auch Zeitdokumente, die möglichst unverändert bleiben sollen. Aber Zeitdokumente sind sie eben auch nur, wenn sie auf Dauer erhalten werden können. "Wir können den Verfall nicht vollständig aufhalten. Aber wir wollen ihn bremsen", erklärt Julia Radtke, die das Forschungsprojekt "Gläserne Figuren" leitet.

Neues Material – Neue Möglichkeiten für Künstler

Kopf der Gläsernen Figur
Der älteste erhaltene Mann von 1935 ist heute fast undurchsichtig. | Bild: NDR

"Im Museum bemühen wir uns, kulturhistorisch wertvolle Stoffe zu sammeln und zu bewahren. Aber Kunststoff bereitet uns dabei enorme Probleme. Im Gegensatz zu bekannten Werkstoffen, wie beispielsweise Holz, sind die Alterungsprozesse beim Kunststoff bei uns noch nicht bekannt. Das ist Neuland, auch für die Museen", erklärt Julia Radtke.

Die Gläsernen Figuren bestehen alle aus Celluloseacetat. Trotzdem altert jede ein wenig anders. "Bei Kunststoffen kann sich die genaue Zusammensetzung innerhalb eines Monats mehrfach ändern, auch wenn das Material immer vom gleichen Produzenten kommt", erklärt Restauratorin Maria Lörzel von der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Als die Produktion in den 1930er-Jahren begann, dachte niemand darüber nach, wie lange die Figuren halten würden. Man freute sich einfach über die neuen Möglichkeiten, die der formbare und transparente Kunststoff bot.

Insgesamt 130 Gläserne Figuren wurden im Deutschen Hygiene Museum in Dresden von Künstlern und Medizinern gebaut. Die letzte noch im Jahr 2000. Aber nur wenige sind erhalten geblieben. Das Museum besitzt fünf und sucht auf der ganzen Welt nach weiteren. Aber in der Werkstatt des Deutschen Hygiene-Museums lagern noch Produktionsreste. Ein seltener Glücksfall für die Wissenschaftler, die dadurch für ihre Untersuchungen auf größere Materialmengen zurückgreifen können, ohne die eigentlichen Kunstwerke anzutasten.

Anti-Aging für die Kunststoff-Haut

An der Hochschule für Bildende Künste in Dresden untersucht Chemiker Benjamin Kemper das Celluloseacetat. Im Labor riecht es wie Fensterreiniger – nach Essigsäure. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Celluloseacetat wieder in seine Bestandteile zerfällt. "Die Essigsäure hat man vorher an die Cellulose gebunden und jetzt passiert genau das Umgekehrte: Die Essigsäure wird wieder freigesetzt", erklärt Kemper. Fehlt die Essigsäure, werden auch die Weichmacher im Kunststoff nicht mehr festgehalten. Sie laufen aus. Feine Tropfen und Schlieren bedecken die Oberfläche der Kunststoff-Platten. Ist der Weichmacher raus, wird der Kunststoff spröde und brüchig. Bisher gibt es keine Methode, verlorene Weichmacher wieder zurückzubringen. Eine Verjüngungskur für gealterte Kunststoff-Haut wird es wohl so bald nicht geben. Kempers Ziel: "Der langsamste Reaktionsablauf, damit die Figuren möglichst lange erhalten bleiben. Wie beim Menschen, ich mache sozusagen die Anti-Aging-Creme."

Individuelle Restaurierungskonzepte

Wissenschaftlerin untersucht eine Gläserne Figur.
Wissenschaftler untersuchen die Gläsernen Figuren. | Bild: NDR

Kempers Versuche im Klimaschrank zeigen: Hohe Temperatur beschleunigt die Hautalterung. Dann entweichen Essigsäure und Weichmacher besonders rasch. Auch hohe Luftfeuchtigkeit könnte eine Rolle spielen. Das Celluloseacetat schrumpft und färbt sich dunkel. Anti-Aging für die Gläsernen Figuren könnte also bedeuten: geringe Luftfeuchtigkeit und geringe Temperatur. Da jede der fünf Figuren aus etwas anderem Material besteht, wird es am Ende fünf individuelle Restaurierungskonzepte geben. Aber auch dann lässt sich der Verfall nur verlangsamen, nicht ganz stoppen. "Wenn es 100 Jahre hält, sind wir eigentlich schon sehr froh", erklärt Restauratorin Maria Lörzel, "das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man sich mit der Modernen beschäftigt. Dass man Materialien hat, die viel schneller zerfallen als traditionelle Materialien. Gleichzeitig hat man das Gefühl, dass man das Feld noch voranbringen kann, weil eben Kunststoff noch nicht so gut erforscht ist."

Autorin: Christine Seidemann (NDR)

Stand: 27.08.2019 22:01 Uhr

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