SENDETERMIN Sa., 11.04.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Selbstexperiment: Barfußwanderung

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Selbstexperiment: Barfußwanderung | Video verfügbar bis 09.04.2020 | Bild: SWR
Eine Gruppe Barfußwanderer steht im Halbkreis.
Barfuß wandern kann (fast) jeder.  | Bild: HR

Schuhe gehören zu unserem Alltag. So sehr, dass wir uns nur noch in Ausnahmefällen ohne Schuhe fortbewegen. Und das kann zu Problemen führen. Immer mehr Ärzte - vor allem Orthopäden - raten dazu, die Schuhe häufiger auszuziehen und barfuß zu gehen. Denn das soll gesundheitliche Vorteile bringen. Immer mehr Menschen scheinen das zu beherzigen. Mittlerweile gibt es sogar Barfuß-Wandergruppen. Und an solch einer Barfußwanderung habe ich teilgenommen.  

Angeführt vom Profi

Fünf Stunden soll die Wanderung dauern. Ehrlich gesagt: Davor habe ich einen ganz schönen Respekt. Denn normalerweise laufe ich gerade mal in meiner Wohnung barfuß. Geleitet wird die Wanderung von Burkhard Reinberg. Er ist leidenschaftliche Barfußläufer und schon seit über zwanzig Jahren überwiegend ohne Schuhe unterwegs. Wanderungen wie diese bietet er das ganze Jahr über an. 

Nur wenige Einschränkungen beim Barfuß-Gehen

Nackte Füße eines Menschen.
Bergauf kann man den Mittelfußgang trainieren.  | Bild: HR

Barfußlaufen, sagt Reinberg, kann prinzipiell jeder. Aber es gibt Einschränkungen: Diabetiker zum Beispiel haben oft ein gestörtes Schmerzempfinden und bemerken Verletzungen nicht sofort. Für sie ist Barfußwandern deshalb weniger geeignet. Wer gegen Insektengift allergisch ist, sollte ebenfalls nicht barfuß in der freien Natur unterwegs sein. Und auch wer ohnehin schon Probleme mit den Füßen hat, sollte sich auf jeden Fall vorher medizinischen Rat holen. Generell gilt: Jeder Barfußläufer sollte eine Tetanus-Impfung haben. Denn schon kleine Verletzungen können zum lebensgefährlichen Wundstarrkrampf  führen.  

Gehen neu lernen

Die ersten Meter fühlen sich ungewohnt und kalt an. Kleine Steinchen liegen auf dem Boden. So wie ich, sind die meisten in meiner Gruppe noch nie barfuß gewandert. Richtiges Barfußgehen muss man tatsächlich erst lernen. Während wir alle etwas unbeholfen und verspannt die ersten Meter in Richtung Wald tapsen, sieht das bei Burkhard Reinberg ganz anders aus. Er geht geschmeidig und elegant. Dann erscheint ein idyllischer Waldweg. "Gleich wird es wesentlich angenehmer", verspricht  unser Wanderführer. 

Erste Erfahrungen mit dem Mittelfußgang

"Wenn ihr jetzt hier gleich den Berg hoch geht, achtet darauf, dass ihr nicht über die Ferse tretet, so wie ihr das alle gewohnt seid, wenn ihr Schuhe tragt." Stattdessen sollen wir mit dem vorderen Fußbereich zuerst auftreten. Diese Technik nennt man Mittelfußgang. In ansteigendem Gelände, sagt  Burkhard Reinberg, fällt einem das leichter. Zum ersten Mal höre ich heute von dieser Technik. Burkhard nennt sie auch Fox-Walk (Fuchsgang). Wer auf diese Art barfuß gehe, sagt er, schone nicht nur die Fußgelenke, sondern auch Knie und Wirbelsäule. Bald nach dem Aufstieg erreichen wir angenehm weichen Waldboden. Mit Schuhen hätte ich von dem wunderbaren Untergrund gar nichts mitbekommen… 

Die Angst läuft mit

Gehbild eines Fußes.
Füße können in Schuhen regelrecht verkümmern. | Bild: HR

Mir fällt auf: So ganz ohne Schuhe muss ich mich auf jeden meiner Schritte stark konzentrieren. Ich schaue eigentlich permanent auf den Boden, aus Angst in irgendetwas Spitzes oder Scharfes zu treten. Den anderen Teilnehmern geht es nicht anders.  "Vertraut einfach mal den Tastwahrnehmungen eurer Füße und versucht den Kopf oben zu behalten", empfiehlt uns Burkhard. "Ihr werdet staunen, wie gut eure Füße den Boden wahrnehmen können, auch ohne dass ihr permanent auf eure Füße starrt." Leichter gesagt als getan!

Und würde diese Herausforderung noch nicht reichen, kommt auch schon die nächste. Denn plötzlich hält Burkhard an. "So, wir verlassen für ein kleines Stück mal den eigentlichen Weg und gehen querfeldein." Es sind ein paar Hundert Meter, die wir bewältigen müssen. Am Anfang geht es über kleine, umgestürzte Baumstämme. Äste liegen auf dem Boden und es ist uneben. Schwieriges Gelände! Wir tasten uns Stück für Stück voran. Neben nadligem Untergrund gibt es aber auch immer wieder kleine Moosflächen. Das fühlt sich ganz wunderbar weich an.

Scheitern am Schotterweg

Kurz nach unserem Querfeldein-Abenteuer kommen wir auf einen befestigten Schotterweg. Auch wenn glücklicherweise nicht frisch geschottert wurde, finden sich immer noch viel zu viele pieksende Steinchen auf diesem Weg. Etwa 400 Meter müssen wir auf diesem ungemütlichen Terrain zurücklegen. Während Burkhard elegant über den Weg schreitet, tasten wir anderen uns etwas ungelenk über die Schotterpiste. Burkhard hatte uns zwar noch den Tipp gegeben, wir sollten beim Gehen an einen warmen und weichen Sandstrand denken. Aber ich finde, dieser Streckenabschnitt tut einfach nur weh. Kann so etwas wirklich gut sein? 

Barfußgehen stärkt nicht nur die Fußmuskeln

Nackter Fuß neben drei Fuß-Modellen.
Barfußlaufen hat positive Effekte für den gesamten Bewegungsapparat. | Bild: HR

Gemeinsam mit Burkhard Reinberg besuche ich den Orthopäden Dr. Thomas Schneider. Er soll beurteilen, ob und wie sich Burkhards und meine Füße unterscheiden. Meine sind schuhverwöhnt, während Burkhard seit 20 Jahren überwiegend barfuß geht. Was bedeutet das für die Knochen und vor allem für die Muskulatur im Fuß?

Die, so der Experte, könne in Schuhen regelrecht verkümmern. Barfußlaufen habe deshalb positive Effekte für den gesamten Bewegungsapparat, erklärt Thomas Schneider: "Jeder einzelne Schritt, den wir barfuß machen, hat eine viel stärkere Aktvierung nicht nur der Fußmuskeln, sondern der gesamten Muskeln am Bein zur Folge. Und zwar bis in die Wirbelsäule hinein." Das Barfußgehen könne sogar Blockaden der Wirbelgelenke beseitigen.

Dr. Schneider lässt uns über eine Sensorplatte gehen. Burkhards und meine Fußmuskeln sind unterschiedlich trainiert. Belasten wir unsere Füße deshalb auch anders? Ich, die so gut wie nie barfuß läuft - und Burkhard, der viel barfuß läuft? Tatsächlich gibt es Unterschiede: Mein Ergebnis ist völlig typisch für einen Schuhläufer, erklärt mir Dr. Schneider am Computerbildschirm, auf dem durch verschiedene Farben dargestellt wird, wo ich meine Füße beim Gehen am stärksten aufsetze. Man erkennt deutlich, dass mein Fuß von hinten bis vorne gleichmäßig abrollt. "So wie es klassischerweise für einen Schuhläufer der Fall ist", sagt Schneider. 

Was in Schuhen die Sohle dämpft, kann barfuß zum Problem werden

Doch ohne dämpfende Schuhe schlage ich hart mit der Ferse auf. Burkhard hingegen landet sanft mit dem vorderen Fußteil auf dem Boden. Und schont damit seinen ganzen Körper. "Die Auswirkungen eines solchen dämpfenden Ganges für Knie und Hüfte sind sicher positiver zu bewerten als bei einem Gang, bei dem man stark auf der Ferse landet", erläutert der Orthopäde. Auch in Schuhen hätte der Mittelfußgang einen positiven Effekt. Alltagstauglich ist er jedoch nicht unbedingt. Ich stelle mir vor, dass es doch ziemlich albern aussähe, wenn ich mich wie ein Storch im Salat durch die Fußgängerzone fortbewegen würde. In diesem Punkt gibt mir der Orthopäde recht. Er empfiehlt mir, meine Füße so oft wie möglich von Schuhen zu befreien.

Flip-Flops für den Notfall

Zurück auf der Schotterpiste: Ich lasse mich etwas von der Wandergruppe zurückfallen, um heimlich meine Flip-Flops anzuziehen. Die gehören beim Barfußwandern nämlich auch in den Rucksack. Für solche Fälle wie jetzt: Mir tun die spitzen Steine einfach zu sehr weh. Zum Glück ist der Schotterweg nach 50 Metern endlich zu Ende. 

Der Rest der Strecke besteht aus weichem, ab und an auch matschigem Waldboden. Auf solch einem Untergrund geht es prima voran. Als letzte Hürde wartet noch eine Bachdurchquerung auf uns. Das Wasser ist ziemlich kalt, aber es tut meinen Füßen richtig gut. Und dann, nach fünf Stunden über Stock und Stein, sind wir endlich am Ziel.

Ich bin stolz auf mich, aber auch ein bisschen müde und kaputt. Aber vor allem bin ich gespannt, ob ich morgen einen Muskelkater haben werde. Denn meine untrainierte Fußmuskulatur, das spüre ich ganz deutlich, muss langsam wieder aufgebaut werden. Trotz kleiner Torturen: Ich werde jederzeit wieder barfuß wandern, wenn auch nicht immer solch eine lange Strecke. 

Autoren: Nina Schmidt, Wolfgang Zündel (HR)

Stand: 11.04.2015 17:14 Uhr