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Unsterblich – Eine Leiche für die Wissenschaft

PlayAufnahme des menschlichen Körpers
Unsterblich – Eine Leiche für die Wissenschaft | Video verfügbar bis 15.06.2024 | Bild: NDR

Weil er einen Rentner erschossen hatte, wurde Joseph Jernigan von einem texanischen Gericht zum Tod durch die Giftspritze verurteilt. Am 5. August 1993 wurde er hingerichtet. Doch sein Körper lebt weiter – in dem Anatomieprojekt "Visible Human". Jede Faser von Jernigans Körper wurde digitalisiert und steht Wissenschaftlern auch heute für Forschungszwecke zur Verfügung. Das eröffnet die Möglichkeit, fantastische Einblicke in den menschlichen Körper zu gewinnen – wirft aber auch Fragen auf.

Der perfekte Tote

Vor mehr als 30 Jahren fasste die größte medizinische Bibliothek der Welt, die amerikanische National Library of Medicine, einen ehrgeizigen Plan: den menschlichen Körper so detailgetreu abzubilden wie nur irgend möglich. Gelingen sollte das mithilfe einer geeigneten Leiche: äußerlich und innerlich unversehrt, nicht zu schwer und maximal 1,80 m groß, um in die Maschinen zu passen. Denn um den gesamten Körper zu digitalisieren, sollte die Leiche nicht nur von außen gescannt, sondern auch eingefroren und dann in feine Scheiben geschnitten werden.

Der Körper von Joseph Jernigan, der zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung im Gefängnis von Huntsville 38 Jahre alt war, schien ideal. Die Wissenschaftler holten den Leichnam nach Dallas und begannen schon 15 Stunden nach Jernigans Tod mit den ersten Aufnahmen. Die Scans und Fotos, die von Jernigans Innenleben angefertigt wurden, zeigen jedes Detail seiner Anatomie.

Nur zwei Jahre nach Jernigans Tod arbeiteten bereits Wissenschaftler in 25 Ländern mit den Abbildern seines Körpers, um neue Untersuchungsverfahren zu entwickeln oder junge Ärzte zu schulen. Am Computer können sie sich Schicht für Schicht durch den menschlichen Körper klicken und die Anatomie studieren. Die detaillierten Aufnahmen des echten Körpers konnten dazu beitragen, Fehler in Anatomiebüchern aufzuspüren. Obwohl die Aufnahmen vor mehr als 26 Jahren gemacht wurden, können sie Wissenschaftlern immer wieder zu neuen Erkenntnissen verhelfen. Forscher der Universität Jena wollen nun mit ihrer Hilfe Bewegung besser verstehen.

Der "Visible Human" in Bewegung

Aufnahme des menschlichen Körpers
Jedes Organ und jeder Knochen sind sichtbar. | Bild: NDR

Der Evolutionsbiologe Prof. Martin Fischer und ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern wollen verstehen, wie Knochen und Muskeln den Körper in Bewegung bringen. Mithilfe neuester Röntgentechnik haben sie bereits viele Tiere beim Laufen aufgenommen – vom Chamäleon bis zum Hund. Auch der Mensch wäre ein interessanter Kandidat, denn schließlich ist er das einzige Säugetier, das dauerhaft aufrecht auf zwei Beinen geht. Doch um zu verstehen, wie der Mensch seine Rolle als Sonderling meistert, kann die Jenaer Bewegtbild-Röntgentechnik nicht eingesetzt werden. Die Strahlendosis müsste gefährlich hoch sein, um einen so großen Körper in Bewegung abzubilden. "Wir müssen einen anderen Weg finden, um Menschen in der Fortbewegung immer besser zu verstehen", erklärt Fischer.

Ziel der Jenaer Forscher ist es deshalb, ihre Erkenntnisse über den Aufbau von Knochen und Muskeln und über Bewegungsabläufe auf den "Visible Human" zu übertragen und so ein Modell zu schaffen, dass nicht nur die Knochen und Muskeln selbst, sondern auch ihre Aktivität in der Bewegung anatomisch korrekt darstellt. Ein solches Modell könnte zum Beispiel Medizinstudenten dabei helfen, das Muskelspiel im Rücken besser zu verstehen und

Der Mensch im Modell

Amir Andikfar und Jonas Lauströer
Amir Andikfar und Jonas Lauströer bringen dem Modell das Laufen bei. | Bild: NDR

Um dem "Visible Human" das Laufen beizubringen, haben die Jenaer Forscher zwei Illustratoren ins Boot geholt: Jonas Lauströer und Amir Andikfar von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Aufgabe der beiden ist es nicht, den Menschen so zu animieren, dass es hübsch aussieht, sondern die Wirklichkeit möglichst genau abzubilden. Dabei müssen Wissenschaftler und Illustratoren eng zusammenarbeiten, erklärt Amir Andikfar: "Für Wissenschaftler sind viele Dinge selbstverständlich. Aber uns als Illustratoren müssen sie alles ganz genau erklären. Dadurch sind die Wissenschaftler gezwungen, vieles noch einmal zu hinterfragen, und manchmal wird dadurch klar: 'Hier wissen wir etwas noch gar nicht ganz genau.' Wir sind da auch eine Art Prüfinstanz."

Um möglichst genaue Daten über die Bewegungsabläufe beim laufenden Menschen zu erhalten, wurden an der Uni Jena zahlreiche Läufer aufs Band geschickt: Elektroden zeichneten die Muskelbewegung bei jedem Schritt auf. Rund um die Wirbelsäule ziehen sich die Muskeln rhythmisch zusammen und schützen sie vor dem Stoß beim Auftreten. Diese Bewegungsdaten der Läufer übertragen die Illustratoren nun auf den Körper des Visible Human. "Im Grunde bauen wir einen Frankenstein zusammen", erklärt Jonas Lauströer, "wir versuchen, das sichtbar zu machen, was man sonst nicht darstellen kann."

Dass die Grundlage für ihre Animation ein echter Mensch mit einer eigenen Geschichte ist, haben die beiden nicht vergessen. "Man muss aufpassen, dass man da nicht abbrüht", sagt Jonas Lauströer. Sie haben sich entschieden, ihrem Modell nicht das Gesicht von Joseph Jernigan zu geben. "Wir haben bewusst eine Silhouette für unser Modell gewählt,“ erklärt Amir Andikfar, „damit wir uns auf den Inhalt konzentrieren können."

Autorin: Christine Seidemann (NDR)

Stand: 15.06.2019 16:58 Uhr

Sendetermin

Sa., 15.06.19 | 16:00 Uhr
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Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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