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Leuchtende Landschaften: Straßenbeleuchtung ohne Strom

Lichter
Licht, das nicht nur nützlich ist, sondern auch schön. Das ist das Ziel von Daan Roosegaarde. | Bild: NDR

Jedes Jahr erscheinen neue Automodelle. Sehr viel Geld, Zeit und Energie werden darauf verwendet, sie immer komfortabler, funktionaler und vor allem schöner zu machen. Unsere Straßen hingegen sehen immer noch aus wie vor 50 Jahren. "Seltsam," findet das der niederländische Künstler Daan Roosegaarde, "schließlich sind es die Verkehrswege, die mehr und mehr unsere Landschaften prägen. Und sie sind doch auch das, was wir an die nächste Generation weitergeben." Da könnte man sich schon etwas mehr Mühe geben.

Neue Straßen – in neuem Licht

Daan Roosegaarde ist kein Ingenieur, sondern Künstler. Aber einer, dessen Kunst technische Entwicklungen mit voran treibt. In seinem Atelier in Rotterdam arbeiten Künstler und Ingenieure zusammen, unter anderem an einem Projekt der niederländischen Regierung, die ein ehrgeiziges Ziel verfolgt: Bis 2030 sollen alle Autobahnen und großen Straßen des Landes energieneutral sein, also die Energie, die sie zum Beispiel für die Beleuchtung brauchen, selbst herstellen. Daan Roosegaarde ist ein Pionier auf diesem Gebiet und treibt die Idee gleich weiter: Er entwickelt eine Straßenbeleuchtung, die leuchtet, ganz ohne dass Elektrizität dafür gebraucht wird.

Der Afsluitdijk – "Heiligtum" im Dunkel

Afsluitdijk aus der Vogelperspektive
Fast 10.000 Fahrzeuge überqueren den Afsluitdijk jeden Tag. | Bild: NDR

Erhellen soll sie den Afsluitdijk, den Abschlussdeich, der die Nordsee vom Ijsselmeer trennt. Seit 1932 sorgt er dafür, dass der Norden der Niederlande nicht untergeht. Er ist in die Jahre gekommen und muss saniert werden. Die Gelegenheit, hier etwas Besonderes zu schaffen – für Roosegaarde ebenso Herausforderung wie Chance. 32 Kilometer schnurgrade Autobahn verlaufen auf dem Afsluitdejk. Weit draußen auf dem Wasser gibt es keinen Strom, bisher also auch keine Straßenbeleuchtung. Nachts ist es auf freier Strecke stockfinster. Nur im Bereich der Stevinsluizen und Lorentzsluizen zu Beginn und Ende der Fahrt gibt es einige orangefarbene Straßenlaternen, die mithilfe eines Dieselgenerators betrieben werden.

Leuchten ohne Strom?

Die Lorentzsluizen bei Nacht
Die Lorentzsluizen bei Nacht. | Bild: NDR

Bei Ebbe werden die Hubtore der Stevinsluizen und der Lorentzsluizen geöffnet und bei Flut wieder geschlossen. Seit fast 90 Jahren tun die schweren Tore ihre Arbeit, dabei werden sie von mächtigen Säulen gehalten. Deren Beton ist angegriffen, vielfach überstrichen und voller Algen. Im trüben Licht der orangefarbenen Leuchten wirken die mächtigen Klötze gespenstisch. Doch wenn der Plan von Roosegaarde und seinem Team aufgeht, dann werden sie Ende 2017 viel prachtvoller aussehen: bei Nacht sollen die bröckeligen Betonkonstrukte von einst dann als hell glitzernde Eintrittsportale erstrahlen. So spektakulär soll das Lichtkonzept werden, dass es dazu beiträgt, den Deich weltbekannt zu machen. Und das, obwohl hier außer Wasser auch in Zukunft nichts fließt: Elektrizität wird es auf dem Deich nicht geben, selbst die "Diesellampen" werden bald abgebaut. Die Beleuchtung der "Sluizen" darf also keinen Strom benötigen. Aufwändige Technik hätte wegen des oft schweren Wetters draußen im Meer ohnehin keine hohe Lebensdauer und müsste zu oft gewartet werden.

Retroreflektives Licht

Auto im Dunkeln mit Scheinwerferlicht
Retroreflektiv: Der Effekt ist nur für die Fahrenden zu sehen. | Bild: NDR

Roosegaarde und sein Team aus Ingenieuren mussten sich etwas Neues einfallen lassen und haben eine spezielle Farbe entwickelt. Damit gestrichen, sollen die Betonklötze im Scheinwerferlicht der Autos aufleuchten. Winzig kleine Perlen in der Farbe brechen das Licht. "Wenn die Anordnung der Perlen stimmt, die Geometrie perfekt ist", sagt Roosegaarde, "dann sehen wir die Reflektion, die wir erzielen wollen." Und die wäre dann retroreflektiv, bedeutet: das Licht wird in einem sehr engen Winkel zurückgeworfen. Sichtbar ist die Reflektion deshalb nur für die Fahrenden im Auto, die sich genau im Einfallswinkel des Lichts befinden. Der Gegenverkehr hingegen wird nicht geblendet. Und: Anders als bei regulärer Straßenbeleuchtung gibt es keinen "Verlust der Nacht", also keine Lichtverschmutzung, die Tieren und Menschen langfristig schaden könnte.

"Klingt einfach – ist es aber nicht", sagt Roosegaarde, das reflektierte Licht muss hell genug sein, darf aber auch nicht blenden. Gleichzeitig muss die Farbe sehr beständig sein, um den heftigen Wetterbedingungen auf dem Deich standhalten zu können. "Niemand hat das je in so großem Rahmen versucht," sagt Roosegaarde, "wenn es schon einer hingekriegt hätte, hätten wir ihn bereits eingestellt." Auch abseits der Schleusen und Siele soll der Deich künftig leuchten. Die Leitplanken bekommen einen retroreflektiven Überzug, nachts sollen künftig zwei leuchtende Linien die Autos über den Deich leiten.

Besonders beleuchteter Fahrradweg in Nuenen

Beleuchteter Fahrradweg
Van Goghs "Sternennacht" als Fahrradweg. | Bild: Studio Roosegaarde

Daan Roosegaarde hat schon einmal einen Verkehrsweg durch spektakuläres Licht weltbekannt gemacht: Einen Fahrradweg in Nuenen. Auf Wunsch des Bürgermeisters schuf Roosegaarde dort 2014 den Van Gogh Bicycle Path – einen Fahrradweg aus tausenden kleinen Steinen. Die laden sich tagsüber in der Sonne auf und leuchten nachts – das Ganze zu einem Muster verschlungen, das an das Van Gogh-Gemälde "Sternennacht" erinnert.

Autorin: Christine Seidemann (NDR)

Kontakt
Studio Roosegaarde
Vierhavensstraat 52-54
3029 BG Rotterdam
Niederlande
E-Mail: mail@studioroosegaarde.net

Stand: 13.07.2019 18:10 Uhr