SENDETERMIN Sa, 30.05.15 | 16:00 Uhr

Garzweiler aus dem All

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Garzweiler aus dem All | Video verfügbar bis 28.05.2020 | Bild: SWR
Satellitenbild einer Ackerfläche mit verschiedenfarbigen Salztümpeln in Beaumont, Australien
Manche der Bilder wirken auf den ersten Blick wie abstrakte Gemälde. | Bild: eoVision/DigitalGlobe

Spektakuläre Satellitenbilder zeigen uns, wie sehr der Mensch seinen Lebensraum formt und verändert. Der Fußabdruck, den wir hinterlassen wird somit sichtbar.

Auf den ersten Blick wirken die Aufnahmen wie abstrakte Gemälde. Erst beim genauen Hinsehen erkennt man, dass die Fotos Landschaften, Städte und Industrieanlagen zeigen. Aufgenommen wurden sie aus rund 600 Kilometern Höhe – von Satelliten, die unsere Erde umkreisen und mit ihren hochauflösenden Kameras gestochen scharfe Bilder liefern. Bilder, die durch ihre Schönheit faszinieren und doch mehr sind als nur ästhetische Naturaufnahmen.

Seit Jahrtausenden formt der Mensch seinen Lebensraum. Die Satellitenaufnahmen dokumentieren nun erstmals wie schnell und tiefgreifen dieser Wandel ist. Aus der Vogelperspektive werden Zusammenhänge auf einen Blick klar. Wie groß etwa die Waldflächen sind, die jedes Jahr in Südamerika gerodet werden. Oder wie ganze Küstenabschnitte in Bangladesch durch das Abwracken von Schiffen auf Jahrzehnte hinweg zerstört werden.

Die Bilder zeigen diese erschreckenden Zusammenhänge auf eine seltsam ästhetische Art und Weise. Ohne erhobenen Zeigefinger wirken die Bilder so auf den Betrachter und erzeugen ein Gefühl für die fragile Schönheit unseres Planeten.

Kunstvolle Aufnahmen als Nebenprodukt

Drei Männer mit großformatigen Satellitenbildern in einem Park
Die drei Firmengründer von eoVision mit ihren Bildern. | Bild: WDR

Hinter den ästhetischen Satellitenbildern stecken drei Männer mit ganz unterschiedlichem Hintergrund: Der Technische Physiker Markus Eisl, der Vermessungsingenieur Gerald Mansberger und der Biologe Paul Schreilechner. So unterschiedlich ihr beruflicher Werdegang auch sein mag, die drei Österreicher vereint die Leidenschaft für die Bilder aus dem All. 2008 gründeten sie gemeinsam die Firma eoVision mit Sitz in Salzburg.

Die kunstvollen Satellitenfotos sind strenggenommen nur ein Nebenprodukt ihrer Arbeit. Denn bisher werden die Bilder aus dem All vor allem für wissenschaftliche oder kommerzielle Zwecke genutzt. Geografen vermessen mit ihrer Hilfe die Erde, Konzerne nutzen die Aufnahmen, um Rohstoffe aufzuspüren, und Behörden verwenden die Satellitendaten etwa bei der Stadtplanung. Markus Eisl und seine Kollegen bestellen dann für ihre Auftraggeber die entsprechenden Aufnahmen bei den Betreibern der Satelliten.

Satelliten schießen inzwischen Bilder mit einer Auflösung von unter einem Meter. Selbst kleinere Gebäude und große Fahrzeuge sind aus dem All erkennbar. So entstand die Idee zu ihrem ersten Bildband, den sie "Human Footprint", menschlicher Fußabdruck, genannt haben. Inzwischen sind drei weitere Bildbände erschienen. Die Aufnahmen dafür finden die Geoingenieure auf der ganzen Welt.

Aus Rohdaten werden Kunstwerke

Satellitenbilder eines Marokkanischen Wadis im Sommer/Winter
Satellitenbilder eines Marokkanischen Wadis im Sommer/Winter. | Bild: eoVision/DigitalGlobe

In Deutschland hingegen ist es schwer, passende Motive zu finden. Zu lange schon hat der Mensch hier die Natur geformt, war die Landschaft immer und immer wieder dem menschlichen Wirken ausgesetzt. Markus Eisl und seine Kollegen machen sich trotzdem für uns auf die Suche nach Deutschlands größtem "Fußabdruck".

Der eigentlichen Suche geht eine lange Recherche voraus. Oft werden die Geoingenieure erst durch Medienberichte auf besonders spektakuläre Motive aufmerksam. Dann gilt es die genauen Koordinaten des Objekts herauszufinden. Mit ihnen können die Salzburger in den Archiven der Satellitenbetreiber weiterforschen. Archivbilder sind schon für einigen Hundert Euro zu haben. Natürlich könnte Markus Eisl auch ganz neue Aufnahmen bestellen. Doch die kosten je nach Auflösung und Größe des abgedeckten Gebiets mehrere Tausend Euro. Viel Geld für ein Bild, dessen Verwertbarkeit keineswegs sichergestellt ist. Denn eine Garantie auf wolkenfreie Bilder gibt es bei den Satellitenbetreibern nicht.

Bis zu einer Woche dauert es, bis die bestellten Rohdaten in Salzburg eintreffen. Dann können sich Eisl und seine Kollegen an die Bearbeitung der Bilder machen. Wie bei richtigen Fotografien spielen auch hier die Auswahl des Bildausschnitts, die Komposition und der Einfall des Lichts eine wichtige Rolle.

Und hier kommt die langjährige Erfahrung der Geoingenieure ins Spiel: Sie wissen, dass manche Motive nur bei richtigem Licht ihre Wirkung entfalten. Im Winter, wenn die Schatten länger werden, werden so etwa Strukturen in der Landschaft sichtbar, die im Sommer verborgen bleiben.

Der größte Fußabdruck Deutschlands

Satellitenbilder des Tagebaus Garzweiler auf einer Staffelei im Freien
Derzeit der größte "menschliche Fußabdruck" in Deutschland: Braunkohle-Tagebau. | Bild: WDR

Auch bei uns sind die drei Salzburger fündig geworden. Ihre spektakuläre Aufnahme zeigt einen der größten menschlichen Fußabdrücke in Deutschland – dessen Ausmaß erst auf den Satellitenbildern klar wird. Die Rede ist von den riesigen Tagebauanlagen, die wie im Rheinischen Braunkohlerevier ganze Landschaften verschlingen.

In der Grube Garzweiler etwa graben bis zu zehn der riesigen Förderbagger gleichzeitig nach der begehrten Braunkohle. Dass dafür ganze Dörfer und Städte weichen müssen, lässt sich erst aus großer Höhe wirklich erfassen. Die riesigen Bagger – jeder so groß wie ein Hochhaus – auf den Bildern schrumpfen sie zu Streichholzgröße zusammen. Auch die gewaltigen Abraumflächen, die einer Fläche von mehr als 4.000 Fußballfelder entsprechen, lassen sich erst vom Satelliten aus überblicken.

Die Perspektive aus dem All ermöglicht uns so einen neuen, bisher nicht gekannten Blick auf die Erde. Die Bilder halten uns unseren menschlichen Fußabdruck vor Augen und wirken doch gleichzeitig erschreckend und schön.

Lesetipp

Human Footprint
Markus Eisl, Gerald Mansberger & Paul Schreilechner
Verlagsangaben:  2. Auflage 2014
49,95 €
ISBN-13: 978-3902834003

Ein großformatiger Bildband mit spektakulären Satellitenaufnahmen, die uns die Schönheit uns Zerbrechlichkeit unseres Planeten aus bisher unbekannter Perspektive zeigen. Jedes der mehr als 130 Fotos ist mit einem kurzen Begleittext versehen.

Autor: Nikolaus Wirth (WDR)

Stand: 30.05.2015 12:56 Uhr