SENDETERMIN Sa, 30.05.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Alexander Gerst – Ein Mann mit einer Mission

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Alexander Gerst - Ein Mann mit einer Mission | Video verfügbar bis 28.05.2020 | Bild: SWR
Alexander Gerst in einem Nachbau der Cupola.
Aus der Cupola der ISS fotografierte Alexander Gerst die Motive, die Hunderttausende faszinierten. | Bild: ESA

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst faszinierte im Sommer und Herbst 2014 Hunderttausende Menschen mit seinen Bildern von der Erde, aufgenommen aus der Cupola der ISS, der Internationalen Raumstation in 400 Kilometern Höhe. Mit seinen Tweets und Posts per Twitter oder Facebook und seinen spektakulären Bildern der Erde landete er einen Medien-Coup: "Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um das große Ganze sehen zu können," so beschreibt der deutsche Astronaut seinen Blickwechsel.

Die Erde, ein lebendiges Lichtermeer

Satellitenbild der Erde bei Nacht.
Die Erde bei Nacht: hell erleuchtet. | Bild: ESA

Es ist ein Logenplatz – 400 Kilometer über der Erde – in der Internationalen Raumstation ISS. Jede freie Minute im eng getakteten wissenschaftlichen Programm seiner Mission klettert Alexander Gerst in die große Aussichtskuppel, einem Modul in der Station: die Cupola. "Diese Aussicht ist einfach grandios", so Alexander Gerst. "Sie ist ja nach unten – zur Erde hin ausgerichtet. Wenn man hinein schwebt, mit dem Kopf zuerst, scheint plötzlich alles auf dem Kopf zu stehen. Es fühlt sich so an, als ob die Erde über einem schwebt. Das ist besonders nachts eindrucksvoll, vor allem wenn man über dem Pazifik ist, wo es keine Lichter gibt." Etwas fällt ihm deutlich auf: "Wenn man nachts über Europa fliegt, ist das ein lebendiges Lichtermeer. Man kann jedes einzelne Land genau erkennen. Vor 200 Jahren wäre alles dunkel gewesen. Heute ist der Planet hell erleuchtet."

Die andere Perspektive hilft zu verstehen

Umrisse eines Bergs, von dem das Schmelzwasser blau ins Meer fließt.
Das Meer vor Christchurch in Neuseeland. | Bild: ESA

16 Mal umrundet der Astronaut mit der Raumstation täglich die Erde – alle anderthalb Stunden wechselt er von der Nacht auf die Tagseite und wieder auf die Nachtseite der Erde. Alexander Gerst schaut sich Orte an, die ihm vertraut sind, etwa Christchurch in Neuseeland und schießt sein liebstes Bild. "Ich finde es deshalb besonders eindrucksvoll, weil es zeigt, was Perspektive ausmacht, wie sie uns hilft. Wenn man in Christchurch am Strand steht und sich fragt, warum vier Mal am Tag die Farbe des Wassers wechselt, dann wird man nicht so schnell verstehen. Aber in diesem Bild ist das sofort klar: Man sieht die Flüsse mit Gletschersedimenten aus den neuseeländischen Alpen in den verschiedenen Farben. Und wie diese Gletschersedimente einfach um die Halbinsel Banks Peninsula herumwirbeln", erzählt Alexander Gerst.

"Jeden Teilnehmer einer Klimakonferenz mitnehmen"

Waldgebiet; von einer Achse aus gehen viele Schneisen ab.
Die Rodungen im Regenwald des Amazonas-Gebietes fressen sich wie ein Krebsgeschwür unaufhaltsam vor.  | Bild: ESA

Der Überblick von oben lässt sich aber nicht immer in nur einem einzelnen Foto fest halten. So sieht Gerst Sandstürme aus der Sahara, die über den halben Globus bis in den Regenwald des Amazonas geweht werden. Er kann dort die Rodungen ausmachen. Wie ein Krebsgeschwür fressen sich unaufhaltsam Schneisen in die Lunge der Erde. "Man müsste mal jeden Teilnehmer einer Klimakonferenz mit auf die Raumstation nehmen und jeden mal eine Stunde herausschauen lassen. Ich denke, so manche geopolitische Entscheidung würde dann anders getroffen werden", so Gersts Einschätzung.

Die Erde - ein lebendiges Wesen

Grüne Lichtschleier ziehen sich über den Globus.
Ein Naturschauspiel der besonderen Art: Polarlichter über Tausende Kilometer hinweg.  | Bild: ESA

Über den Polgebieten wird Alexander Gerst Zeuge eines bekannten Naturschauspiels, den Polarlichtern. Wenn der extrem energiegeladene, unsichtbare Sonnenwind auf das Erdmagnetfeld trifft, erzeugt das ein Farbenspiel vor allem in Grün: "Dieses Grün ist nicht statisch, sondern flackert. Man sieht die Lichter von einem Horizont zum anderen, über mehrere Tausend Kilometer hinweg. Wellen laufen durch dieses Grün hindurch. Das fühlt sich so an wie ein lebendiges Wesen."

Bilder des Schreckens

Lichter von Siedlungen und Städten.
Der Gazastreifen und das südliche Israel in der Nacht vom 24. Juli 2014.  | Bild: ESA

Am 24. Juli 2014 fliegt die ISS über den dunklen Gaza-Streifen und das hell erleuchtete Israel. Alexander Gerst erlebt, was er im Foto nicht einfangen kann: Fast 100 Raketen werden vom Gaza-Streifen aus abgefeuert in Richtung der Städte Ashkelon und Tel-Aviv und können noch im Anflug von der israelischen Luftabwehr zur Explosion gebracht werden. "Ich habe es eigentlich nur durch Zufall gesehen," so Gerst. "Helle Punkte haben sich bewegt und ab und zu leuchtete ein Blitz auf. Ich habe erst nach und nach realisiert, was da passiert: Dass da unten Menschen sind, die sich gegenseitig umbringen."

Seine Bilder der Erde begeistern viele Menschen und regen zum Nachdenken an. Sie zeigen, wie zerbrechlich, schön und bedroht dieser Planet ist – der einzige Ort in diesem Universum, der unsere Heimat ist.

Autor: Heinz Greuling (WDR)

Stand: 30.05.2015 12:56 Uhr