SENDETERMIN Sa, 30.05.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Eliot Higgins – Citizen Blogger

PlayElliot Higgins
Eliot Higgins - Citizen Journalist | Video verfügbar bis 28.05.2020 | Bild: SWR

In den meisten Krisen- und Kriegsgebieten der Welt ist schwierig Desinformationen und Propaganda von Fakten zu unterscheiden. Selbst die Journalisten vor Ort sehen nur einen kleinen Ausschnitt der Realität. Doch frei zugängliche Satellitenbilder sowie Fotos und Videos in sozialen Netzwerken erlauben es jedermann, weltweit zu recherchieren – bequem vom heimischen Sofa. Der unabhängige Blogger und Bürgerjournalist Eliot Higgins hat diese Technik perfektioniert und es so zu weltweitem Ansehen gebracht.

Recherche in Kriegsgebieten als Hobby

Eliot Higgins sitzt am Laptop
"Bürgerjournalist" Eliot Higgins bei der Arbeit. | Bild: WDR

Die erstaunliche Wandlung Eliot Higgins‘ vom arbeitslosen Finanzsachbearbeiter zu einem investigativen Bürgerjournalisten begann im Jahr 2012. Frustriert über die spärliche Berichterstattung zum Syrien-Konflikt, begann er auf eigene Faust, die Bilder und Videos zu analysieren, die tagtäglich über unzählige Youtube-Kanäle und andere Webseiten veröffentlicht werden. Zu Beginn suchte er die Herausforderung, zu verifizieren, ob die Videos wirklich an den angegeben Orten aufgenommen worden waren. Eliot Higgins' wichtigstes Werkzeug ist das kostenlose Programm "Google Earth", mit dem sich gut aufgelöste Satellitenbilder der ganzen Welt anschauen und untersuchen lassen. Wenn sich auf ihnen Details aus den Videos wiederfinden, dann ist das ein Indiz für deren Echtheit.

Später weitete er seine Recherchen auf die Identifizierung von Waffentypen aus, die er in den Videos sah. Auch detaillierte Informationen zu Fassbomben, Maschinengewehren und Raketenwerfern finden sich frei zugänglich im Internet. Seine Erkenntnisse veröffentlichte Eliot Higgins in seinem eigenen Blog. Die klassischen Medien wurden auf seine Arbeit aufmerksam, ausgebildete Journalisten vollzogen seine Recherchen nach und bestätigten Higgins‘ enorme Expertise.

Wer attackiert wen in der Ostukraine?

Satellitenbild, darauf Feld mit Einschlägen zu erkennen.
Ein Feld in der Ostukraine ist übersät mit Kratern. | Bild: Google Earth

Seine Recherchetechnik lässt sich am Beispiel des Krieges in der Ostukraine nachvollziehen. Zusammen mit befreundeten Rechercheuren analysierte er Artillerieangriffe in der Gegend des Städtchens Ilowajsk im Sommer 2014. Viele Stimmen behaupteten, die Angriffe seien von jenseits der Grenze aus Russland gekommen. Aber es fehlten Beweise. Higgins wendete eine besondere Funktion von Google Earth an: die Zeitreise. Man kann damit durch ältere Satellitenbilder blättern, die in vergangenen Monaten und Jahren veröffentlicht wurden. So kann jeder sehen: Ab Mitte Juli 2014 sind die Felder in einem bestimmten Gebiet übersät von Einschlagkratern von mehr als 300 Artilleriegeschossen. Für jeden Krater ermittelte Higgins die Flugbahn des Geschosses - mit bewährten Berechnungsmethoden, wie sie auch das Militär verwendet. Die Flugbahnen zeigten alle in Richtung der Staatsgrenze. Doch wurden sie von ukrainischem oder russischem Gebiet aus abgefeuert? Für beide Versionen gibt es offizielle Verlautbarungen der Kriegsparteien.

Brandspuren jenseits der Grenze

Satellitenbilder mit Brandspuren auf einem Feld.
Jenseits der Grenze finden sich Brandspuren – wahrscheinlich von Raketenwerfern. | Bild: Google Earth

In diesem Fall wurde Higgins durch die Analyse von Satellitenbildern jenseits der Grenze - in Russland - fündig. Deutlich zu erkennen sind dort verbrannte Stellen, die typisch sind für mobilen Mehrfachraketenwerfer. Es gibt nur eine Handvoll Fahrzeuge, die dafür in Frage kommt. Durch die Reifenspuren auf den Feldern konnte das Team um Eliot Higgins die Spurbreite ermitteln. Die legte nahe, dass hier so genannte Grad-Raketenwerfer gestanden haben - in Gefechtsstellung. Ihre Ausrichtung und die Brandspuren belegen, wohin sie geschossen haben - in Richtung des Kraterfeldes in der Ukraine. Ein Einzelfall? Oder gab es noch mehr Angriffe aus Russland? Eliot Higgins suchte nach weiteren Belegen.

Beschuss von fünf Raketenstellungen

Satellitenbild. Darauf ein kleines Realbild, das abgefeuerte Raketen zeigt.
Amateurvideos zeigen abgefeuerte Raketen. | Bild: Guardian News & Media Ltd

Auf einem anderen Schlachtfeld wurde die ukrainische Armee gleich aus fünf verschiedenen Richtungen beschossen. Viermal konnte Higgins die Spuren von Raketenstellungen jenseits der Grenze in Russland finden, einmal knapp auf ukrainischem Territorium. Für manche dieser Stellungen konnten die Rechercheure sogar noch eine andere Informationsquelle anzapfen. Sie fanden Videos in sozialen Netzwerken, die das Abschießen zeigten - manchmal nur Rauch aus der Ferne, manchmal sogar die Raketen selbst. Von russischen Bürgern gefilmt und ins Netz gestellt.

Hier kam Higgins‘ Expertise in der Analyse von Videos zum Tragen. Typische Landmarken in den Videos, etwa Seen, Hügel und einzelne Bäume konnte er auch auf Satellitenbildern finden – und bei Google Street View, dem Webdienst, der die Welt in 360-Grad-Ansichten darstellt. Nach und nach bestimmte Eliot Higgins genau, wo die Amateurvideos aufgenommen worden waren. So konnte er bestätigen, dass das, was er auf den Satellitenbildern entdeckt hatte, tatsächlich die Feuerstellungen waren. Die Videos, die Brandmarken und Fahrzeugspuren, und die Analyse der Einschlagkrater auf den Satellitenbildern - das alles fügte sich zu einem Bild zusammen. In diesem Fall deutet alles darauf hin, dass es organisierte Angriffe waren und die Raketen aus Russland kamen.

Autor: Daniel Münter (WDR)

Stand: 02.06.2015 08:08 Uhr