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Der Medikamenten-Check

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Der Medikamenten-Check | Video verfügbar bis 14.10.2021 | Bild: BR

In Deutschland wurden 2015 etwa 735 Millionen Packungseinheiten an rezeptpflichtigen Medikamenten verkauft. Hinzu kommen noch einmal weitere 1,4 Milliarden Packungen an rezeptfreien Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und anderen frei erhältlichen Gesundheitspräparaten, die in Apotheken, Drogerien oder Supermärkten über den Ladentisch gehen. Rein statistisch betrachtet macht das rund 26 Packungen – pro Kopf und Jahr. Doch wer sind eigentlich die Abnehmer? Und welche Risiken und Gefahren lauern hinter dieser großen Arzneimenge?

Millionen Packungen Arzneimittel – für wen?

Reporter im Gespräch mit einer Seniorin
Zwei von drei Arzneimittelverordnungen gehen an Menschen über 60. | Bild: WDR

In einem durchschnittlichen Wohngebiet in einer deutschen Großstadt befragen wir die Anwohner nach ihrem Medikamentengebrauch. Das Ergebnis unserer Stichprobe: Drei von vier Befragten nahmen regelmäßig Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel zu sich. Je älter sie sind, umso mehr Mittel wurden es. Bei den 20- bis 40-Jährigen ist es durchschnittlich nicht einmal ein Präparat, bei den über 60-Jährigen sind es bereits drei bis vier Präparate. Im Bundesschnitt sind es sogar noch mehr: Ab 70 Jahren sind es durchschnittlich über fünf Arznei- und Gesundheitsmittel pro Person. Obwohl sie nur rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachen, gehen zwei von drei Arzneimittelverordnungen an Menschen über 60.

Mit dem Alter steigen die Risiken

Mit dem Alter steigen aber auch die Risiken von unerwünschten Nebenwirkungen und damit einhergehenden Unfällen und Komplikationen. Es sind vor allem drei Gründe, die dazu führen:

Drei Gründe für steigende Risiken
Der Stoffwechsel funktioniert im Alter anders. Die Niere arbeitet weniger gut wie bei jungen Menschen und kann Medikamente langsamer ausscheiden. Somit wirken sie stärker. Zudem reagiert der Organismus älterer Menschen empfindlicher auf die Wirkstoffe. Das Problem ist jedoch: viele Medikamente wurden nicht an älteren Menschen getestet, es fehlt an Wissen zu Anwendung und Dosierung.

Die Konsequenzen von Nebenwirkungen sind für ältere Menschen deutlich schwerwiegender. Schwindel oder Müdigkeit kann ein junger Mensch kompensieren, bei einem älteren und gebrechlichen Menschen kann dies schnell zu Stürzen führen – mit schwerwiegenden Folgen.

Je mehr Arzneimittel gleichzeitig eingenommen werden, desto höher ist das Risiko von Wechselwirkungen. Abgesehen von gut untersuchten Standardkombinationen ist es bereits ab vier Präparaten nahezu unmöglich, alle Wechselwirkungen zu überblicken. Im schlimmsten Fall kann es zu schweren Nebenwirkungen kommen. Werden zum Beispiel Blutverdünner mit Schmerzmitteln kombiniert, kann es zu Magenblutungen kommen. Jedes Jahr kommen deshalb Tausende Menschen in Krankenhaus. Und auch scheinbar harmlose Nahrungsergänzungsmittel oder Naturheilmittel, wie zum Beispiel das beliebte Johanniskraut, können in Kombination mit anderen Präparaten zu ernsten Komplikationen führen. Johanniskraut führt zum Beispiel dazu, dass andere Arzneimittel ihre Wirkung verlieren.

PRISCUS-Liste für Patientensicherheit

Reporter Niko Wirth und Prof. Petra Thürman untersuchen Stichproben aus der Medikamentenumfrage
Prof. Petra Thürmann kennt die Probleme bei Medikamenten im Alter. | Bild: WDR

Um die Arzneimittelsicherheit vor allem für ältere Menschen zu erhöhen, arbeiten Mediziner und Pharmakologen vermehrt daran, die Wirkung von Medikamenten im Alter zu erforschen und in Datenbanken bereitzustellen. Eines dieser Projekte ist die PRISCUS-Liste, an der Prof. Petra Thürmann mitgearbeitet hat. Die Fachärztin für klinische Pharmakologie hat sich auf dieses Gebiet spezialisiert und berät unter anderem das Bundesgesundheitsministerium in Sachen Medikamentensicherheit. In der PRISCUS-Liste werden Wirkstoffe und Kombinationen von Arzneimitteln aufgeführt, die besonders für Ältere problematisch und gefährlich sind. Sowohl Ärzte als auch Patienten können damit Arzneimittel besser abstimmen und vermeidbare Nebenwirkungen verringern. Der Bedarf ist groß. Laut einer Studie aus dem Jahr 2011, bekamen etwa 4,5 Millionen Menschen über 65 mindestens ein potenziell ungeeignetes Mittel verordnet. 

Risiken und Nutzen regelmäßig abwägen

Ausschnitt aus Priscus-Liste mit Aufzählung unerwünschter Nebenwirkungen
Die PRISCUS-Liste informiert über ungeeignete Arzneimittel im Alter. | Bild: WDR

Auch deshalb empfehlen Experten die Nutzung eines einheitlichen Medikationsplans. Der kann dabei helfen, die Verordnungen unterschiedlicher Ärzte besser miteinander abzustimmen und Langzeitmedikationen regelmäßig zu überprüfen. Einen informierten und selbstverantwortlichen Umgang mit Arzneimitteln seitens des Patienten ersetzt aber auch er nicht. Gerade im Alter sollte immer wieder abgewogen werden, welchen Nutzen und welche Risiken ein Arzneimittel mit sich bringt.

Autor: Krischan Dietmaier (WDR)

Stand: 13.07.2019 01:13 Uhr