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Pillenchaos – Medikamente und ihre Wechselwirkungen

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Pillenchaos – Medikamente und ihre Wechselwirkungen | Video verfügbar bis 16.03.2024 | Bild: SWR

Je älter Patienten werden, desto häufiger sind sie dauerhaft auf mehrere Medikamente angewiesen, beispielsweise bei Bluthochdruck oder Diabetes. Jeder zweite Deutsche über 70 Jahre nimmt drei oder mehr Medikamente ein. Aber nicht alle Mittel vertragen sich miteinander. Bei einigen kann es zu Wechselwirkungen kommen. Zu den harmloseren Folgen gehören zum Beispiel Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Im schlimmsten Fall können Wechselwirkungen jedoch tödlich sein.

Sybille Eckart hat Glück gehabt

Ein Arzt misst den Blutdruck einer Patientin
Je älter Patienten werden, desto häufiger sind sie dauerhaft auf mehrere Medikamente angewiesen. | Bild: WDR

Sybille Eckart hat zu spüren bekommen, was passiert, wenn Medikamente nicht richtig aufeinander abgestimmt werden. Sie ist bei zwei Ärzten in Behandlung. Von ihrem Hausarzt Joachim Kurzbach bekommt sie zwei Mittel gegen Bluthochdruck, von ihrem Neurologen neue Tabletten gegen Nervenschmerzen. Diese Kombination jagt ihren eigentlich gut eingestellten Blutdruck in die Höhe. Die Folge: extremer Schwindel. Zum Glück kommt Sybille Eckart von selbst auf die Idee, dass ihre Beschwerden mit den neuen Schmerztabletten zusammenhängen könnten. Ihr Hausarzt bestätigt den Verdacht. Sie leidet an einer gefährlichen Wechselwirkung. Das Schmerzmittel vom Neurologen hat den Abbau der Blutdruck-Tabletten beschleunigt. Deren Wirkung hielt deshalb nicht mehr lange genug an.

Patienten haben Anspruch auf einen Medikationsplan

Animation: Handy mit App, Patientin mit Handy, Arzt mit Laptop
In der elektronisch erfassten Patientenakte sollen alle medizinischen Daten stehen und der Patient kann entscheiden, welcher Arzt Zugriff darauf hat. | Bild: WDR

Der 2016 eingeführte bundeseinheitliche Medikationsplan soll solche Wechselwirkungen eigentlich verhindern. Ärzte sind seitdem verpflichtet, für alle gesetzlich versicherten Patienten, die dauerhaft drei oder mehr rezeptpflichtige Medikamente einnehmen, eine genaue Liste zu führen. Das soll die Arzneimittelsicherheit erhöhen. Doch leider kommt es trotz Medikationsplan häufig zu Fehlern, so die Erfahrung des Hausarztes Joachim Kurzbach. Wenn etwa ein Facharzt Medikamente verschreibt, erfährt der Hausarzt oft erst viel zu spät oder gar nicht davon – so wie im Fall von Sybille Eckart.

Für Joachim Kurzbach müsste die Kommunikation zwischen den Ärzten schnellstens verbessert werden, um diese Sicherheitslücke in der Therapie zu schließen. Der Hausarzt steht nicht allein mit seiner Kritik. Bundesweit bemängeln viele Ärzte und Apotheker den derzeitigen Medikationsplan als fehleranfällig.

Die elektronische Patientenakte als Lösung?

Ein Frau bedient ihr Handy.
Martina Reiche kann über die App ihrer Krankenkassen ihre Daten verwalten und an den jeweiligen Arzt weiterschicken. | Bild: WDR

Bereits seit 15 Jahren diskutieren Gesundheitspolitiker, Ärzte und Krankenkassen über Lösungsansätze. Das Zauberwort heißt: elektronische Patientenakte. Darin sollen alle medizinischen Daten, also Medikationspläne, Röntgenbilder und sonstige Befunde, digital gespeichert werden. Doch wie genau diese Patientenakte aussehen soll – etwa welche Software genutzt wird, wo die Daten gespeichert werden und wer Zugriff darauf hat, darüber wurde jahrelang gestritten. Seit Kurzem laufen nun erste Pilotprojekte.

Pilotprojekte der Krankenkassen

Martina Reiche gehört zu den Ersten, die die elektronische Patientenakte ausprobieren. Ihre Krankenkasse, die TK, bietet in einem Pilotprojekt eine spezielle App für das Smartphone an. In dieser App kann die Brustkrebspatientin ihre Befunde und Medikationspläne sammeln, einsehen und an die behandelnden Ärzte weitergeben. Alle Daten sind auf Servern in Deutschland gespeichert und durch ein Passwort geschützt. Martina Reiche hat bisher nur positive Erfahrungen mit der elektronischen Patientenakte gemacht. Aufgrund ihrer Erkrankung muss sie viele Medikamente nehmen. Durch den digitalen Medikationsplan behalten sie und ihre Ärzte den Überblick, Wechselwirkungen können so vermieden werden.
Parallel zum Pilotprojekt der Techniker Krankenkasse testet die AOK eine ähnliche App. Die DAK und weitere Krankenkassen erproben eine dritte Variante. 

Gesundheitsexperte warnt vor "digitalem Flickenteppich"

Mehrere Gesundheitskarten liegen auf einem Tisch.
Die aktuelle Gesundheitskarte könnte für die elektronische Patientenakte genutzt werden. | Bild: WDR

Ob solche Apps aber die Lösung sind, daran zweifelt Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Smartphones, so der Gesundheitsexperte, könnten leicht gehackt werden. Problematisch sei auch, wenn Patientendaten in der Cloud gespeichert würden. Bei solch sensiblen Daten müsse die Sicherheit zu 100 Prozent gewährleistet sein. Gerd Glaeske kritisiert auch, dass deutschlandweit so viele unterschiedliche Lösungen erprobt werden. Er hält diesen "digitalen Flickenteppich" für nicht alltagstauglich. Arztpraxen müssten sich mit zu vielen verschiedenen Apps und Datenverwaltungssystemen auseinandersetzen.
Eine offene Frage ist außerdem, ob ältere Patienten versiert genug sind, um die Apps zu nutzen. Schließlich besitzen längst nicht alle ein Smartphone oder Tablet.

Ist die Gesundheitskarte die bessere Alternative?

Für Gerd Glaeske wäre die Gesundheitskarte, die schon heute jeder besitzt, die näherliegende Lösung. Auf dem Chip, so der Experte, könnten sämtliche Arztbefunde abgespeichert werden – auch der Medikationsplan. Die Patientendaten lassen sich, ähnlich wie bei einer EC-Karte, durch einen einfachen PIN-Code schützen. Jede Arztpraxis ist bereits mit einem Lesegerät ausgestattet, das den Karteninhalt abrufen kann. Allerdings hat die Gesundheitskarte einen großen Nachteil: Der Patient selbst hat auf die hinterlegten Daten keinen Zugriff.

Wenn sich die Krankenkassen bis 2021 nicht auf eine gemeinsame bundesweite Lösung einigen können, will das Bundesgesundheitsministerium die Umsetzung der elektronischen Patientenakte selbst in die Hand nehmen.

Autor: Volker Ide (WDR)

Stand: 18.03.2019 12:15 Uhr