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Den Placebo-Effekt nutzen

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Den Placebo-Effekt nutzen | Video verfügbar bis 11.03.2021 | Bild: SWR

Von immer mehr Schulmedizinern wird der Placebo-Effekt als ernstzunehmendes medizinisches Therapieinstrument entdeckt, um Behandlungen zu optimieren. Es gibt Therapien, bei denen diese "Heilkraft des Geistes" zwischen 20 und 80 Prozent des Behandlungserfolges ausmachen soll.

Vom Störfaktor zum Therapieansatz

Kurve zeigt Ergebnis einer Studie
Der Neuropsychologe Dr. Peter Krummenacher erforscht, wie man den Placebo-Effekt nutzen kann. | Bild: WDR

Lange Zeit wurde der Placebo-Effekt von der Schulmedizin ignoriert und tauchte vor allem als unliebsamer Störfaktor im Bereich medizinischer Studien auf. Wenn ein Präparat auf Wirksamkeit getestet wird, muss dieser Placebo-Effekt "herausgerechnet" werden, um die "eigentliche“ Wirkung" zu bestimmen. Doch diese Sichtweise hat sich in den letzten Jahren verändert. Man versteht immer besser, wie der Placebo-Effekt im Hirn wirkt und dass er bei der Heilung nützt und nicht "stört".

Kursteilnehmer stellen Narkose-Situation vor einer Operation nach
In Rollenspielen von der Theorie zur Praxis. | Bild: WDR

Der Schweizer Neuropsychologe und Placebo-Forscher Dr. Peter Krummenacher erforscht seit Jahren die Mechanismen des Placebo-Effekts. Er ist überzeugt von dem Potential unserer Selbstheilungskräfte. In Seminaren und Kursen für Mediziner, Pflegekräfte und Studenten übersetzt er die Erkenntnisse der Forschung in die klinische Praxis. Seine Ergebnisse weisen darauf hin, dass man weniger Medikamente braucht und bessere Heilerfolge erzielt, wenn man das Heilpotenzial unseres Geistes systematisch nutzt. Teilnehmer einer Studie, die vor einer Operation positiv und empathisch aufgeklärt wurden, brauchten beispielsweise halb so viele Schmerzmedikamente und konnten das Krankenhaus zwei Tage früher verlassen wie die Kontrollgruppe. Die positive Erwartung und der Glaube an die Heilung haben also einen messbaren Effekt, so Krummenacher.

Der gesamte Kontext wirkt

Teilnehmer eines Kurses hören zu
In Kursen lernen Mediziner, die Erkenntnisse aus der Forschung in den Alltag zu übersetzen. | Bild: WDR

Bekannt ist das Beispiel der wirkungslosen Pille, die trotzdem heilt, weil der Patient daran glaubt. Aber der Placebo-Effekt sei vielschichtiger, so  die Forscher. Der gesamte Kontext einer Behandlung wirkt: Vertrauen in den Arzt, Empathie, Gerüche, Geräusche und vieles mehr. Hierin sieht Krummenacher das größte Potenzial: Nicht den Patienten täuschen, sondern ganz gezielt auf seine Fragen und Bedürfnisse eingehen, mit psychologischen Techniken seine Selbstheilungskräfte aktivieren und gleichzeitig negative Heilerwartungen, die sogenannten Nocebo-Effekte, vermeiden. Denn die Wissenschaft weiß: Suggestionen wirken nicht nur positiv – ein unbedachtes Wort des Arztes kann negative Heilerwartungen hervorrufen und so beispielsweise die Wirkung eines pharmazeutischen Präparats auch zunichtemachen.

Kinder reagieren stärker als Erwachsene

Kind während Schmerzstudie reagiert auf Wärmeplatte am Arm
Kinder reagieren besonders stark auf Placebo-Suggestionen. | Bild: WDR

Krummenacher hat erstmals untersucht, wie Kinder in einer Schmerzstudie auf eine Placebo-Behandlung reagieren. Er suggerierte ihnen, dass eine eigentlich wirkungslose blaue Creme höchst schmerzlindernd sei. Die Ergebnisse waren überraschend: Die Kinder reagierten bis zu fünfmal stärker auf die Placebo-Behandlung wie Erwachsene in vergleichbaren Studien. Ein enormes Potenzial, um Medikamente zu verringern und Nebenwirkungen zu minimieren.

Unsere Selbstheilungskräfte haben Grenzen

Es gibt aber Grenzen der Selbstheilungskräfte: den größten Effekt erzielte man dann, wenn zum Beispiel Placebo-Behandlungen in Kombination mit einem pharmazeutisch wirksamen Medikament eingesetzt wurden, so Peter Krummenacher. So können Selbstheilungskräfte keinen Knochenbruch heilen. Auch im Bereich Tumorerkrankungen gibt es bisher keine wissenschaftlichen Beweise, die eine Placebo-Wirkung aufzeigen konnten. Deshalb solle man, so Krummenacher, überzogenen Heilsversprechen sehr kritisch begegnen.

Autor: Krischan Dietmaier (WDR)

Stand: 11.07.2019 08:20 Uhr