SENDETERMIN Sa, 01.10.16 | 16:00 Uhr | Das Erste

Der Sandmotor von Holland

Luftaufnahme: Bauarbeiten am Strand
Jedes Jahr wird mit Millionen Kubikmeter Sand die Küste repariert. | Bild: Rijkswaterstaat

Schon seit jeher verteidigen sich die Niederländer mit Deichen und Sturmflutwehren gegen das Meer. Das ist überlebenswichtig, denn ein Viertel des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Der größte Teil der Küstenlinie ist jedoch durch Sand geschützt. Strand und Dünen dämpfen die Wucht des Wassers. Doch Jahr für Jahr werden enorme Mengen Sand weggespült und müssen mit großem finanziellen und logistischen Aufwand wieder aufgeschüttet werden. In der Nähe von Den Haag testen Ingenieure jetzt ein neues Konzept: den Sandmotor.

Meeresströmungen nagen an der niederländischen Küste

Grafik von Strömungen am Sandmotor
Die Strömungen tragen regelmäßig große Mengen Sand weg. | Bild: Rijkswaterstaat

Die niederländische Küste hat ein großes Problem mit sogenannter struktureller Erosion. Durch die vorherrschende Strömung in der Nordsee, aber auch als Folge der begradigten Küstenlinien, trägt das Meer jedes Jahr große Mengen Sand von den Stränden Richtung Nordosten. An etlichen Stellen ist der Sandverlust so groß, dass die Sicherheit des Hinterlandes bedroht ist. Denn trifft ein starker Sturm auf eine geschwächte Dünenkette, kann er diese Verteidigungslinie durchbrechen. Gerade in Südholland liegen große Städte wie Amsterdam, Den Haag oder Rotterdam in unmittelbarer Nähe zur Küste.

Die Niederländer schütten deshalb momentan jedes Jahr rund zwölf Millionen Kubikmeter Sand an verschiedenen Stellen der Küste auf, und die Schäden der strukturellen Erosion zu flicken, von Jahr zu Jahr an anderen Abschnitten. An besonders exponierten Stellen wie der Delftlandküste zwischen Hook van Holland und Scheveningen müssen die Baumaschinen etwa alle fünf Jahre anrücken. Das ist nicht nur extrem teuer und aufwändig, sondern auch jedes Mal ein schwerer Eingriff in das Ökosystem des Meeres und der Strände.

Experiment Sandmotor – Bauen mit der Natur

Luftaufnahme des Sandmotors
Der Sandmotor ist zwei Kilometer lang und einen Kilometer breit. | Bild: Rijkswaterstaat

Die Küstenschützer befürchten, dass sich mit dem Klimawandel und dem damit verbundenen Meeresspiegelanstieg das Problem der Küstenerosion noch weiter verschärfen wird. In Ihren Prognosen gehen sie davon aus, dass sie in einigen Jahrzehnten jedes Jahr 80 Millionen Kubikmeter Sand ersetzen müssen. An manchen Stellen wären dann Reparaturen alle zwei Jahre fällig. Die Experten suchen deshalb nach Wegen, um die Küste nachhaltiger, schonender und günstiger zu schützen.

Ein einmaliges Experiment begann im Jahr 2011 am Strand von Kijkduin vor den Toren von Den Haag. Im Auftrag der nationalen und regionalen Wasserschutzbehörden entstand die größte Küstenbaustelle der Niederlande. Innerhalb weniger Monate wurden 20 Millionen Kubikmeter auf engstem Raum abgeladen. Dem sogenannten Sandmotor wurde von den Ingenieuren eine hakenartige Form gegeben, die eine einmalige Kooperation begünstigen soll. Aus dem Feind, dem Meer, soll hier ein Verbündeter werden. Wellen und Strömungen sollen in den nächsten 20 Jahren Sand aus diesem künstlichen Reservoir entnehmen und selbstständig entlang der Küste verteilen. Die Natur als Baumeister des Küstenschutzes.

Wissenschaftliche Überwachung

Wissenschaftler schiebt Jetski ins Wasser
Mit Jetskis vermessen die Forscher die Wassertiefe. | Bild: WDR

Alle zwei Monate vermessen die Ingenieure den Sandmotor und die angrenzende Küstenlinie, um zu sehen, ob der Plan aufgeht. Über fünf Jahre beobachteten sie, wie Wellen und Strömungen arbeiten und die Form des hakenförmigen Sandmotors immer weiter in die Länge ziehen. Das Prinzip scheint zu funktionieren.

Eine Sorge war, dass sich die Strömungen entlang des Sandmotors so verändern, dass sie Schwimmer in Gefahr bringen. Deshalb machen die Ingenieure bei ihren Messungen mit spezieller Farbe den Weg des Wassers entlang der Küste sichtbar. Mit einer Kameradrohne verfolgen sie die grüne Farbwolke dann über längere Distanzen. Einige Stellen mussten aufgrund dieser Messungen zeitweise für Schwimmer gesperrt werden.

Ökologie und Tourismus

Kitesurfer
Die Lagune des Sandmotors ist eine der beliebtesten Spots für Kitesurfer in den Niederlanden | Bild: WDR

Von Anfang an war der Sandmotor nicht ausschließlich als Projekt für den Küstenschutz angelegt – sondern auch als ökologisches und touristisches Experiment. Wie würde sich die Natur von dem Eingriff erholen? Welche Tiere würden den Lebensraum erobern? Wie die Menschen den riesigen Strand nutzen? Nach fünf Jahren wissenschaftlicher Begleitforschung können die Forscher auf die meisten dieser Fragen positive Antworten geben. Das Ökosystem hat sich positiv entwickelt, angestammte Arten sind zurückgekehrt, neue hinzugekommen. Vögel und Seehunde nutzen den zwei Kilometer langen und einen Kilometer breiten Sandmotor als Rast- und Futterplatz. Strandgräser breiten sich aus und lassen neue Dünen entstehen. Und auch die Menschen haben nach anfänglicher Skepsis den neuen Küstenabschnitt positiv aufgenommen. Wegen der einmaligen Kombination von geschützter Lagune und guten Wellen hat sich der Sandmotor zu einem der beliebtesten Spots für Kitesurfer in den Niederlanden entwickelt.

Autor: Daniel Münter (WDR)

Stand: 01.10.2016 10:55 Uhr