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Gefahr in der Tiefe – Munitionsbergung aus der Ostsee

PlayExplosion an der Wasseroberfläche
Gefahr in der Tiefe – Munitionsbergung aus der Ostsee | Video verfügbar bis 01.12.2023 | Bild: NDR

Wer vor deutschen Küsten Offshoreanlagen oder die Verlegung von Pipelines plant, der hat nicht nur mit den Widrigkeiten der Natur zu rechnen, sondern auch mit dem explosiven Erbe des Zweiten Weltkriegs.

Sorglose Entsorgung

Granaten am Meeresboden
Bis zu 1,6 Mio. Tonnen Altmunition liegen in Nord- und Ostsee. | Bild: NDR

Als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 endete, sahen sich Sieger und Besiegte einem unvorstellbaren Arsenal an Waffen und Munition gegenüber. Bestände, die dringend vernichtet werden mussten, so die übereinstimmende Meinung der Alliierten. Deutschland sollte vollständig und endgültig entwaffnet werden. Doch wohin damit? Am einfachsten und pragmatischsten erschien es, Bomben, Granaten oder Minen einfach im Meer zu versenken. 18 sogenannte Munitionsversenkungsgebiete wurden in Nord- und Ostsee eingerichtet, innerhalb derer die gefährliche Ladung verklappt werden sollte. Sie sind noch heute in den Seekarten eingezeichnet.

In der Theorie eine einigermaßen sichere Lösung. Doch die Kapitäne der zur Munitionsentsorgung gecharterten Schiffe wurden pro Entsorgungsfahrt bezahlt, Schiffsdiesel war knapp, und es gab keine Kontrollen. Also warfen die Besatzungen ihre Ladung manchmal schon auf dem Weg zu diesen Munitionsfriedhöfen einfach über Bord.

Explosives Erbe

Bergungstaucher
Ein Bergungstaucher scannt den Meeresboden mit einer Metallsonde. | Bild: NDR

Rund 1,6 Millionen Tonnen Munition liegen nach Schätzungen von Experten auf dem Grund von Nord- und Ostsee. Wobei bei den offiziellen Entsorgungsfahrten Sprengkörper ohne Zünder versenkt wurden. Man wollte ja keine neuen Minenfelder damit anlegen. Doch neben den nach dem Krieg versenkten Munitionsresten finden sich auf dem Meeresboden auch zahllose nicht-explodierte Torpedos, Granaten oder Wasserbomben. Immer wieder kommt es zu Unfällen, wenn beispielsweise Fischer unbeabsichtigt mit ihren Netzen Teile dieser Altmunition an Bord bringen. Der letzte tödliche Zwischenfall dieser Art ereignete sich im April 2004, als drei niederländische Besatzungsmitglieder eines Fischerboots ums Leben kamen.

Safety first

Blasenschleier
Ein Blasenschleier um den Explosionsort dämpft die Druckwelle und schont die Tierwelt. | Bild: NDR

Wenn solche potenziell gefährlichen Munitionsfunde gemeldet werden oder wenn ein nicht überprüfter Abschnitt des Meeresboden bebaut werden soll (zum Beispiel durch Windkraftanlagen), rücken Bergungsschiffe aus, deren Besatzungen das Areal absuchen und eventuell gefundene Explosivkörper unschädlich machen.

Im Idealfall würde man sie bergen und an Land entsorgen, doch das ist nicht immer möglich. Denn durch den gewaltigen Wasserdruck und die lange Zeit am Meeresgrund hat sich der Sprengstoff in den Minen, Granaten und Bomben chemisch verändert. Er ist instabil geworden. Bereits die Druckveränderung auf dem Weg an die Wasseroberfläche könnte ausreichen, um eine Explosion auszulösen.

Daher entschärfen die Kampfmittelräumer solche Blindgänger, indem sie zunächst mit einer Schneidladung (einer kleinen, gezielten Explosion) den Zündmechanismus vom Sprengstoff trennen. Anschließend schleppen sie den Explosivkörper mit Hilfe von Seilkonstruktionen unter Wasser ins nächstgelegene Munitionsversenkungsgebiet.

Sprengung auf See

Falls auch das nicht möglich ist, etwa weil der Torpedo oder die Mine zu instabil ist, wird der gefährliche Sprengkörper vor Ort zur Explosion gebracht. Unter großen Vorsichtsmaßnahmen – nicht nur für die beteiligten Menschen, sondern auch für die Meeresfauna. Denn die gewaltige Druckwelle unter Wasser lässt bei Fischen in der näheren Umgebung die Schwimmblase platzen; bei sensiblen Meeressäugern wie dem Schweinswal schädigt sie das Gehör auch noch in über zehn Kilometern Entfernung.

Um die Beeinträchtigung möglichst klein zu halten, dämmen die Kampfmittelbergungsteams die Druckwelle mittels eines sogenannten Blasenschleiers ein. Dabei wird auf dem Meeresgrund um den Sprengkörper herum ein Schlauch verlegt, aus dem ein dichter Vorhang aus Luftblasen aufsteigt. Der bricht den Schall und mindert die Druckwelle. Für den Blasenschleier benötigt man ein Spezialschiff mit gigantischen Kompressoren. Die Kosten für einen solchen Einsatz betragen oft einige Hunderttausend Euro.

Langfristige Gefahren

Fischer mit Granate
Alte Munition als gefährlicher Beifang. | Bild: NDR

Noch weitgehend ungelöst ist ein weiteres Problem. Alle Explosivkörper – auch die ohne Zünder versenkten – verrotten allmählich. Und dabei setzen sie zum Teil hochgiftige oder gar krebserregende Stoffe frei, die über Fische und Muscheln auch in den menschlichen Nahrungskreislauf gelangen können. An Bergungsrobotern, die diese Gifte abasugen sollen, wird zwar bereits gearbeitet, wann sie wirklich einsatzbereit sind, ist aber noch offen. Immerhin: Experten gehen davon aus, dass die Altmunition noch etwa 30 Jahre "sicher" ist.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 01.12.2018 13:41 Uhr

Sendetermin

Sa., 01.12.18 | 16:00 Uhr
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Bayerischer Rundfunk
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