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"Ökobestattung": Nachhaltige Särge und Urnen

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"Ökobestattung": Nachhaltige Särge und Urnen | Video verfügbar bis 24.11.2023 | Bild: WDR

Formen der Bestattung gibt es viele. Doch mit der Frage der Nachhaltigkeit beschäftigen sich wenige vor dem Tod. "Ökobestattung" nennt sich ein Trend, hinter dem die Idee von nachhaltigen Särgen und Urnen steckt. Diese könnten bereits vor dem Tod Teil unseres Lebens sein und der Umwelt weniger Schaden zufügen. Aber was ist wirklich daran?

Bestattungen – ein Umweltproblem?

Urne im Wald
Über Nachhaltigkeit machen sich die wenigsten Menschen. | Bild: WDR

In Deutschland hat man aktuell die Wahl zwischen zwei Bestattungsformen: Erdbestattung oder Einäscherung mit anschließender Beisetzung in einer Urne. Doch beide Formen haben gewisse Nachteile für die Umwelt. Bei der Erdbestattung wird durch die Tiefe der Gräber der natürliche Abbauvorgang erschwert, da der nötige Sauerstoff für die Zersetzung fehlt. Durch übermäßiges Gießen und je nach Bodenbeschaffenheit, können giftige Rückstände schnell ins Grundwasser gelangen. Ein weiteres Problem sind sogenannte Wachsleichen. Das sind erdbestattete Leichname, die auch über Jahrzehnte hinweg nicht verwesen. Schätzungen zufolge haben bis zu 40 Prozent der Friedhöfe hierzulande mit ihnen zu kämpfen. Außerdem können nicht abbaubare oder giftige Materialien, die sich am oder im Sarg befinden, die Böden belasten. Aber auch in der beigesetzten Asche können sich giftige Stoffe befinden, die früher oder später in den Boden wandern. Bei der Einäscherung sind der Energieverbrauch und die entstehenden Abgase ein Problem.

Die Verbrennung im Krematorium ist erfordert enorme Energie, um einen Verstorbenen, der zu einem großen Teil aus Wasser besteht, zu verbrennen. Außerdem werden dadurch Schadstoffe freigesetzt. Neben dem allseits bekannten Kohlendioxid können sich zum Beispiel auch Kohlenmonoxid, Dioxine und – wenn der oder die Verstorbene Amalgan-Zahnfüllungen hatte – auch Quecksilber in den Abgasen der Krematorien befinden.

Mit diesem Thema beschäftigen sich das Umweltbundesamt und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt seit vielen Jahren. Mittlerweile sind die Filteranlagen der meisten Krematorien so modern, dass ein Großteil der Schadstoffe nicht mehr in die Luft gelangt. Doch auch die Filter, die diese giftigen Stoffe aufnehmen, müssen irgendwann entsorgt beziehungsweise endgelagert werden. Derzeit sind es etwas mehr als die Hälfte der Verstorbenen in Deutschland, die sich für eine Verbrennung entscheiden.

Die Ausmaße der schädlichen Einflüsse von Erd- und Feuerbestattungen sind nach wie vor Gegenstand aktueller Forschung. Wie groß das "Umweltproblem Bestattung" ist, lässt sich nicht abschließend beantworten. Aber schon jetzt liefern die bisherigen Untersuchungen Anhaltspunkte, wie es auch umweltfreundlicher gehen könnte.

Auf die Materialien kommt es an

Neben den Problemen, die Krematorien und Friedhöfe lösen müssen, kann jede und jeder bei der Auswahl von Sarg, Urne und Grabstein auf Nachhaltigkeit achten. Das fängt bei der Herkunft aller Materialien an: Wo wurden Sarg oder Urne gefertigt? Lassen sich lange Transportwege vermeiden? Ist das Holz, aus dem der Sarg besteht, aus nachhaltiger, möglichst regionaler Forstwirtschaft?

Sarg
Särge als Gegenstände fürs Leben. | Bild: WDR

Um im Rahmen der Erd- und Feuerbestattung so wenige Schadstoffe wie möglich freizusetzen, sollten Sarg und Urne – und alles was damit zusammenhängt – aus möglichst natürlichen, leicht abbaubaren Materialien bestehen. Die Bestattungsutensilien sollten möglichst aus Holz oder anderen Naturmaterialien bestehen und möglichst wenig oder nur mit biologisch abbaubaren Stoffen behandelt werden. Giftige Farben oder Lacke, nicht kompostierbare Materialien wie Kunststoff- oder Metallbestandteile sollten vermieden werden. Auch bei der Innenausstattung und Bekleidung der Verstorbenen kann man auf Natur- statt auf Kunstfasern setzen.

Irgendwann braucht jeder einen Sarg: Warum also nicht schon jetzt?

Egal ob Feuer- oder Erdbestattung: Einen Sarg braucht in Deutschland jeder. Die Münchner Bestatterin Lydia Gastroph spricht von einer "Sarg-Kauf-Pflicht". Sie kritisiert, dass dieser nur wenige Tage benutzt werden, bevor er verbrannt oder vergraben wird. Dies sei doch eigentlich Verschwendung, meint die gelernte Schmuckkünstlerin. Gemeinsam mit der Designerin Lene Jünger entwickelte sie deswegen Särge, die man schon zu Lebzeiten verwenden kann: als Schrank, Truhe oder Sitzbank. Auch die Urnen, die sie anbietet, sind von Künstlerinnen und Künstlern gemacht, mit dem Ziel, sie schon lange vor dem Tod zu verwenden, zum Beispiel als Vase oder Aufbewahrungsgefäß. Lydia Gastroph, die über Umwege und letztendlich durch den Wunsch ihrer todkranken Schwester Bestatterin wurde, sieht sich in erster Linie als "Kuratorin der schönen letzten Dinge" und als Botschafterin einer neuen Bestattungskultur. Diese sollte individuell und wertschätzend gegenüber den Lebenden genauso wie den Verstorbenen sein.

Den Sarg als Schrank im Wohnzimmer – und als Memento Mori

Sarg-Schrank
Maggie Ehrhart mit ihrem Sarg-Schrank im Wohnzimmer. | Bild: WDR

Den eigenen Sarg bei sich zuhause stehen zu haben, ist für manche Menschen erstmal eine gruselige Vorstellung. Maggie Ehrhart sieht das anders: Sie freut sich darüber! Es ist ein Memento Mori Symbol, also etwas, was einem den eigenen Tod bewusst machen soll. Und damit aber einen selbst auch achtsamer und gelassener gegenüber dem eigenen Leben macht. Der Sarg-Schrank erinnert Maggie Ehrhart daran, ihr Leben jetzt zu genießen, solange sie es noch hat und wie klein "das letzte Haus", der Sarg, doch eigentlich ist. Wenn es soweit ist, kann der Schrank in wenigen Handgriffen zum Sarg umfunktioniert werden.

Und auch wenn es für ihre Kinder erstmal gewöhnungsbedürftig war, dass ihre Mutter die eigene Bestattung schon so weit geplant hat, findet sie es beruhigend, selbst zu entscheiden, was mit ihr an ihrem Lebensende passiert. Dies nimmt auch die Last von den Angehörigen, die sich im Todesfall nicht mehr damit auseinandersetzen müssen, wie ihre Mutter sich ihren Abschied wünscht. Aber bis dahin ist noch viel Zeit und Maggie Ehrhart plädiert dafür, sich die eigene Endlichkeit bewusst zu machen und vom Tod aus aufs Leben zu sehen: Denn "dann sind wir dankbar für das, was uns gegeben ist, weil wir sind ja noch nicht tot! Wir leben ja noch und dieses Leben will ausgefüllt werden!", strahlt sie. Daran erinnert sie ihr Sarg-Schrank, der darüber hinaus auch nachhaltig hergestellt ist.

Autorin: Clarissa Juse (WDR)

Stand: 24.11.2018 15:39 Uhr

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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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