SENDETERMIN So., 25.03.18 | 03:50 Uhr | Das Erste

Nacktmull – ein Nager mit "Superkräften"

PlayNacktmull
Nacktmull – ein Nager mit "Superkräften" | Video verfügbar bis 24.03.2023 | Bild: ARD

Als mitleiderregend hässliches Nagetier ist der Nacktmull Tierfreunden schon länger bekannt. Auch als einziger Säuger der in einem Sozialgefüge lebt, das einem Ameisenstaat ähnelt. Er durchwühlt den Untergrund Afrikas auf der Suche nach Wurzeln und Knollen und ist dort in etwa so beliebt, wie bei uns die Wühlmaus. Das Image des Nacktmulls steht inzwischen aber vor einem grundlegenden Wandel: Wissenschaftler in aller Welt sind auf den Nacktmull aufmerksam geworden, weil er über körperliche Fähigkeiten verfügt, die in unseren Augen wahre Superkräfte sind.

Extrem langlebig und fit bis ins hohe Alter

Genetiker, Physiologen und Mediziner versuchen in ihren Laboren die Geheimnisse des Nacktmulls zu entschlüsseln. Besonders faszinierend ist dabei die Langlebigkeit des Nacktmulls. Während vergleichbare Nager wie Ratten bereits nach zwei bis drei Jahren natürlicherweise aus dem Leben scheiden, bringen es Nacktmullköniginnen auf bis zu 30 Jahre. Doch damit nicht genug: Selbst in hohem Alter zeigen sie keine Anzeichen von Bewegungseinschränkungen, Senilität oder sonstigen Zipperlein. Sie bleiben auch als "Methusalem" noch fit.

Wie genau ihr Körper das bewerkstelligt ist noch nicht ganz klar, aber ein erster Hinweis findet sich in ihren Zellen. Dort gibt es Gene, die eine Art zelleigene "Müllabfuhr" aktivieren. Kaputte Proteine werden entsorgt und so wird der Verschleiß der Körperzellen minimiert. Gleichzeitig wird so auch das Krebsrisiko gering gehalten, denn eine fitte Zelle mutiert nicht zum unkontrollierbaren Tumor.

"Wunderknochen" lassen auch ausgewachsene Nacktmulle noch wachsen

Die Nacktmullkönigin bringt im Labor Nachwuchs zur Welt
Arbeitsteilung: Wie bei Ameisen oder Bienen bringt auch beim Nacktmull nur die Königin Junge zur Welt. | Bild: SWR

Natürlich interessieren sich die Forscher dafür, ob sie den "Jungbrunnen" des Nacktmulls auf den Menschen übertragen könnten. Wenn die genetischen Prozesse erst einmal verstanden sind, ist es zwar noch immer fraglich, ob das "Prinzip Nacktmull" auch beim Menschen funktioniert aber ganz ausgeschlossen wäre es nicht, mittels Gentechnik bestimmte Eigenschaften zu kopieren.

Das gilt nicht nur für die Langlebigkeit des Nacktmulls, sondern auch für eine weitere "Superkraft": Wenn wir Menschen erst einmal ausgewachsen sind, können unsere Knochen nie mehr in die Länge wachsen. Knochenbrüche heilen zwar (durch Wachstum in die Breite), aber wenn durch eine extreme Verletzung der Knochen verkürzt wurde, hat der Körper keine Chance das Knochenmaterial zu regenerieren. Betroffenen kann nur mit Implantaten oder Prothesen geholfen werden.

Eine geradezu spektakuläre Eigenschaft des Nacktmulls besteht darin, dass das Längenwachstum von Knochen auch beim erwachsenen Tier noch einmal aktiviert werden kann. Durch ein komplexes Zusammenspiel von Genen und Hormonen kann aus einer ausgewachsenen Arbeiterin eine fast doppelt so lange Königin werden. Wenn es Forschern gelänge, diesen Prozess auf den Menschen zu übertragen, könnte Tausenden Unfallopfern geholfen werden. Eine Nacktmull-Gentherapie würde dann die Knochen dazu bringen, von selbst nachzuwachsen.

Interessantes Forschungsobjekt

Nacktmullkolonie im Forschungslabor
Nacktmullen werden im Labor in künstlichen Gängen aus Plexigklasröhren gehalten | Bild: SWR

Es gibt also viele "Superkräfte", die wir uns gerne vom Nacktmull abschauen würden. Ohne Frage sind diese Nagetiere faszinierende Wesen mit erstaunlichen Eigenschaften und das allein rechtfertigt schon einen genaueren, wissenschaftlichen Blick. Ob daraus allerdings tatsächlich eines Tages medizinische Anwendungen für uns Menschen entstehen könnten? Möglich – Wissenschaftler und Biotechnologieunternehmen sind jedenfalls sehr interessiert daran herauszufinden, was das Geheimnis der außergewöhnlichen Nacktmull-Fähigkeiten ist.

Autoren: Herbert Ostwald und Dirk Neumann (SWR)

Stand: 02.08.2019 00:05 Uhr

Sendetermin

So., 25.03.18 | 03:50 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste